Trainer sind abhängig vom Vorgänger

Wenn Fussball-Trainer eine neue Aufgabe antreten, werden sie bald einmal als Heilsbringer oder Versager eingestuft. Dabei hängen ihre Erfolge oft von dem ab, was ihre Vorgänger hinterlassen haben.

Fredi Kurth
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St.Gallens Coach Joe Zinnbauer vermag seine Mannschaft als Motivator zu stimulieren. (Bild: MARCEL BIERI (KEYSTONE))

St.Gallens Coach Joe Zinnbauer vermag seine Mannschaft als Motivator zu stimulieren. (Bild: MARCEL BIERI (KEYSTONE))

Die Redensart, ein Bild sage mehr als tausend Worte, trifft nicht immer zu. Denn eine Fotoaufnahme hält nur einen Sekundenbruchteil fest und zeigt eine Person nicht selten in untypischer oder unvorteilhafter Pose. Im Falle des Frontbilds im Print-Tagblatt von diesem Montag könnte der Anblick typischer nicht sein: Im Vordergrund Joe Zinnbauer, der mit offenem Mund und ausgestrecktem Arm seine Anweisungen untermalt. Im Hintergrund Jeff Saibene, der mit verschränkten Armen und skeptischem Blick Richtung Zinnbauer und Spielfeld blickt.

St. Gallens Startschwächen
Die beiden Trainer, die am Sonntag in Thun ihren Showdown hatten, unterscheiden sich zumindest in ihrem Temperament. Was sie bezüglich Einfluss auf die Mannschaft trennt, darüber tappen wir noch im Dunkeln, weil Zinnbauers Tätigkeit als St.Gallens Cheftrainer im Vergleich zur langen Ära von Saibene erst begonnen hat. Saibene will Details in den taktischen Anweisungen gesehen haben, ohne sie näher zu benennen.

Experte Markus Frei glaubte bei Teleclub, mehr sorgfältigen Spielaufbau von hinten erkannt zu haben. Offensichtlich erscheint mir, dass die Mannschaft versucht, den Gegner früher und resoluter zu stören und mit schnellen Leuten auch das Tempo zu forcieren. Das gelingt unterschiedlich gut. Vor allem in der Anfangsphase hat sich nichts daran geändert, dass der Gegner die St.Galler relativ leicht überläuft und zu grossen Chancen kommt. Diese Schwäche hatte Jeff Saibene selbstverständlich noch in bester Erinnerung.

Nur anpeitschen zu wenig
Auf eine andere Frage, nämlich was ein neuer Trainer kurzfristig bewirken kann, darauf gibt es in diesen Wochen interessante Antworten. Unbestritten ist, dass ein beschwingter Motivator eine Mannschaft zu stimulieren vermag. Wesentlicher ist jedoch, was die Mannschaft bezüglich Einsatzbereitschaft unter dem Vorgänger noch geboten hat. Je kleiner die Motivation der Spieler war, desto günstiger ist die Voraussetzung für den neuen Hoffnungsträger.

Hütter will Erkennungswert
Bei den Young Boys zum Beispiel war bei einigen Akteuren das Vertrauen in Uli Forte, immerhin im Sommer 2013 noch "Trainer des Jahres", offensichtlich geschwunden. Das sickerte bald einmal durch. Dass Neuankömmling Adi Hütter aus dem ewigen Zweiten (letzter Meistertitel 1986, letzter Cupsieg 1987) in wenigen Tagen ein Spitzenteam mit Hang zur langen Siegesserie formen kann, das hat er indirekt selber dementiert. "Wir wollen eine Mannschaft mit eigenem Erkennungswert werden", sagte der Vorarlberger nach der unglücklichen Niederlage in Basel mit Blick auf die Zukunft. Just im Cup unterlag dann YB daheim gegen Zürich und mit anschliessendem Remis in der Meisterschaft, also gegen jenen FCZ, der mit Sami Hyypiä den schwächsten Start unter einem neuen Coach verzeichnete.

Saibene hinterliess eine Grundlage
Auch Jeff Saibene dürfte in Thun nicht plötzlich zum Wunderdoktor avanciert sein, sondern profitierte von den Irritationen in der kurzen Phase mit Ciriaco Sforza. Sonst würde man sich fragen, warum seine Heilmittel zuletzt nicht schon in St.Gallen gewirkt haben. Umgekehrt hat Joe Zinnbauer offensichtlich eine Mannschaft angetroffen, die moralisch intakt war und diesbezüglich kaum Leistungspotenzial bot. Fortschritt entwickelt sich hier in erster Linie über taktische Korrekturen und die Substanz, und die ist nun einmal begrenzt.

Fall und Aufstieg von Gladbach
Das Schulbeispiel hat sich wahrscheinlich bei Borussia Mönchengladbach ereignet. Der verletzte Captain Martin Stranzl sprach schon nach dem 0:0 bei Juventus Turin über die schwierige Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Trainer Lucien Favre. Er habe die Spieler kaum einmal gelobt und sei immer nur gleich mit dem Videoband zur Stelle gewesen, um die Fehler aufzuzeigen. Das erklärt wohl mehr als alles andere, weshalb Gladbach plötzlich absackte, fünfmal hintereinander verlor und kaum noch Tore erzielte.

Die Spieler verweigerten sich bewusst oder unbewusst gleich zu Beginn der Saison. Mit Schubert spielt die Mannschaft nun wieder eine andere Musik. Es genügte, dass der bisherige Dirigent seinen Stab weiterreichte; der neue Mann fand ein bestens harmonierendes Ensemble vor. Mönchengladbach hatte mit seinem Interimstrainer Andre Schubert die ersten sechs Ligaspiele alle gewonnen und schiesst Tore zuhauf. Das soll nun ausschliesslich sein Verdienst sein?

Viel Zufall im Fussball
Auf die früher bei Trainerwechseln oft gehörte Binsenweisheit "Neue Besen kehren gut" ist nicht mehr Verlass. Das dürften vor allem Anhänger des FC Zürich bestätigen. Allerdings steckt im Fussball zu viel Zufall, als dass ein paar Spiele eine Startphase richtig einschätzen lassen. Das Wort "Glück" ist im Zusammenhang mit dem FC St.Gallen zuletzt häufig verwendet worden. Aber ist es umgekehrt nur Zufall, in diesem Fall Pech, dass der FC Zürich unter neuem Trainer noch kein Meisterschaftsspiel gewonnen hat? In der noch langen Saison wird jedenfalls für alle Teams die Entwicklung und nicht die Momentaufnahme massgebend sein.

Aufgefallen

Inwieweit Kunstrasen Mannschaften bevorteilt, ist umstritten. Tatsache ist, dass eine solche Unterlage für den FC St.Gallen einen Nachteil bedeutet. Neun Auswärtsspiele hintereinander bei einer Tordifferenz von 5:26 waren zuletzt gegen die Young Boys und Thun verloren gegangen. Niederlagen mit zwei bis vier Toren Unterschied waren die Regel. Der letzte Sieg stammte vom 18. August 2012 mit einem 1:0 im Berner Oberland. Nun hat St.Gallen am Sonntag der Negativserie ein Ende bereitet. (th)