Über Manchester City und Malaga zum 
FC St.Gallen – Neustart für Speedy Gonzalez

Das frühere Wunderkind Lorenzo Gonzalez will nach Jugendjahren bei Manchester City im FC St.Gallen Fuss fassen.

Christian Brägger
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Der Stürmer Lorenzo Gonzalez will mit St.Gallen wieder in die Spur finden.

Der Stürmer Lorenzo Gonzalez will mit St.Gallen wieder in die Spur finden.

Bild: Urs Bucher

Servette, Manchester City, Malaga. Und nun der FC St.Gallen. Bei den Ostschweizern ist Lorenzo Gonzalez der nächste Neuzugang, dessen junge Karriere neben die Spur geraten scheint. Vermutlich ist sie das tatsächlich, auch wenn der 19-Jährige davon wenig wissen und nun einfach durchstarten will. Hier, wo ihn Mitspieler Ermedin Demirovic bereits «little Shaqiri» nennt, «kleiner Shaqiri», weil Äusseres und Spielstil dem Schweizer Muskelpaket Xherdan Shaqiri gleichen. «Der Spitzname ist lustig, ich mag das», sagt Gonzalez an diesem späten Nachmittag nach dem Training. Servette, Manchester City, Malaga. Und nun der FC St.Gallen. Was ist passiert?

Geboren in Las Palmas auf Cran Canaria, wächst Gonzalez mit der spanischen Mutter und dem Schweizer Vater in dessen Heimatstadt Genf auf. Die Mutter betreut in einer Schule den Mittagstisch, der Vater arbeitet als Kaufmann bei einer Bank, später bei Versicherungen, läuft für die zweite Mannschaft Servettes auf. Bereits als Fünfjähriger spielt der kleine Bub ebenfalls für die Grenats, die bekannt sind für hervorragende Jugendarbeit. «Genf ist sehr international, hier befruchten viele Ethnien auch den Fussball, und der Verein profitiert», sagt Gonzalez. Weil er stets bester Torschütze seines Jahrgangs ist, macht im Club die Meinung schnell die Runde: Hier reift ein riesiges Talent heran, eines, das man gross herausbringen will.

Streit mit Servette – Ausschluss vom Training

Gonzalez verbringt eine schöne Kindheit, absolviert die Sekundarschule. Als der junge Stürmer im September 2014 mit der Schweizer U15 in Schottland beide Tore zum 2:0-Sieg erzielt, ändert sich alles. Das Wunderkind wird spätestens jetzt einem internationalen Markt bekannt, «ich war halt gut», sagt er. Die Scouts beobachten ihn bei Servette und stehen Schlange, er braucht nun einen Agenten, es gibt Offerten von Real Madrid, Juventus, Manchester United, Dortmund. Noch muss Gonzalez warten, bis er mit 16 Jahren ins Ausland wechseln darf; das sind die Fifa-Regeln.

Ende 2015 ist klar, dass der junge Gonzalez im Sommer Genf verlassen will, Manchester City und der PSV Eindhoven buhlen jetzt heftigst um ihn. Dafür gibt es Streit mit Servette, der auf dem Rücken des Jünglings ausgetragen wird, böse Worte fallen, und Gonzalez darf ein halbes Jahr lang nicht mehr mittrainieren, die Trennung erfolgt schliesslich im Unguten.

«Ich hätte verstanden, wenn ich nicht mehr an den Spielen eingesetzt worden wäre. Aber nicht, dass ich vom Trainingsbetrieb ausgeschlossen werde.»

Also trainiert Gonzalez fortan mit dem Vater. Die Wahl fällt schliesslich auf die Citizens, die jeweils nur drei junge Ausländer pro Jahrgang aufnehmen, mit Gonzalez von Servette kommen ein Spanier von Barcelona und ein Argentinier von Velez Sarsfield. Natürlich ist auch das finanzielle Angebot mit einem Haus für die Familie und anfänglich eigenem Fahrer gut. «Aber mit 16 Jahren schaust du nicht aufs Geld, sondern aufs Projekt. Du kannst einfach nicht Nein sagen, wenn Manchester City dich will. Es war verrückt, ich war in einer der besten Akademien der Welt», sagt Gonzalez. Der fünf Jahre jüngere Bruder, der bei Everton unterkommt, und die Eltern, die für die Träume ihrer beiden Kinder leben, begleiten ihn. Diese Nestwärme tut gut, «die Nähe zur Familie ist die Basis für alles, man schaue auf die besten Fussballer», sagt Gonzalez. Er muss viel verarbeiten, die Schule in der Akademie beansprucht Zeit, die Tage sind fordernd und lang.

Mit Gonzalez spielen bei der U18 der Citizens auch Jadon Sancho (heute Dortmund), Brahim Diaz (Real Madrid) oder Phil Foden (ManCity), die Saison beendet das Team ohne Niederlage, es sei ein Leichtes gewesen, mit diesen Talenten zu spielen, sagt Gonzalez. Er ist der beste Skorer des Teams.

Das Staunen in der Kabine bei Manchester City

Bald nennen sie ihn bei Manchester City «Speedy Gonzalez» oder «the next Agüero» in Anlehnung an die schnelle Zeichentrick-Maus oder Sergio Agüero, den argentinischen Topstürmer des Clubs. Im ersten Jahr hat Gonzalez vereinzelte Trainings mit Kultcoach Pep Guardiola und der ersten Mannschaft, und als er ein erstes Mal ihre Kabine betritt, denkt er:

«Was geht denn hier ab? Vincent Kompany, Kevin De Bruyne, mein Vorbild Agüero. Wow. Alle waren sehr cool.»

Im zweiten Jahr geht es weiter aufwärts, in der Woche trainiert Gonzalez nun mehrmals unter Guardiola, enger wird der Kontakt mit dem Portugiesen Bernardo Silva oder dem Spanier David Silva, mit dem er sich heute noch austauscht. «Der Umgang mit Guardiola war ganz normal, er will dich in jedem Moment einfach besser machen. Und sei es nur im fünf gegen zwei, das in jedem Training 20 Minuten lang dauert.» Nur einmal, als Gonzalez im Training Gabriel Jesus mit einem Schuss voll im Gesicht trifft, der Brasilianer zusammensackt und medizinische Hilfe beansprucht, schimpft Guardiola mit dem Jungprofi. «Verfluchte Hölle, was machst du?» In jenen Sekunden sieht Gonzalez im Hintergrund Raheem Sterling lachen.

Im dritten Jahr läuft es nicht mehr so gut, Gonzalez ist manchmal verletzt. Er tut zwar weiter alles dafür, seinen Traum zu leben und einmal fürs erste Team nominiert zu werden. Doch es reicht nicht, die U23 wird zur Sackgasse, und heute sagt er: «Pep rief mich nie an, das ist schade, aber so ist der Fussball. Manchester braucht die Akademie aber eigentlich gar nicht. Wenn es einen Profi will, holt es ihn sich einfach.»

Weil ein weiteres Jahr in der U23 den grossen Schritt zu den Profis nicht verkleinern würde, wechselt Gonzalez im letzten Sommer zu Malaga in die zweithöchste Liga Spaniens, die ganze Familie kommt wieder mit. Es läuft zu Beginn gar nicht einmal so schlecht, es gibt Spiele vor 20000 Zuschauern und besseres Wetter. Doch Malaga hat Probleme, finanzielle und in der Führungsetage, und nachdem es Gonzalez für ein U20-Länderspiel nicht freigegeben und der Schweizer Verband die Fifa eingeschaltet hat, ist nichts mehr gut. «Fussball ist auch Politik», sagt Gonzalez.

Guillemenot und Muheim als beste Beispiele

Schliesslich kommt es im Januar zum Kontakt mit Sportchef Alain Sutter, dann mit Trainer Peter Zeidler, und dem einstigen Talent gefällt, was es aus St.Gallen hört. Auch wenn es gar nicht unbedingt in die Schweiz zurückwill. «Aber sie wollten mich unbedingt, dieses Gefühl brauche ich», sagt Gonzalez. Zudem mag er Guardiolas Ballbesitzfussball gar nicht unbedingt, er verehrt vielmehr den Speed und Stil Liverpools, allein schon deshalb könnte ihm Zeidlers Fussball liegen. Auch weiss er, wie gut es hier Jérémy Guillemenot ergangen ist und Miro Muheim, dem er einmal mit ManCity im Nachwuchs gegen Chelsea begegnet ist – beide waren Ersatzspieler. Gonzalez wechselt schliesslich ablösefrei, die Eltern bleiben in Spanien. Und er findet nun vor, was ihm vielleicht in England gefehlt hat.

«ManCity ist nicht familiär, das ist eine Industrie. Jeden Tag siehst du neue Gesichter. Es werden gar chinesische Touristen ins Trainingsgelände gekarrt und schauen sich alles an. Man kommt sich vor wie im Zoo.»

Die Integration in St.Gallen fällt Gonzalez bisher leicht, Französisch, Englisch und Spanisch spricht er fliessend, Latino-Musik und französischer Rap, oft in der St.Galler Kabine gehört, gefallen ihm sowieso. Den Tweet «Schweiz, macht euch keine Sorgen» sieht der Fussballer schon seit jeher als Witz, weil er die Stürmerdiskussion im Lande nicht hat verstehen können nach der WM 2018.

Servette, Manchester City, Malaga. Jetzt St.Gallen. Vorerst gilt der Vertrag bis 2023. Gonzalez sagt, die nächste Saison werde seine Saison, die aktuelle müsse er wohl noch etwas abwarten. Zuerst müsse er einmal ins Team kommen, doch er bleibt selbstbewusst: «Ich bin ambitioniert und will mit den Besten um Titel spielen, darum ging ich auch zu Manchester City.» Wer hat gedacht, dass er mit St.Gallen schon bald um einen Titel spielen kann.