St.Galler Dominanz auf dünnem Eis

Mit einem hart erarbeiteten 3:2-Sieg in Neuenburg hievt sich der FC St.Gallen auf den zweiten Platz. Die Ostschweizer machen vieles richtig – zeigen aber zu Beginn haarsträubende Schwächen in der Defensive.

Ralf Streule, Neuenburg
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Torschütze Cedric Itten (rechts) und Majeed Ashimeru bejubeln das 2:1. Beide trugen einiges zum gestrigen Sieg bei. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Torschütze Cedric Itten (rechts) und Majeed Ashimeru bejubeln das 2:1. Beide trugen einiges zum gestrigen Sieg bei. (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Man hat sich beim FC St.Gallen unter Trainer Peter Zeidler daran gewöhnt: Top und Flop, solide und wacklig, Freude und Ärger liegen nahe zusammen – oft innerhalb eines Spiels, manchmal innerhalb von Halbzeiten, zuweilen sogar innerhalb weniger Minuten. Die Ostschweizer bewegen sich mit ihrem angriffigen Spiel noch immer auf dünnem Eis. So war es auch gestern. Top war die zweite Halbzeit. Flop die erste halbe Stunde. Und Zeidler gab an der Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg gegen Xamax zu: Er hatte sich so richtig geärgert zu Beginn. «So sehr, dass ich mich bei den Spielern entschuldigen musste. Doch das war nicht das Niveau, das wir spielen können.» Kontrolle gegen einen auf dem Papier schwächeren Gegner hatte er gefordert. Dominanz. Und den roten Faden im Spiel, der sich zuletzt bei den Ostschweizern immer wieder gezeigt hatte, der aber auch stets ein dünner Faden geblieben war. Und der vor allem im Heimspiel gegen Luzern praktisch inexistent war.

Lücken klaffen zwischen Abwehr und Mittelfeld

Dabei war Zeidlers Forderung ja eigentlich bereits in der ersten Hälfte eingelöst worden. Die St.Galler hatten das Spiel an sich gerissen. Doch es war eine instabile Dominanz. Bei Ballverlusten im Mittelfeld der Ostschweizer war das Loch zwischen Abwehrreihe und Mittelfeld stets gross, die Neuenburger nutzten dies mit schnellen Pässen in die Tiefe, überraschten die Verteidiger Mal für Mal. Einer dieser Angriffe führte zum 0:1. Raphael Nuzzolo wurde (abseitsverdächtig) steil lanciert. Seinen Lauf beendete er mit einer Finte und einem Rückpass zu Charles-André Doudin. «Ich kann mir diese Schwächen nicht erklären», sagte Zeidler nach dem Spiel. Es gelte künftig geschlossener aufzurücken.

Es sind Unsicherheiten, die beim risikoreichen St.Galler Spiel wohl auch künftig nur schwer zu vermeiden sein werden. Wie ihr Fussball auch aussehen könnte, zeigten die Ostschweizer nach der Pause. Dazu kam eine bisher nicht gekannte Eckballstärke. Sowohl Jordi Quintillàs 1:1 wie auch Cedric Ittens 2:1 fielen nach einem Corner. Die Führung hatte sich die Mannschaft erarbeitet, mit grossem Laufpensum, schnellem, genauem Spiel – und einer unterdessen weit stärkeren Defensivleistung. Und auch auf den Ausgleich, der nach einem strengen Penaltypfiff fiel, hatten die St. Galler eine Antwort. Das 3:2 in der 86. Minute war die Krönung einer spielerisch starken zweiten Hälfte: Quintillà schickte Itten sehenswert, dieser bediente mit viel Übersicht den eingewechselten Dereck Kutesa: 3:2.

Dereck Kutesa: Note 4,5. Bringt nach seiner Einwechslung auf der linken Seite neuen Schwung. Läuft sich vor dem 3:2 stark in Position.
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Nicolas Lüchinger: Note 3. Oft einen Schritt zu spät in der Defensive. Nach vorne mit Willen, aber wenig Genauigkeit.
kekuta Manneh: Note 4. Bringt über links weit mehr Dampf als Tafer zuletzt. In seinen Aktionen aber zuweilen etwas zu umständlich.
Leonel Mosevich: Note 4. Bei seinem ersten Spiel mit Anlaufschwierigkeiten, kommt dann immer besser ins Spiel. Solid.
Jordi Quintilla: Note 4,5. Sehr abgeklärt und ruhig bei seinem Tor. Im Aufbau mit Ideen, arbeitet auch defensiv viel.
Vincent Sierro: Note 4,5. In der ersten Hälfte der stärkste St.Galler. Technisch überragend, mit Übersicht. Baut am Ende etwas ab.
Yannis Tafer: Note 3,5. Kommt für die letzte Viertelstunde – findet dabei aber nicht ins Spiel. Keine nennenswerte Aktion.
Andreas Wittwer: Note 3,5. Unscheinbar, in der Defensive aber meist präsent. Nach vorne erwartet man von ihm mehr.
Dejan Stojanovic: Note 4. Bei den Gegentoren ohne Chance. Sonst nicht oft geprüft. Behilft sich zu oft mit hohen Abschlägen.
Majeed Ashimeru: Note 4,5. Taucht erst in der zweiten Halbzeit auf. Dann jedoch einmal mehr ein Aktivposten mit viel Übersicht und auch defensiven Stärken.
Roman Buess: Note 4. Mannschaftsdienlich, kämpft leidenschaftlich und legt öfters gut ab. Zu Beginn wenig ballsicher. Ohne nennenswerte Torchance.
Silvan Hefti: Note 4,5. Beim Gegentor nicht auf der Höhe – danach aber äusserst stabil, mit sehr abgeklärtem und kreativem Spiel im Aufbau.
Cedric Itten: Note 5. Sein Assist vor dem Siegestor ist grosse Klasse. Trifft zum 2:1. Vergibt in der ersten Hälfte aber zweimal in aussichtsreicher Position.

Dereck Kutesa: Note 4,5. Bringt nach seiner Einwechslung auf der linken Seite neuen Schwung. Läuft sich vor dem 3:2 stark in Position.

«Den zweiten Platz dürfen wir nicht überbewerten»

Damit ging Zeidlers Rechnung auf, nach dem Luzern-Spiel auf mehreren Positionen Änderungen vorzunehmen. Nassim Ben Khalifa hatte er auf der Tribüne belassen, Milan Vilotic, Dereck Kutesa und Yannis Tafer auf der Bank. Nicht als Abstrafung für vorhergehende Leistungen sei das gedacht, sondern als Mittel, die Akteure wachzuhalten, so erklärte der Trainer die Wechsel. Leonel Mosevich und Kekuta Manneh kamen dafür zu ihren ersten – soliden bis guten – Super-League-Einsätzen. Dank des Sieges stehen die St.Galler auf dem zweiten Platz hinter den Young Boys, eine Niederlage hätte sie auf den achten Rang zurückgeworfen – und gleichzeitig viel Vertrauen gekostet. Eine grosse Erleichterung sei das, sagte Zeidler. «Ob wir den Sieg verdient haben? – Ich weiss es nicht. Doch den zweiten Tabellenplatz dürfen wir nicht überbewerten.» Der Erfolg vor der Nationalmannschaftspause gibt dem Team jedenfalls zwei Wochen Luft, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Nicht auszudenken, was passiert, sollte St.Gallen seine Defensivschwächen auch noch ablegen.

Dramatischer Sieg bei Xamax: Der FC St.Gallen stürmt auf Rang 2

Lange sah es danach aus, als würde der FC St.Gallen gegen Aufsteiger Xamax die zweite Niederlage in Folge kassieren. Dann drehten die Espen die Partie dank eines Doppelschlags, kassierten den Ausgleich - und gingen dank Dereck Kutesa doch noch als Gewinner vom Platz.
Daniel Walt