Seilziehen auf Türkisch

FUSSBALL. Die Verhandlungen um den Transfer Oscar Scariones werden für den FC St. Gallen zur kulturellen Lehrstunde. Die Ostschweizer verlangen von Kasimpasa Istanbul eine Bankgarantie für die Transfersumme – was bei türkischen Clubs gemäss Kennern nicht üblich ist, ja gar als Beleidigung gilt.

Ralf Streule
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Dölf Früh, Präsident des FC St.Gallen, verlangt Bankgarantien für die Ablösesumme für Oscar Scarione. (Bild: Urs Bucher)

Dölf Früh, Präsident des FC St.Gallen, verlangt Bankgarantien für die Ablösesumme für Oscar Scarione. (Bild: Urs Bucher)

Alles in Butter, dachte man am Dienstag, als sich Oscar Scarione offiziell von der Schweiz verabschiedete. An einer Pressekonferenz dankte er dem FC St. Gallen für eine schöne Zeit, seine Spielerberater schwärmten von der Infrastruktur des Istanbuler Quartierclubs Kasimpasa und dessen finanziellen Möglichkeiten. Nur noch Formalitäten zwischen den Fussballvereinen fehlten, hiess es. Scariones Flug nach Istanbul ist für heute gebucht.

Doch der Transfer, der dem FC St. Gallen gegen drei Millionen Franken Ablöse einbringen und Scarione nach seiner Fussballzeit finanziell absichern soll – je nach Informationsquelle verdient er dort zwischen einer und zwei Millionen Franken–, könnte nun aber doch an diesen Formalitäten scheitern. Uneinigkeit besteht bei der Bankgarantie für die verbleibende Zahlung, welche der türkische Verein gemäss Vertrag zu einem späteren Zeitpunkt zu bezahlen hat.

Bedingungen sind vereinbart

Für Dölf Früh, den Präsidenten des FC St. Gallen, ist klar: Ohne Bankbescheinigung seitens des türkischen Clubs lässt man Scarione nicht ziehen. Auch wenn der Auflösungsvertrag schon unterschrieben ist, rechtskräftig wird er erst, wenn die St. Galler dem Abgang definitiv zustimmen. «Wir haben Bedingungen vereinbart und die müssen erfüllt werden», sagt Früh. Man könne nicht später in der Türkei dem Geld nachrennen.

Nun sitzt aber auf der anderen Seite des Verhandlungstischs der türkische Grossunternehmer Turgay Ciner, der Besitzer von Kasimpasa, dessen Vermögen auf rund 1,3 Milliarden Dollar geschätzt wird. Er, der den Club im vergangenen Jahr übernommen hat und nun eine Mannschaft formen will, die langfristig mit der städtischen Konkurrenz von Galatasaray oder Fenerbahce mithalten soll, ist laut gut unterrichteten Quellen über die Forderung der Ostschweizer nach einer Bankgarantie keineswegs erfreut.

«Überweisung ist Ehrensache»

Dass an dieser Situation nichts Aussergewöhnliches ist, erklärt ein lizenzierter Schweizer Spielervermittler, der oft in der Türkei geschäftlich unterwegs ist. Hikmet Dagci hat unter anderem den Wechsel Henri Bienvenues von den Young Boys zu Fenerbahce eingefädelt und war bereits an den Transfers von Kubilay Türkyilmaz und Adrian Knup zu Galatasaray in den 1990er-Jahren beteiligt. «Diese Pattsituation gibt es immer wieder zwischen mitteleuropäischen und türkischen Clubs», erklärt er. Dabei gehe es um kulturelle Unterschiede: In der Türkei werde die Nachfrage nach einer Bankgarantie als Affront aufgefasst. Die Zahlung werde als Ehrensache angeschaut. Anderseits sei es aber so, dass bei der Fifa viele «Dossiers» von türkischen Vereinen und deren nicht korrekt abgehandelten Transfers liegen würden. An der Frage der Bankbescheinigung seien schon viele Transfers in die Türkei gescheitert. Er, der das Management von Kasimpasa kennt, glaubt nicht, dass man sich in dieser Sache erweichen lasse. «Die Frage wird sein: Will Kasimpasa Scarione zu 100 Prozent?» Sollte dies nicht so sein, wäre er nicht überrascht, wenn der Transfer doch noch platzen sollte.

Einigung noch heute?

Ganz anders sehen es die Spielerberater von Scarione, die Brüder Michele und Renato Cedrola. Die beiden vermitteln gemäss eigenen Angaben zwischen den Vereinen. «Eine Lösung ist parat», sagte Renato Cedrola gestern. Schon heute Donnerstag soll alles geregelt sein. Das hiesse: Doch noch alles in Butter – und Scarione im Flugzeug nach Istanbul.

Dölf Früh, Präsident des FC St. Gallen, verlangt Bankgarantien für die Ablösesumme, der milliardenschwere Kasimpasa-Besitzer Turgay Ciner (rechts, in einer Aufnahme von 2010) will offenbar nichts davon wissen. (Bilder: Urs Bucher; Getty Images: Chris Ratcliffe)

Dölf Früh, Präsident des FC St. Gallen, verlangt Bankgarantien für die Ablösesumme, der milliardenschwere Kasimpasa-Besitzer Turgay Ciner (rechts, in einer Aufnahme von 2010) will offenbar nichts davon wissen. (Bilder: Urs Bucher; Getty Images: Chris Ratcliffe)