«St.Gallen, das war im Rückblick eine geile Zeit»: Jeff bleibt Jeff – wie das Wiedersehen der Espen mit Ex-Coach Saibene verlief

Jeff Saibene trainiert erfolgreich Ingolstadt. Er hat sich verändert, aber seine Art ist dieselbe.

Christian Brägger aus La Nucia
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Jeff Saibenes Haare sind ein bisschen grau geworden, die Pracht hat er sich bewahrt.

Jeff Saibenes Haare sind ein bisschen grau geworden, die Pracht hat er sich bewahrt.

Christian Brägger

Nach den Jahren mit St.Gallen hat man Jeff Saibene nie ganz aus den Augen verloren. Verfolgt, was er so macht. Einzig nach der Entlassung in Bielefeld im Dezember 2018 verschwand er für ein halbes Jahr von der Bildfläche. Der Luxemburger brauchte eine Auszeit, er war seit 2011 ja fast ununterbrochen Trainer. Und nun findet das Rendezvous mit der Vergangenheit ausgerechnet in Spanien statt. Zwischen ihm, seit einem halben Jahr Coach des FC Ingolstadt, und dem FC St.Gallen.

Die sechs Monate nützte Saibene für sich, hospitierte bei Trainer Marco Rose und Salzburg. Vor allem nahm er sich viel Zeit für die Familie, sie war in all den Jahren zu kurz gekommen. Er besuchte mit seinen erwachsenen Söhnen New York, bereiste den Oman mit seiner Frau, die heute noch im Kanton Aargau wohnt – nach Ingolstadt sind das lediglich vier Autostunden.

Saibene hat diese freien Monate auch gebraucht, weil die Entlassung in Bielefeld heftig gewesen war. Kurz davor hatte er für drei Jahre den Vertrag verlängert, die «klinisch tote Arminia» vor dem Abstieg aus der 2. Bundesliga gerettet, auch die Barrage umschifft. Und sie in der Folgesaison auf den vierten Platz geführt. Doch die vielen sieglosen Partien zuletzt waren zu viel. Er sagt:

«Es zeigte mir, wie knallhart der Fussball sein kann. Peng, und du bist von heute auf morgen weg.»

Der Rauswurf habe ihn abgehärtet, er werde niemals mehr so emotional sein.

Der Ruf hatte dennoch nicht gelitten. Bereits kurze Zeit später gab es Angebote von Vereinen, denen gemein war, dass sie im negativen Lauf steckten und gegen den Abstieg spielten. Saibene fühlte sich nicht bereit, wollte dieses Bibbern und diesen Stress nicht nochmals erleben wie mit Bielefeld. Und dann kam Michael Henke ins Spiel, der Sportchef der Ingolstädter und der vielleicht bekannteste Co-Trainer früherer Jahre als Assistent von Welttrainer Ottmar Hitzfeld. Henke, gebürtig in Paderborn und nach Bielefeld orientiert, befand die Arbeit Saibenes aus der Ferne für gut. Er holte Erkundigungen ein, hörte Positives, und heute sagt er: «Wir sind sehr zufrieden.»

Als Saibene kam, verliessen 21 Spieler den Club

Ingolstadt ist Audi-Stadt und nur schon deshalb kein normaler 3.-Liga-Club. Die Strukturen mit angehängtem Nachwuchszentrum und den eineinhalb Trainingsplätzen allein für die erste Mannschaft bringen Perspektiven, auch wenn der Club erst 2004 gegründet wurde und keine grosse Tradition hat. Früher war Ingolstadt bekannt dafür, viel zu bezahlen, heute stehen mindestens elf eigene junge Spieler im Kader. Als nun Saibene diesen Sommer kam, wurde das Kader runderneuert, 21Spieler verliessen den Club. Ziel ist es, etwas behutsam aufzubauen, der Aufstieg ist nicht die Vorgabe. Aber weil die Arbeit von Saibene früh fruchtete, ist man zur Winterpause Zweiter. Henke sagt: «Was man hat, will man nicht hergeben.» Allein schon der TV-Gelder wegen. Heuer erhalten die Clubs der 2. Bundesliga 18 Millionen Euro, eine Liga tiefer gibt es eine Million.

Saibene lässt unterdessen flexibler spielen als früher, ist aber immer noch pragmatisch orientiert. Heisst: Er passt sein System dem Team an und nicht umgekehrt wie St.Gallen. Äusserlich hat sich der 51-Jährige kaum verändert, er wählt noch dieselben Worte wie einst in St.Gallen, die Haarpracht ist noch dieselbe, die freundliche, stets zugängliche Art ebenfalls. Er sei aber ruhiger geworden, «das Wichtigste in meinem Beruf sind die Erfahrungen». Und je näher das Testspiel rückt, desto sentimentaler wird Jeff Saibene, «ja, St.Gallen, das war im Rückblick eine geile Zeit».