«St.Gallen braucht Topverdiener»

Nach seinem Rücktritt als Trainer des FC St.Gallen wirkt Jeff Saibene erleichtert. Der 46jährige Luxemburger über frischen Wind, eine neue Strategie in der Transferpolitik und ein Spiel, das ihn besonders geprägt hat.

Patricia Loher/Christian Brägger
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Jeff Saibene will sich nun erst einmal «erholen und runterfahren», um dann etwas Neues anpacken zu können. (Bild: Ralph Ribi)

Jeff Saibene will sich nun erst einmal «erholen und runterfahren», um dann etwas Neues anpacken zu können. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Saibene, war bloss das 0:1 im Spiel in Vaduz ausschlaggebend für Ihren Entscheid? Oder gab es auch Signale aus der Mannschaft, die Sie dazu bewogen, das Traineramt niederzulegen?

Jeff Saibene: Nein. In Vaduz war sogar eine Steigerung auszumachen. Nur: Wir verwerteten sechs, sieben gute Möglichkeiten nicht. Vielleicht war auch das ein Zeichen, um zu sagen: Es braucht frischen Wind, es braucht neue Ideen. Ich bin überzeugt: Es ist die beste Lösung – für die Mannschaft und für den Club.

Goalie Daniel Lopar hat in Vaduz die Einstellung einiger Spieler im Training kritisiert.

Saibene: Es gibt in jeder Mannschaft Spieler, die besser trainieren, und solche, die weniger gut trainieren. Im grossen und ganzen finde ich nicht, dass es in dieser Hinsicht gravierende Probleme gegeben hat.

10.11.2013: Jeff Saibene im Regen; dennoch gewinnt sein FC St.Gallen das Cup-Achtelfinalspiel gegen Aarau mit 4:0. (Bild: Urs Jaudas)
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8.03.2011: FC St.Gallen Präsident Dölf Früh stellt Jeff Saibene als neuen Trainer vor. (Bild: Keystone)
25.05.2011: Saibene kann den Abstieg in die Challenge League nicht verhindern. Der FC St.Gallen verliert das letzte Meisterschaftsspiel gegen die Young Boys mit 2:4. (Bild: Keystone)
13.05.2012: Nach dem 2:0-Sieg gegen den FC Locarno ist der Wiederaufstieg perfekt. (Bild: Keystone)
19.05.12: Bierdusche für den Wiederaufstiegstrainer. (Bild: Urs Bucher)
28.07.12: Nach dem 3:1-Sieg gegen den FC Zürich übernimmt das Team von Jeff Saibene die Tabellenspitze. (Bild: Michel Canonica)
20.08.12: Jeff Saibene kann sich nach dem Sieg über den FC Basel ein Lächeln nicht verkneifen. (Bild: Urs Bucher)
29.08.13: Der FC St.Gallen schafft die Sensation und zieht nach einem 4:2-Auswärtssieg in die Gruppenphase der Europa League ein. (Bild: Urs Bucher)
3.10.2013: Jeff Saibene freut sich auf das Europa-League-Spiel gegen Swansea City. (Bild: Keystone)
28.11.2013: Düstere Miene bei Jeff Saibene nach der 4:0-Auswärtsniederlage in der Europa League gegen Kuban Krasnodar. (Bild: Keystone)
1.12.2013: Der FC St.Gallen gewinnt gegen den FC Zürich mit 2:1. (Bild: Urs Bucher)
17.04.2014: Jeff Saibene treibt seine Mannschaft nach vorne; dennoch endet das Spiel gegen Lausanne mit 0:0. (Bild: Urs Jaudas)
23.11.2014: Ein ungläubiger Jeff Saibene: Der FC St.Gallen entgeht einer Niederlage und spielt 3:3-Unentschieden gegen den FC Vaduz. (Bild: Urs Bucher)
15.02.15: Schwere Zeiten für Jeff Saibene und seinen FC St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)
1.09.2015: Bereits nicht mehr Trainer des FC St.Gallen: Jeff Saibene auf dem Weg zur Medienkonferenz. (Bild: Ralph Ribi)
1.09.2015: Der Abschied fällt Jeff Saibene sichtlich schwer. (Bild: Keystone)

10.11.2013: Jeff Saibene im Regen; dennoch gewinnt sein FC St.Gallen das Cup-Achtelfinalspiel gegen Aarau mit 4:0. (Bild: Urs Jaudas)

Von den neuen Spielern hat bis anhin bloss Alain Wiss überzeugt. Die anderen haben sich noch nicht in die Mannschaft gekämpft. War die Transferpolitik auch ein Grund für Ihren Entschluss?

Saibene: Der FC St.Gallen sollte wegkommen von der Strategie, mehr oder weniger allen Spielern den gleichen Lohn zu bezahlen. Die Mannschaft braucht fünf, sechs Säulen, die richtig gut verdienen. Wenn man weiterkommen will, braucht es mehrere Topleute. An ihnen werden sich die jungen Spieler orientieren können. Künftig müsste St.Gallen anstelle zweier durchschnittlicher Spieler einen Topmann verpflichten. Das Kader würde kleiner und das Budget deshalb weiterhin ausreichen.

Wenn ein Kader aus zwanzig gleichwertigen Spielern besteht, werden auch Entscheidungen schwieriger. Wie sehr haben Ihnen Entscheide wie jene auf der Goalieposition zu schaffen gemacht?

Saibene: Natürlich liess es mich nie kalt, wenn ich solches beschliessen musste. Manchmal musste ich Spieler aus dem Aufgebot streichen, die gleich stark waren wie diejenigen, die zum Einsatz kamen. Ein so ausgeglichenes Kader macht die Angelegenheit für einen Trainer nicht einfacher. Ich denke, da sollte St.Gallen eine andere Linie fahren. Damit deutlich ist, wer aufgrund von Erfahrung und Leistung Stammspieler ist. Damit deutlich wird: Über diese Spieler müssen wir nicht diskutieren.

War es wirklich Ihr Entscheid, zurückzutreten? Oder wurden Sie dazu gedrängt?

Saibene: Es war mein Entschluss. Wir gehen im Guten auseinander. Schon kurz nachdem ich den Verantwortlichen mitgeteilt hatte, dass ich aufhöre, diskutierten wir über mögliche Nachfolger. Wo gibt es das sonst? Wir haben in den vergangenen Jahren wirklich gut zusammengearbeitet. Dölf Früh, Heinz Peischl und nun Christian Stübi hielten mir den Rücken frei. Das war mir wichtig und nicht, was die Leute ausserhalb über mich sagten. Auch meinem Team um Daniel Tarone, Stefano Razzetti oder Simon Storm bin ich sehr dankbar.

Sie verzichten auf Geld. Ihr Vertrag lief bis 2017.

Saibene: Wir haben uns geeinigt. Innerhalb von fünf Minuten. Wir fanden für alle eine gute Lösung.

Sie haben die Clubleitung mit Ihrem Entscheid überrascht.

Saibene: Sie rechnete nicht damit. Das ist richtig. Seit meinem Amtsantritt vor viereinhalb Jahren war meine Anstellung beim FC St.Gallen nie ein Thema. Nie.

Was war der Höhepunkt?

Saibene: Das Spiel in Moskau. Aber auch die Begegnungen in der Europa League. Ziel war ja immer, dass wir uns in der Super League etablieren. Das ist uns gelungen. Wir hatten nie etwas zu tun mit dem Abstieg. Was auch nicht unterschätzt werden darf: Der Transfer von Oscar Scarione hat uns Geld eingebracht, die Teilnahme an der Europa League ebenfalls. Solches ist in meiner Bilanz auch wichtig. Wir haben viel erreicht. Auch weil ich weiss, was für Möglichkeiten wir haben. Ich darf erhobenen Hauptes gehen.

Und der Tiefpunkt?

Saibene: Die Pfiffe an der Aufstiegsfeier. Aber ich sagte mir: Hier hast du nichts mehr zu verlieren. Du kannst nur gewinnen. Wir erreichten Rang drei und die Europa League.