St.Gallens Mittelfeldspieler Victor Ruiz: «Es blieb mir nichts anderes übrig, als in die vierte Liga zu gehen» 

Nach dem Transfer von Formentera in die Schweiz im vergangenen Winter wurde es ruhig um den Spanier Victor Ruiz. Zum Saisonauftakt ist der 25-Jährige beim FC St.Gallen Stammspieler.

Patricia Loher und Arcangelo Balsamo
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Victor Ruiz hat in St.Gallen einen Vertrag bis 2021 unterschrieben. Bild: Urs Bucher

Victor Ruiz hat in St.Gallen einen Vertrag bis 2021 unterschrieben. Bild: Urs Bucher

Das eine halbe Jahr war lang. Für Victor Ruiz länger als sonst ein halbes Jahr. Ein neues Land, eine schwierige Sprache, Regen und immer wieder Schnee. Vielleicht wäre dem Spanier aus Valencia im Januar der Start in der Schweiz ein bisschen leichter gefallen, hätte er für seinen neuen Club regelmässiger gespielt.

Doch Alain Sutter hatte den 25-Jährigen als Perspektivspieler geholt. Also als einen Akteur, dem Zeit gegeben werden soll. Ruiz, so sagte der Sportchef, soll dereinst die Position von Vincent Sierro übernehmen. Nach einer Partie von Beginn an und vier Teileinsätzen in der vergangenen Rückrunde gab es die Zweifel, ob der neue Mann aus Spanien die Lücke von Sierro je würde schliessen können.

Ruiz musste sich erst an viel Neues gewöhnen

Ruiz weiss um diese kritischen Fragen. Heute sagt er: «Ich musste mich an viel Neues gewöhnen in der Schweiz. Diese Phase habe ich hinter mir, und deshalb läuft es mir auch auf dem Platz besser.» Zum Saisonauftakt war Ruiz Stammspieler.

Im dritten Spiel hat er am Sonntag in Neuenburg zum ersten Mal getroffen für St.Gallen. Der wendige, 1,72 m grosse Mittelfeldspieler, der eigentlich eine Nummer zehn ist, in der Ostschweiz aber als Achter agiert, erzielte ein Traumtor und brachte seine Mannschaft aus dem Nichts in Führung. Nach einem halben Jahr im Schweizer Winter fast in Vergessenheit geraten, ist der Spanier im Sommer aufgetaucht.

Ruiz hat in den ersten Saisonspielen ebenso überrascht wie Sportchef Sutter, als er den Spieler im Winter aus dem Ärmel zauberte. Ruiz kam von der Insel Formentera nach St.Gallen. Kaum jemand in der Schweiz dürfte gewusst haben, dass auf der kleinen balearischen Ferieninsel Fussball gespielt wird. «Professionell», sagt Ruiz.

«Ich war immer Profi.
Selbst in der vierthöchsten Liga.»

Es ist nicht so, dass die Qualitäten von Ruiz nur für Spaniens dritt- oder vierthöchste Ligen ausreichten. Aber es gab in der Karriere des jungen Fussballers einen Knick. «Falsche Berater und eine schwere Knieverletzung», sagt er.

Der Mittelfeldspieler hatte während 13 Jahren die Nachwuchsabteilung des FC Valencia durchlaufen, spielte für die zweite Mannschaft und trainierte mit Spielern des Primera-Divisions-Teams wie Ever Banega, Daniel Parejo und das unter dem Coach Nuno Espirito Santo.

Ukrainer ziehen sich zurück

Doch dann lockte das Ausland, obwohl ihn Valencia weiter für seine zweite Mannschaft engagieren wollte. Aus der Ukraine lag ein Angebot vor. Es schien sich ein Transfer anzubahnen, als sich die Interessenten plötzlich zurückzogen. Die Verantwortlichen des 1.-Liga-Clubs Karpaty Lwiw waren nicht darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass Valencia eine Ausbildungsentschädigung von einigen 100'000 Franken zustand. «Die Transferfenster in der höchsten, zweit- und dritthöchsten Liga waren geschlossen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als in die vierte Liga zu gehen. Sonst hätte ich ein halbes Jahr keinen Club gehabt.» Die Situation sei frustrierend gewesen. Er sagt:

«Ich habe in Valencia mit den Besten trainiert, und dann musste ich in die vierthöchste Liga.»

Ruiz spielte für Clubs wie Utiel, Olimpic Xativa oder Yeclano, ehe er nach Formentera ging. In einem Spiel auf Mallorca wurde er schliesslich von St.Gallens Sportchef Sutter und dem Aktionär Steffen Tolle unter die Lupe genommen. Ruiz erfuhr zehn Minuten vor dem Spiel, dass er unter Beobachtung stehen wird.

Victor Ruiz (links) bejubelt in Neuenburg sein erstes Tor für den FC St.Gallen. (Bild: Pascal Muller/Freshfocus)

Victor Ruiz (links) bejubelt in Neuenburg sein erstes Tor für den FC St.Gallen. (Bild: Pascal Muller/Freshfocus)

Nach einem Telefonat mit Landsmann Jordi Quintillà entschied sich Ruiz, das Angebot aus St.Gallen anzunehmen. Es ist für den Spanier das erste Engagement im Ausland. Nun fühlt er sich gut in der Schweiz. Er hat ein spanisches Lokal in St.Gallens Altstadt entdeckt. Und Appenzell ist einer seiner Lieblingsplätze geworden. Angefreundet hat er sich mit Quintillà und Jérémy Guillemenot. Auch St.Gallens Trainer Peter Zeidler spricht unterdessen einige Sätze spanisch. Ruiz sagt, er sei immer wieder überrascht, welche Wörter der Coach dazulerne.

Ruiz besitzt eine Saisonkarte des FC Valencia

Zudem erhält der Fussballer regelmässig Besuch aus der Heimat von der Familie und der Freundin. Mit dem Vater, einem ehemaligen Fussballer, verbindet ihn noch immer eine grosse Leidenschaft: der FC Valencia. Vater und Sohn besitzen eine Saisonkarte im legendären Stadion Mestalla. Von Ruiz’ Saisonabonnement profitieren nun vor allem die Freunde in Spanien. Ruiz weiss, dass St.Gallen in der Europa League einmal gegen seinen Herzensclub angetreten ist. «Und es ist möglich, wieder europäisch zu spielen», sagt er.