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Vamos, Betim, vamos! St.Gallen-Spieler Fazliji will ganz nach oben

Mit Betim Fazliji geht am St.Galler Fussballhimmel ein Stern auf. Dabei schien die Karriere des 20-Jährigen nach einem Fehler früh gescheitert.
Christian Brägger
Betim Fazliji ist einer der Jungen, die gegen Sion im St.Galler Kader stehen. (Bild: Urs Bucher)

Betim Fazliji ist einer der Jungen, die gegen Sion im St.Galler Kader stehen. (Bild: Urs Bucher)

Tischtennis. Schweissperlen bilden sich auf Betim Fazlijis Stirn. Im Match liegt er mit zwei gewonnenen Sätzen vorne. Im dritten hinkt er nun hinterher. Er liebt dieses Spiel.

Das haben Fussballer in sich: Das Gefühl für jegliche Art von Bällen, und dass sie sich stets und überall messen wollen. Fazliji ist da keine Ausnahme – und eine Spielernatur, sofern es nicht um Geld geht. Dann schaut er lieber zu.

Betim Fazliji hat seit dem Sommer im FC St.Gallen einen recht steilen Aufstieg erlebt. Ihn hatten da noch die wenigsten auf der Rechnung. Von Leonidas Stergiou oder Angelo Campos sprachen die einen, die anderen von Alessandro Kräuchi oder Boris Babic. Aber von «Beto», wie Freunde und Familie ihn nennen?

Vor ein paar Wochen sagte Mitspieler Alain Wiss in einer kleinen Runde:

«Der Fazliji hat das grösste Potenzial der Jungen. Ihm traue ich am meisten zu.»

St.Gallen-Trainer Peter Zeidler. (Bild: Freshfocus)

St.Gallen-Trainer Peter Zeidler. (Bild: Freshfocus)

Auch Peter Zeidler hat den 20-Jährigen in der Öffentlichkeit schon gelobt. Aber nicht in der Art, wie der Coach das immer mal wieder tut nach Erfolgen, um alle im Siegerboot zu wissen oder sie hinein zu holen. «Man braucht keine Brille, um zu sehen, dass Betim versteht, was wir wollen. So stellt man sich einen Spieler vor.» Es wirkte anders.

Der Import aus dem Rheintal – genauer gesagt: Aus Rebstein

Wieder einmal nach Nicolas Lüchinger hat es einer geschafft aus dem Rheintal, sinnigerweise Chancental genannt, sich im FC St.Gallen festzubeissen. Fazliji ist ein Import aus Rebstein, dort hat er auf der Birkenau das Fussballspiel bis zu den D-Junioren erlernt, ehe die Rheintal-Bodensee-Auswahl und nach einem Sichtungstraining die U16 bei Future Champs Ostschweiz FCO folgten. In Rebstein ist er aufgewachsen mit den Eltern, der sieben Jahre älteren Schwester und dem neun Jahre älteren Bruder. «Ich bin halt ein bisschen später gekommen», sagt der Nachzügler.

Doch eigentlich kam er früher als erwartet zur Welt, in Preševo, einer Kleinstadt im Süden Serbiens, nahe der Grenze zu Nordmazedonien und zu Kosovo. Damals machte die Mutter Ferien in der Heimat, doch der Krieg brach aus und sie konnte nach der verfrühten Geburt nicht ausreisen. Und der Vater, der bis heute als Schweisser schichtet, nicht einreisen. Zwei Monate später sollte er den kleinen Betim ein erstes Mal sehen.

Revanche im Tischtennis. Fazliji verliert die Konzentration, gerät im zweiten Match in Rücklage. Er kämpft, wie er das immer tut auf dem Platz, peitscht sich nach vorne, schreit sich an: «Vamos Betim, vamos!» Geduscht nach dem Training, schwitzt er in seinem Metallica-Shirt nun so richtig; es steht nicht für die Musik, die er gerne hört (eher deutscher Rap). Vielleicht aber für seine Attitüde, die da heisst: Ich bin einer, der ganz nach oben will.

Bissig: Betim Fazliji im Zweikampf mit Basels Noah Okafor. (Bild: Keystone)

Bissig: Betim Fazliji im Zweikampf mit Basels Noah Okafor. (Bild: Keystone)

Die «brutale» Schambeinentzündung zerstört fast die Karriere

Ganz nach oben. So weit ist es noch nicht. Aber einige Stufen hat Fazliji schon erklommen. Nach seinem Wechsel zu FCO war er im Mittelfeld stets gesetzt, einzig in der U18 gab es anfänglich unter den Trainern Marco Otero und Kristijan Djordjevic wenig Einsätze: «Sie hatten halt ihre Spieler, die sie mochten.» Fazliji wurde in der U18 später unter Coach Boro Kuzmanovic ein Aussenverteidiger, spielte diese Position auch in der U21, ehe er mit knapp 19 Jahren wegen einer «brutalen Schambeinentzündung» sieben volle Monate aussetzen musste.

Ein zu hoher Schmerzmittelkonsum ohne Rücksprache mit den Ärzten, weil er immer spielen wollte, machte diese Pause notwendig.

«Es war, als ob im Auto eine Warnlampe aufleuchtet, du diese aber einfach kaputtmachst und trotzdem weiterfährst. Das war dumm von mir, und ich war halt stur.»

Fazliji liess sich Eigenblut spritzen, machte Stosswellentherapien, alles nützte nichts. Erst Cortison brachte die erhoffte Wirkung und Fazliji den Glauben an die Fortführung der Karriere. Er habe seine Lektion gelernt, höre nun auf die Signale des Körpers, sagt der Jungprofi heute.

Sportchef Alain Sutter. (Bild: Benjamin Manser)

Sportchef Alain Sutter. (Bild: Benjamin Manser)

«Wir lagen uns in den Armen»

Schnell fand Fazliji in der Folge die Nähe zur ersten Mannschaft, im Sommer, nach einer neuerlichen Trainingsphase unter dem «Herrn Zeidler», folgte der Telefonanruf des Sportchefs, der alles veränderte. «Herr Sutter hat mich zu Hause angerufen, gefragt, wie es mir gehe. Und gesagt, ich bekäme einen Zweijahresvertrag. Wir, mein Vater und ich, lagen uns in der Küchenecke in den Armen, jubelten wie nach einem Torerfolg.» Fazlijis Augen glänzen, sein Glücksgefühl ist fast greifbar.

Fazliji wirkt wie ein kleiner Lausbub. Zumindest der Gesichtsausdruck des KV-Absolventen suggeriert dies. Stets ein verschmitztes Lächeln, meist eine lustige Geste, und dann dieser Hundeblick. Flausen hatte er in der Schule viele im Kopf. «Ich habe die Lehrer schon genervt, oder bei Halloween Tomaten an die Häuser geschmissen.» Heute hat er sich mehr im Griff, er dürfe ja als Junger nicht ein Showman sein. Im Verein mag ihn jeder, «bodenständig ist der Fazliji, ein absolut flotter Kerl», heisst es.

Der Lausbub, den alle mögen - auch weil er ein Glücksbringer ist

Vor allem ist er ein Glücksbringer. Sei es als Mittelfeldspieler, wo Andrés Iniesta oder Sergio Busquets seine Vorbilder sind, und im FC St.Gallen, wo die Konkurrenz härter ist. Oder in der Innenverteidigung. Sechsmal kam Fazliji bislang zum Einsatz, sechsmal hat St.Gallen gewonnen, auch wenn er einmal gegen Lugano bereits nach 30 Minuten ausgewechselt wurde. «Das war schon hart. Der Herr Zeidler hat taktisch so entschieden, wir haben gewonnen, der Trainer hat alles richtig gemacht.» Fazliji siezt alle Leute in der Clubführung.

Die meisten Bewohner Preševos fühlen sich als Albaner, auch die Fazlijis, trotz serbischem Pass. Theoretisch könnte der St.Galler auch die Staatsbürgerschaft des Kosovo beantragen. Aber für die Schweizer U20-Nationalmannschaft hat er schon gespielt, was ihn unglaublich stolz macht. «Ich hatte Gänsehaut», sagt er. In der Nacht davor hatte er kaum den Schlaf gefunden vor lauter Vorfreude und Anspannung. Zappelig ist er noch heute vor jedem Spiel, das braucht er auch. «Dann bin ich der Betim.» Und dann ist er ganz der Bub, der jede Sekunde seine Traumes bewusst aufsaugen und leben will.

Das zweite Tischtennisspiel hat Fazliji verloren. Er sagt, er müsse nachher nochmals duschen, fordert aber zuerst einen Entscheidungsmatch. «Vamos Betim, vamos!», schreit er sich an.

Zeidler: Vorrechnen mit Kater «Zizou»

Als Peter Zeidler der Trainer des FC Sion war, musste er dem Präsidenten Christian Constantin vorrechnen, wo er wie viele Punkte holt in der Saison. Im FC St.Gallen gibt es diese Vorhersagepflicht nicht für den Deutschen; er holt die Zähler einfach. Zumindest seit sieben Spielen mit sechs Siegen und einem Unentschieden ist das so. Das ist für diese Phase deutlicher Liga-Bestwert. Auf der anderen Seite hat Sion-Coach Stéphane Henchoz im Vorschaugespräch auf die Saison seinem Chef Constantin bestimmt versprochen, er werde dann am 2. November im Osten der Schweiz – Spielbeginn ist am Samstag um 19 Uhr – schon punkten. Aber da hat der frühere Schweizer Internationale noch nicht gewusst, was für ein Kaliber das Team von Zeidler sein und welchen Flow es erleben könnte. Und vielleicht hat er auch noch nicht gewusst, wie der FC Sion wirklich tickt. Nach fünf sieglosen Partien mit nur einem Punktgewinn hat Henchoz nämlich unter der Woche einen «Wachhund» als Assistenten an der Seitenlinie erhalten in der Person von Christian Zermatten, einem Constantin-Vertrauten.

Zeidler weiss, dass St.Gallens starke Serie irgendwann zu Ende gehen wird. Angst davor hat er keine. Weil sie ein schlechter Ratgeber wäre, sagt er. «Wir wollen unsere Euphorie einfach noch so viele Spiele wie möglich leben.» Auch spürt Zeidler, dass gegen die formschwachen Walliser, die er am Mittwoch im Cup in Linth beobachtet hat, eine bessere Leistung nötig sein wird als zuletzt in der zweiten Halbzeit gegen Lugano. «Im Tessin habe ich gesehen, dass es immer noch viel zu tun gibt», sagt er. «Aber: Mehr als Siege einfahren können wir auch nicht.» Stolz ist er, dass der Teamgeist ständig wächst, die Spieler begeistert sind, zusammen zu sein. «Und es hilft zu wissen, dass wir selbst Partien gewinnen können, in denen es nicht läuft.» In seiner Zeit beim FC Sion hat Zeidler nie den Einsatz eines «Wachhunds» erlebt. Er habe sich in jenem Lebensabschnitt stattdessen mit seiner Frau dazu entschlossen, einen Kater zu kaufen. Und diesen «Zizou» getauft. Katzen sind ja auch pflegeleichter. (cbr)

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