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«Sie empfahlen mir aufzuhören»: St.Gallens Stürmer Ermedin Demirovic war ein verkanntes Talent

Ermedin Demirovic, Bosnier aus Hamburg, trifft und trifft für den FC St.Gallen.
Der Stürmer war als Junior beim Hamburger SV verkannt worden.
Ralf Streule
Ermedin Demirovic besitzt beim FC St.Gallen einen Leihvertrag bis Sommer 2020.(Bilder: Michel Canonica)

Ermedin Demirovic besitzt beim FC St.Gallen einen Leihvertrag bis Sommer 2020.
(Bilder: Michel Canonica)

«Du wirst kein Fussballprofi!» Als Ermedin Demirovic 14 Jahre alt war, beim Hamburger SV im Nachwuchs spielte und nichts anderes als Fussballer werden wollte, bekam er diesen niederschmetternden Satz öfters zu hören, von Trainern und von Beobachtern. «Setze nicht auf Fussball!», hiess es. Talentiert sei er zwar. Aber zu langsam, zu träg. «In dieser Situation ausschliesslich auf Fussball zu setzen sei gefährlich, sagten die Leute damals. Sie empfahlen mir, aufzuhören.»

Angriffiger Spielstil

Sieben Jahre ist das her, inzwischen hat es der 21-Jährige seinen Kritikern gezeigt, obschon dies nie sein Antrieb gewesen sei. Die Freude am Fussball trieb ihn an. Demirovic hat schon etliche Stationen hinter sich, mit Alavés absolvierte er drei Spiele in Spaniens höchster Liga, traf dort gegen Málaga, spielte gegen Barcelona im Camp Nou – wenn auch nur in einem Kürzesteinsatz.

Nun sitzt der Bosnier, der in Hamburg aufgewachsen ist, auf dem Sofa einer Loge im Kybunpark. Der Leihspieler des FC St.Gallen ist ein Fussballer aus dem Bilderbuch – oder besser gesagt aus dem Modeprospekt. Mit Undercut-Frisur, schwerer Uhr, Markenkleidern. «Ich mag es so.» Vielleicht habe es auch damit zu tun, dass seine Eltern eine Zeit lang in Hamburg eine Modeboutique führten. Auf jeden Fall wirkt er authentisch und selbstbewusst.

Er ist derzeit ein gefragter Mann bei den Schweizer Medien, weil er seit seiner Ankunft in St.Gallen im September regelmässig Tore erzielt. In fünf Spielen traf er vier Mal, am vergangenen Sonntag in Genf erzielte er beim 2:1 beide Tore. Es sind nicht nur die Treffer, die Demirovic Lob eingebracht haben. Es ist auch sein physischer, angriffiger Spielstil, sein Vorwärtsdrang. St.Gallens Höhenflug ist auch ihm zu verdanken.

Abschied von Hamburg mit 16 Jahren

Es hat wohl mit Demirovics Zeit als verkanntem Junior zu tun, dass er die aktuellen Lobgesänge mit Vorsicht geniesst. Ja, er sei gut drauf. «Aber ich hätte noch mehr Treffer erzielen sollen am Sonntag.» Den kritischen Blick auf sich selber hat er vom Vater gelernt. Als er einst als Junior nach einem Hattrick mit breiter Brust nach Hause kam, habe sein Vater gleich klargemacht: «Dein Spiel war eigentlich ziemlich bescheiden.»

Auch am Sonntag nach der Partie gegen Servette habe ihn sein Papa auf den Boden zurückgeholt. Der Vater war es aber auch, der damals, vor sieben Jahren, weiter an seinen Sohn glaubte. Er ermunterte ihn, an der Schnelligkeit zu arbeiten. Mit Gummibändern und anderem Zubehör für das Schnelligkeitstraining machte Demirovic schnell Fortschritte. Er absolvierte Trainings nach den Trainings, setzte den Fokus noch klarer auf den Fussball. Bald wurde RB Leipzig auf das Talent aufmerksam, mit 16 wechselte Demirovic von Hamburg nach Leipzig. Er sagt:

«Der Abschied damals war schwierig, da ich Hamburg sehr schätze. Und weil meine Eltern und mein zwei Jahre jüngerer Bruder wichtig für mich sind.»

Fussballerisch lohnte es sich aber. Bald kamen Angebote. Bei einem Spiel des bosnischen U21-Nationalteams wurde Alavés auf den damals 19-Jährigen aufmerksam. Plötzlich gehörte er zu einer Mannschaft aus einer grossen europäischen Liga. «Ich glaubte es erst, als ich im Flugzeug sass.»

«Es stimmt 100-prozentig hier»

Doch bald kam das Tief: Ein halbes Jahr wartete er auf die Spielberechtigung, das neue Umfeld und die Sprache machten es ihm zusätzlich schwer. Nach drei Spielen wurde er zu Sochaux in die Ligue 2 und Almerìa in die zweite spanische Liga ausgeliehen. Im Sommer 2019 hätte Alavés den Spieler gerne wieder ins Kader aufgenommen, als dritte Option im Sturm.

Doch Demirovic wollte Spielpraxis, vehement setzte er sich dafür ein. Irgendwann hatte er Peter Zeidler am Telefon, von dem er wusste, dass er den Fussball, den Demirovic beim RB Leipzig gelernt hatte, ebenfalls praktiziert. Er liess sich zu St.Gallen ausleihen bis im Sommer 2020. «Es stimmt 100-prozentig hier.»

Zeidler: «Wir spüren, dass er sich wohl fühlt bei uns.»

«Ermedin bringt fussballerisch sehr viel mit. Und vor allem stimmt das Mentale. Er ist sehr selbstbewusst, ohne je überheblich zu wirken», sagt Sportchef Alain Sutter. Bereits 2018 habe er die Fühler nach dem Spieler ausgestreckt. Das einzige Manko: Demirovic ist in St.Gallen Leihspieler. Eine fixe Übernahmeoption gibt es laut Sutter nicht – Ende Saison werde man sich aber je nach Situation sicher mit Alavès unterhalten. Auch Zeidler freut sich über das Hoch des Spielers. Er sagt:

«Wir spüren, dass er sich hier sehr wohl fühlt.»

Der Club habe seines dazu beigetragen. Längst ist «Demi», wie er von Teamkollegen genannt wird, angekommen. Haben sich Kritiker von damals in Hamburg auch schon bei ihm gemeldet? «Nein», sagt er mit einem Lächeln.

Der FC St.Gallen reist ohne Letard nach Lugano

Nach sechs Spielen ohne Niederlage – davon fünf Siege – will das Team von Trainer Peter Zeidler morgen ab 16 Uhr beim FC Lugano seinen starken Lauf fortführen. Die Tessiner sind formschwach und nicht ausgeruht, erst am Donnerstag verloren sie in Schweden gegen Malmö die dritte Gruppenpartie der Europa League 1:2. Zeidler sagt: «Das kann, muss aber nicht ein Vorteil sein.» Dem FC St.Gallen fehlen die verletzten Musah Nuhu und Nicolas Lüchinger, Yannis Letard ist gelbgesperrt. «Ich traue uns zu, auch in diesem Spiel zu bestehen», sagt der St.Galler Coach, der offen lässt, wie er Letard in der Innenverteidigung ersetzen will. Kandidaten sind Alain Wiss, Betim Fazliji oder Milan Vilotic – und vielleicht gibt es ja eine Zeidlersche Lösung, mit der niemand
rechnet. (cbr)

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