Vielleicht das eine Spiel zu viel: Der FC St.Gallen geht nach dem 1:3 gegen Zürich nicht als Wintermeister, aber als guter Dritter und Jäger in die Winterpause

Weil die Young Boys und der FC Basel am Sonntag ebenfalls stolperten, bleibt der FC St.Gallen am Spitzenduo dran. Der Abstand zur Tabellenspitze beträgt nur drei Punkte.

Christian Brägger
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St.Gallens Captain Silvan Hefti (Mitte) hadert nach einer vergebenen Chance.

St.Gallens Captain Silvan Hefti (Mitte) hadert nach einer vergebenen Chance.

Bild: Urs Bucher (St.Gallen, 14. Dezember 2019)

Sie wurden die eindrücklichsten Sequenzen an diesem Samstagabend im Kybunpark. Trainer Peter Zeidler schritt Minuten nach dem Schlusspfiff zu seinen Spielern, die in ihrer Danksagungschoreo vor der noch immer voll besetzten Fankurve standen, bedankte sich für die Vorrunde bei jedem Einzelnen und wünschte schöne Weihnachten. Noch einmal feierte der euphorische Anhang – notabene nach diesem 1:3 gegen Zürich – seinen FC St.Gallen und entliess ihn in die Winterpause. Diese Bilder sagten mehr als tausend Worte, man fühlte, dass die Niederlage, so unnötig sie war, keinen Einfluss hatte auf das vorgefertigte Urteil: Der FC St.Gallen bereitet wieder Freude, und zwar sehr grosse.

Später gab es für die Spieler in der Kabine Pizza, Präsident Matthias Hüppi hielt eine warme Rede, ehe sich alle in die Ferien verabschiedeten. Lukas Görtler verbringt diese nicht wie der Freundin vorgegaukelt im Oman, er überrascht sie mit «ein paar kleinen Inseln an der Sonne». Cedric Itten fliegt nach London, Boris Babic reist quer durch Serbien, während dort im Süden Betim Fazliji seine Familie in Preševo besucht. Zeidler versucht mit seiner Frau im Südtirol abzuschalten, runterzufahren, Energie zu tanken. Ehe er irgendwann noch in sein Frankreich will, ja muss.

Fürs Erste verarbeitete der Coach seine «immense Enttäuschung und das nicht mehr so präsente Gefühl des Verlierens» direkt an der Front, klinkte sich kurzerhand ins Nachtleben der Stadt ein und mischte sich im «Bermuda-Dreieck» unters Volk. Es war eindringlich, wie Zeidler in der Menschenmenge geherzt wurde, ihm immer wieder Lob und Wertschätzung begegneten. Das alles lieferte den nächsten Anhaltspunkt, dass die verlorenen drei Punkte nichts Schlechtes bedeuten und schon gar keinen Schaden bringen müssen.

Der Gesamteindruck bleibt haften

Und so bleibt nicht dieses letzte Spiel gegen Zürich in den Köpfen haften, das vielleicht das eine zu viel war und in dem nicht mehr allzu viel gelingen wollte. Sondern der Gesamteindruck einer ganzen Vorrunde. Weil die Young Boys und Basel am Sonntag ebenfalls stolperten, nehmen die Ostschweizer weiter die Rolle des Jägers ein, die ihnen vielleicht besser bekommt als jene des Gejagten. Immerhin: In einer Saison, in der die zwei Liga-Kolosse beileibe nicht überragend performen, hätte St.Gallen schon einmal Wintermeister sein können, zumindest für einen Tag erstmals Leader seit etwas mehr als sieben Jahren.

Dabei wäre ein Sieg gegen ein aggressives, zuletzt in Fahrt gekommenes Zürich durchaus möglich gewesen. Doch der Beginn mit dem Eigentor Miro Muheims war unglücklich, ebenfalls der dem Gast zugesprochene Penalty kurz vor der Pause, selbst beim zehnten Hinsehen ist Silvan Heftis Foul an Blaz Kramer nur schwer zu erkennen. Kurz davor hätte der FC St.Gallen der letzten Wochen mit Ermedin Demirovic oder Babic die Partie zu seinen Gunsten vorentschieden, dazu trotz Belagerungszuständen nicht fähig war der etwas müde wirkende FC St.Gallen des Samstags.

Dejan Stojanovic: Note 4. Wird kaum geprüft, eine Glanztat bei Nathans Kopfball. Läuft beim 1:3 heraus und verfehlt den Ball. Machtlos beim 0:1 und 1:2.
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Silvan Hefti: Note 4,5. Schaltet sich oft in den Angriff ein und kommt zu Chancen. Der Captain holt den Penalty zum 1:1 heraus, verursacht jenen zum 1:2.
Yannis Letard: Note 3,5. Nicht immer sattelfester Dirigent der Verteidigung. Sieht beim Konter zum 1:3 nicht gut aus.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Spielt in der Innenverteidigung den besseren Part als Letard. Muss in der 71. Minute Guillemenot weichen.
Miro Muheim: Note 3,5. Fälscht in der 3. Minute einen Zürcher Schuss zum 0:1 ab. Steigert sich zu Beginn der 2. Halbzeit, bleibt aber oft ungenau. Hebt beim 1:3 das Abseits auf.
Victor Ruiz: Note 4. Stets anspielbar, auch wenn ihm nicht so viel gelingt. Bisweilen wirkt beim Spanier alles ein wenig kompliziert.
Lukas Görtler: Note 4. Der Vorkämpfer rackert wie eh und je. Spielerische Impulse kann er gegen Zürich jedoch zu selten geben.
Jordi Quintillà: Note 4,5. Gleicht mit Glück vom Elfmeterpunkt aus. Agiert mit viel Ruhe und Umsicht. Aber die zündenden Ideen hat er diesmal nicht.
Boris Babic: Note 4,5. Vergibt Grosschance zur Führung (40.). Oft anspielbar, bleibt diesmal vor dem Tor glücklos.
Cedric Itten: Note 4. Wirkt nicht so frisch. Eine Kopfballchance, hat insgesamt sichtlich Mühe gegen die stämmige Abwehr der Zürcher.
Ermedin Demirovic: Note 4. Trifft nach sehenswerter Einzelleistung nur die Latte. Es ist fast die einzige Aktion des Stürmers.
Jérémy Guillemenot: Note 4. Mit der Einwechslung eines vierten Stürmers geht Zeidler «All inn». Guillemenot kann ab der 71. Minute nichts mehr bewirken.
Tim Staubli: Note -. Kommt in der Schlussphase für Babic zu seinem zweiten Pflichtspiel – zu spät für eine Note.

Dejan Stojanovic: Note 4. Wird kaum geprüft, eine Glanztat bei Nathans Kopfball. Läuft beim 1:3 heraus und verfehlt den Ball. Machtlos beim 0:1 und 1:2.

So blieb die Erkenntnis, dass die Zürcher es geschickt machten mit dem Plan B ihres impulsiven Trainers Ludovic Magnin, sich einzuigeln und zu kontern – die Folge war in der 74. Minute der Zweitorevorsprung. Zu diesem Zeitpunkt war Zeidler längst «All in» gegangen, hatte Leonidas Stergiou und die defensive Stabilität dem vierten Stürmer Jérémy Guillemenot geopfert. Jedenfalls erinnerte die Niederlage an jene während der 140-Jahr-Feier gegen Luzern: Ebenfalls ausverkauftes Haus, ebenfalls grosse Erwartungen und die Möglichkeit, ein Ausrufezeichen an die Liga zu senden, oder wie Görtler sagte:

«Es war wieder ein Spiel, in dem wir es besonders gut machen wollten.»

St.Gallen würde Wiss nun gerne behalten

In der Winterpause wird nun die Personalie Alain Wiss zu klären sein, dessen Vertrag zum Jahresende ausläuft. Die Führung hat mit dem 29-Jährigen geredet, offenbar gibt es eine Vertragsofferte bis Sommer 2020. Wiss selbst ist nur schon froh, zurückgekehrt zu sein nach dem Kreuzbandriss, er will sich nun Gedanken machen und schauen, was für seine sportliche Zukunft das Beste ist. Es ist also ungewiss, ob Wiss die Rückrunde mit St.Gallen mittun wird. Eine Rückrunde, in der es mindestens Platz drei zu verteidigen gilt, welcher nach aktuellem Stand vier Qualifikationsrunden brächte für eine Gruppenphase der Europa League – sofern der Meister nicht auch Cupsieger ist.

Das alles ist Zukunftsmusik, wie auch die Rückkehr in den Trainingsalltag, die für die St.Galler am 2. Januar erfolgt. Am 5. Januar fliegen sie für neun Tage ins Trainingslager nach La Manga, wo sie Testspiele gegen Ingolstadt, Leverkusen und Ostende bestreiten. Am 25. Januar geht es in der Super League gegen Lugano weiter. «Wir wollen wieder attackieren», sagte Zeidler. Der Satz könnte auch als direkte Kampfansage an die Konkurrenz verstanden werden.

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