Serie Blick in die FCSG-Geschichtsbücher: Als Sascha Müller den Weltmeister stehen liess

Der FC St.Gallen sorgte im Uefa-Cup 2000/2001 für eine Sternstunde: Er eliminierte im Zürcher Hardturm den FC Chelsea.

Peter M. Birrer
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Sascha Müller zieht gegen Chelsea im Hardturm davon - und reüssiert.

Sascha Müller zieht gegen Chelsea im Hardturm davon - und reüssiert.

Bild: Meinrad Schade

Als kleiner Bub hat er seinen Vater oft in den Hardturm begleitet und ist in den Siebzigerjahren ein stolzer Fan von GC geworden. Hermann, Sulser, Ponte, Bauer – wie hat er seine Jugendhelden bewundert.

Und jetzt, an diesem 28. September 2000, erlebt Sascha Müller selber eine Sternstunde im Stadion, das ihm so viel bedeutete. Aber nicht im Dress von GC, sondern der St.Galler, die für das Uefa-Cup-Rückspiel gegen Chelsea nicht in ihrem Espenmoos antreten dürfen und nach Zürich ausweichen müssen. Das Hinspiel zwei Wochen zuvor in London ist 0:1 verlorengegangen – wen würde es überraschen, wenn sich der Schweizer Meister gegen den englischen Cupsieger aus dem Wettbewerb verabschieden müsste?

Aber Trainer Marcel Koller verbreitet im Vorfeld Zuversicht, er sieht keinen Grund, sich vor Chelsea klein machen zu müssen. Müller erinnert sich an die erste Ansprache Kollers nach der Ernennung zum Coach in der St.Galler Garderobe, an das Selbstbewusstsein, das er vermittelte:

«Er kam von GC und war sich gewohnt, Erfolge zu feiern. Das wollte er auch in St.Gallen schaffen. Und machte uns klar: Ich glaube an euch.»

Leichtfüssig gegen Chelsea unterwegs

Nach dem Titelgewinn soll nun auch europäisch für Aufsehen gesorgt werden, und nach dem Scheitern in der Champions-League-Qualifikation bietet sich gegen Chelsea eine zweite Chance. 15'266 Zuschauer füllen den Hardturm, und sie sehen Erstaunliches: Einen Gastgeber, der ein hohes Tempo anschlägt und nicht in Ehrfurcht erstarrt, nur weil er lauter prominenten Namen begegnet, von Leboeuf über Di Matteo und Zola bis Hasselbaink. Der 30-jährige Müller zählt zu jenen, die leichtfüssig unterwegs sind. Und schnell ist er, sehr schnell.

Nach 19 Minuten sprintet Müller los in der Hoffnung, dass ihn der ballführende Charles Amoah lanciert. Tatsächlich funktioniert das Zusammenspiel. Müller lässt Leboeuf stehen, den Innenverteidiger, der 1998 mit Frankreich Weltmeister geworden ist. Dann schliesst er ab, gefühlvoll mit dem rechten Aussenrist. Cudicini ist entsetzt, die Chelsea-Fans hinter ihm sind es auch. Müller weiss gar nicht so recht, wie er jubeln soll, «ich war ja nicht bekannt dafür, reihenweise Tore zu erzielen». Er wartet, bis seine Kollegen zu ihm geeilt sind.

Es ist noch früh am Abend, aber St.Gallen investiert weiter viel und brilliert. Müller erinnert sich daran, dass jeder Spieler über sich hinausgewachsen ist. Das 2:0 fällt durch Amoah. Und das kurz nach einem gravierenden Zwischenfall: Di Matteo muss nach einem unglücklichen Zusammenstoss mit Daniel Imhof verletzt vom Platz getragen werden. Die Diagnose ist brutal: Bruch des Schien- und Wadenbeins. Di Matteo erholt sich davon nicht und muss 2002 seine Karriere beenden.

Die schlimmen Bilder irgendwie ausblenden

Müller erinnert sich, wie ihm auf dem Platz viele Gedanken durch den Kopf schossen. «Ich hatte alles wahrgenommen und hoffte sehr, dass die Verletzung nicht so schlimm sein würde», sagt er, «ich musste die Bilder aber irgendwie ausblenden, um mich wieder auf den Match konzentrieren zu können.»

In der zweiten Halbzeit verteidigt St.Gallen den Vorsprung, braucht Glück bei einem Lattenschuss (73.) von Chelseas Aleksidze, eliminiert den namhaften Gegner und zieht in die nächste Runde ein. «The Telegraph» bestraft die Verlierer am anderen Tag mit dem Urteil: «Eine der peinlichsten Leistungen in einem Europacup-Spiel des Chelsea FC.» Und «The Times» widmet ein paar Zeilen dem neuen Trainer Ranieri: «Willkommen in der seltsamen Welt von Chelsea. Es ist eine Welt, in der mittelprächtig bezahlte Aussenseiter ohne europäische Klasse die Londoner nicht nur bezwingen, sondern sie richtiggehend ausspielen.»

Schier endloses Lob gibt es für den FC St.Gallen von nationalen Medien – und das weit über die Ostschweiz hinaus. Der «Tages-Anzeiger» titelt: «Eine Meisterleistung», die «Basler Zeitung» schwärmt: «Die grösste Stunde des FC St.Gallen.» Und Sascha Müller, einer der Torschützen im Hardturm, spürt in den Tagen danach, wie dankbar die Leute in der Ostschweiz sind:

«Wenn ich durch die Stadt lief, erhielt ich immer wieder Komplimente. Die Euphorie war riesig.»

Der Chat der Meister von 2000

Müller trägt in jener Zeit die Rückennummer 6. Als er 1997 zum zweiten Mal einen Vertrag mit St.Gallen unterschrieb, standen die 6, die 10 und eine Nummer über 20 zur Auswahl. Sein Trainer Roger Hegi liess die Bemerkung fallen, die 10 sei wohl eher nicht für ihn. Müller gilt als Spieler, der sich einschätzen kann. Ein Regisseur, das ist er nicht, eigentlich auch kein Sechser. Aber egal, er hat etwas Unberechenbares, und eben, er hat Geschwindigkeit, die beim Publikum ankommt.

Sascha Müller heute

Sascha Müller heute

PD

Den 50-Jährigen, der 2009 Nachwuchstrainer bei GC wurde und dort noch bis im Sommer im Amt ist, hat neulich erst ein schönes Kapitel Vergangenheit wieder eingeholt. Giorgio Contini gründete mit Spielern der Meistermannschaft von 2000 eine Whatsapp-Gruppe. Im Chat herrscht reger Betrieb, er sorgt dafür, dass alte Geschichten und Episoden aufgetischt und aufgefrischt werden. Und dass sich Müller köstlich amüsieren kann.