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Er schickte schon böse SMS an den Trainer und mag den Coiffeur nicht: Simone Rapp, der Unangepasste im Sturm des FC St.Gallen

Simone Rapp absolviert die Rückrunde mit dem FC St.Gallen. Der 26-jährige Tessiner hatte als Bub grosses Glück, als ihn ein Auto anfuhr. Und manchmal kam ihm seine Körpergrösse in die Quere. Nicht nur sie ist anders.
Christian Brägger, La Manga
Simone Rapp dachte in schwierigen Zeiten auch schon ans Aufhören. (Bild: Christian Brägger)

Simone Rapp dachte in schwierigen Zeiten auch schon ans Aufhören. (Bild: Christian Brägger)

Ambrì-Piotta? «Klar. Über alles. Unser Eishockeyprofi Hnat Domenichelli war die Bombe.» Im Leben hat Simone Rapp die grosse Liebe noch nicht gefunden, weil es schwierig mit ihm und nicht einfach sei, die Richtige zu finden. Aber sein Tessiner Herz, das ist vergeben. Es schlägt für diesen einen Club, für den er als 14-Jähriger «wie ein Verrückter in der Kurve mit lauter Verrückten» alles gab. Da konnte es auch vorkommen, dass der Jüngling am Wohnort in Gerra Piano mit Freunden beim Nachbarn, Ambrìs Alain Demuth, innert Stunden fünfmal klingelte. Und um Autogramm, Leibchen oder Hockeystock bat. Bis die Mutter, eine Primarlehrerin, einschritt, den Kontakt verbot und sich für den Sohn entschuldigte. Vielleicht rührt die Anziehungskraft der Leventiner auf Rapp auch daher, weil sie vom gleichen Schlag sind: Beide sind Unangepasste.

Gerra Piano. In diesem kleinen Dorf, irgendwo zwischen ­Locarno und Bellinzona, wuchs Rapp auf. Verwandte wohnen in Italien, der Vater, ein pensionierter Sportlehrer und früherer Leichtathlet über 1500 m mit Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Seoul 1988, hat seine Wurzeln in Basel. Den jungen Rapp zog das Verzascatal an, bis heute ist es in der Heimat die Lieblingsgegend geblieben, in der er mit Freunden einmal im Jahr ein Wochenende verbringt. Nur von der eindrücklichen, beliebten Ponte dei Salti, der «Römerbrücke», springt er heute nicht mehr in die kalte Verzasca.

Die strenge Erziehung der Eltern

Im Trainingslager in La Manga, wo Simone Rapp mit dem FC St.Gallen weilt, nimmt sich der Neuzugang und vorerst temporäre Hoffnungsträger der Ostschweizer Zeit. Zeit, die er lieber für die Regeneration verwenden würde. Sie vergeht im Flug, weil der Spieler so sehr ins Reden kommt ob all den Erinnerungen an das Leben, das in der Kindheit ein tragisches Ende hätte nehmen können; weil der Aussenspiegel eines heranfahrenden Autos ihn voll am Kopf erwischte und er bewusstlos liegen blieb.

«Es war mein Fehler, ich bin einfach auf die Strasse gerannt. Wäre ich eine Sekunde früher losgerannt, wer weiss», sagt er.

Die Eltern («sie machten einen tollen Job») legten Wert auf eine gute Erziehung, Alkohol und Zigaretten waren verpönt, wichtig war insbesondere ein guter Schulabschluss der beiden Kinder. Rapp hat wohl dank Mutter und Vater bis heute nichts von seiner Bodenständigkeit eingebüsst, und anfänglich fand er das Leben als Fussballprofi ja auch langweilig. Der 26-Jährige gehört denn auch nicht zu der Sorte Mensch, die ein schnelles Auto brauchen, ständig in ihr Mobiltelefon starren oder immerzu telefonieren. Sein Auto müsse einfach gross sein, sonst habe er Probleme, sagt er.

Stattdessen liebt Rapp das Wandern, oder die Runde Minigolf, nicht aber das Ausgehen, «das bin ich nicht». Gerne hört er Pink Floyd oder AC/DC, ebenfalls Gölä oder Baschi haben es ihm angetan. Noch lieber macht er eigene Musik auf der Occasionsgitarre, die er für 200 Franken erstanden hat. Über Videos hat er sich alles selbst beigebracht. Später im FC Thun sang er einmal an einem Galaabend, will dies aber niemandem nochmals zumuten. Auch zum Coiffeur, der ja dann sowieso mache, was er wolle, geht Rapp nur ungern.

«Die Haare werden überschätzt. Die Zeit vor dem Spiegel ist eine verlorene Zeit. Ausserdem trage ich sowieso meist eine Mütze», sagt er.

Es konnte passieren, dass Rapp bei den Berner Oberländern das früher schulterlange Haar mit einem Stirnband bändigte. Bis er das Tor plötzlich nicht mehr traf und man ihm sagte, er solle endlich Haare lassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Er gehorchte – und traf im nächsten Spiel zweimal. Sogar in der Mode ist der Profi uneitel: Es reichen Turnschuhe, Jeans, ein T-Shirt, das unifarben sein muss.

Rapp wächst in einem Jahr 13 Zentimeter

Simone Rapp beim Trainingsstart des FC St.Gallen im Gründenmoos. (Bild: Urs Bucher)

Simone Rapp beim Trainingsstart des FC St.Gallen im Gründenmoos. (Bild: Urs Bucher)

Mit 15 Jahren, man kann sich das bei heute 193 Zentimetern Körpergrösse kaum vorstellen, war Rapp der Kleinste in seinem Jahrgang. Auch nicht der Schnellste und Kräftigste. Er hinkte in der Entwicklung hinterher, weshalb die nächsten Schritte im Fussball, den er doch so sehr liebte, schwerfielen. Dann wuchs er in einem Jahr 13 Zentimeter, «plötzlich war mein Bein einen Meter lang». Der Körper verkraftete den Schub nicht, er begann zu schmerzen, die Achillessehne wurde eine Problemzone, Rapps Bewegungen sind heute noch nicht immer schnörkellos. Und gewiss gibt es bessere Techniker.

Jedenfalls musste der Fussballer alles neu lernen. Als der Körper mit 18 Jahren stabiler wurde, reichte es ihm endlich, im Team Ticino Fuss zu fassen. Jetzt war er ein gross gewachsener ­Innenverteidiger, der aber lieber ein Stürmer sein wollte. Er machte einen Abstecher zu Losone in die 2. Liga interregional, wo er sich «verarscht fühlte» und «böse SMS» an den Trainer sendete, der ihn für zu wenig gut ­befand. Dann, nach der Wirtschaftsmatura, durfte er endlich im FC Locarno ein Stürmer sein.

«Es gab in dieser Zeit Momente, an denen ich den Bettel hinschmeissen wollte», sagt er.

Es gab sie auch später, in Wohlen. Bis er bei den Aargauern auf Anraten der geliebten, zwei Jahre älteren Schwester mithilfe eines Mentaltrainers, den er noch heute beansprucht, in die Spur fand.

Rapp soll nun den St.Gallern im Angriff neue Wucht geben. Er ist froh, nach Lausanne wieder in der Super League zu spielen. Gerne bliebe er länger in der Ostschweiz. Let’s rock!

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