Schiedsrichter-Chef Wermelinger nach dem St.Galler Penalty-Chaos: «Alain Bieri hat alles richtig gemacht» +++ FCSG-Präsident Hüppi: «Wir sind kein Jammericlub»

Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger erklärt, warum Alain Bieri in der Nachspielzeit des Spitzenspiels keine andere Wahl hatte, als den Penalty wiederholen zu lassen. St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi seinerseits befürchtet nun permanente Diskussionen bei parierten Elfmetern.

Ralf Streule
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«Mir sind die Hände gebunden.» Schiedsrichter Alain Bieri entschied so, weil sonst die Fifa interveniert.

«Mir sind die Hände gebunden.» Schiedsrichter Alain Bieri entschied so, weil sonst die Fifa interveniert.

Urs Bucher

Die Emotionen kochten hoch am Sonntag im St.Galler Stadion. Schiedsrichter Alain Bieri hatte in der Nachspielzeit des Spitzenspiels, beim Stand von 3:2 für St.Gallen, einen vergebenen Penalty von YB-Stürmer Guillaume Hoarau wiederholen lassen. St.Gallens Goalie Lawrence Ati Zigi war bei der Schussabgabe mit beiden Füssen vor der Torlinie gestanden.

Daniel Wermelinger

Daniel Wermelinger

Ein Skandal? Eine womöglich meisterschaftsentscheidende kleinliche Regelauslegung des Schiedsrichters? Mitnichten, sagt der Schweizer Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger. Die Fifa habe zuletzt in der Schweiz interveniert, damit die Regel konsequenter durchgeführt werde. Neun Fragen und Antworten zur umstrittenen Penaltyszene.

1: Weshalb überhaupt gibt es die Regel, dass Goalies mit einem Fuss auf Höhe der Torlinie bleiben müssen?

Bewegt sich der Torhüter vor oder bei der Schussabgabe nach vorne, vergrössert er seine Reichweite, wenn auch nur minim. «Mit der Regel wird dies unterbunden», sagt Wermelinger. Bis im vergangenen Sommer mussten gar beide Füsse auf Höhe der Linie bleiben, zuvor noch war sogar jegliche Bewegung des Goalies vor der Schussabgabe verboten – was aber nur selten geahndet wurde.

2: Hätte sich Bieri nicht über den von vielen als kleinlich empfundenen Entscheid des Videoschiedsrichters (VAR) hinwegsetzen können?

«Nein», sagt Wermelinger. Mit der Einführung des VAR gibt es in dieser Frage keinen Graubereich mehr. «Die Vorgaben gelten für alle und sind klar.» Und weiter: «Überall wo wir klare Fernsehbilder haben, werden wir gleich entscheiden. Leider haben wir nicht bei allen Spielen gleich viele Kameras im Einsatz. Insbesondere bei SRF-Live Spielen sind zwei Kameras mehr im Einsatz. Entsprechend können dort diese Fälle sehr schnell erkannt werden.»

3: Wurden in der Vergangenheit – auch in dieser Saison – nicht etliche ähnliche Penaltyszenen zugunsten des Goalies entschieden?

Doch, in mehreren Situationen sogar. Als Cedric Itten im September gegen Lugano mit seinem Penalty an Noam Baumann scheiterte, stand dieser ebenfalls vor der Torlinie. Wermelinger: «Die Fifa hat damals sofort interveniert und uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir das VAR-Protokoll nicht korrekt anwenden. Anschliessend mussten wir diesen Fall nachjustieren. Unsere Schiedsrichter wurden darauf hingewiesen in diesem Punkt genauer zu sein. Weiter haben wir die Vereine auf diese Verschärfung hingewiesen. Die Schiedsrichter wurden auch aufgefordert, die Torhüter vor dem Penalty nochmals zu sensibilisieren. Dies hat gestern auch Alain Bieri beim Torhüter von St.Gallen gemacht.» Dass die Regel international unterdessen konsequenter umgesetzt wird, zeigt auch die Wiederholung eines Penaltys im Europa-League-Spiel Leverkusen gegen den FC Porto.

4: Hätte Bieri den VAR-Entscheid nicht selber im Video überprüfen sollen?

Bieri hat den Entscheid wohl direkt übernommen, da in solchen Situationen kein Interpretationsspielraum vorliegt. Wermelinger schliesst nicht aus, dass der Schiedsrichter in Zukunft die Bilder konsultieren werden: «Dies werden wir sicherlich intern aufarbeiten. Auch wenn die Vorgaben in solchen Fällen dies nicht vorsehen, werden wir uns überlegen, was aus Sicht Kommunikation für die Zukunft die beste Lösung ist.»

5: Würde der Penalty auch wiederholt, wenn er zu einem Tor führt?

Nein. Dann gilt die Regel des Vorteils für die Mannschaft in Ballbesitz. Wiederholt würde er hingegen unter Umständen auch dann, wenn der Torhüter den Ball nicht pariert, sondern der Spieler übers Tor zielt. Wermelinger: «Wenn der Torhüter den Schützen so beeinflusst, dass der Schütze daneben schiesst ist der Strafstoss zu wiederholen.»

6: Hoarau verzögerte beim zweiten Penalty vor der Schussabgabe kurz. Müsste hier nicht auch der VAR eingreifen?

«Die Schiedsrichter sind angehalten, mögliche Finten im Stadion zu beurteilen und wenn nötig zu sanktionieren», sagt Wermelinger. Die kurze Verzögerung vor dem Penalty ist oft gesehen – und wird offenbar nur selten als Finte sanktioniert. Im Gegensatz zur Goalieregel ist hier viel Interpretationsspielraum vorhanden. Kaum Graubereich gibt es hingegen, wenn Spieler den Strafraum noch vor der Penaltyausführung betreten. Dann wird der Penalty, unter Berücksichtigung der Vorteilregel, ebenfalls wiederholt.

7: Gibt es aus Sicht des Schiedsrichter-Chefs Möglichkeiten, die Situation klarer zu machen?

Wermelinger sagt: «Wie die aktuelle Situation zeigt, müssen wir wahrscheinlich bei den Informationen an die Vereine, Funktionäre, Spieler noch klarer sein. Eine ständige Sensibilisierung ist nötig.»

8: Wäre es nicht sinnvoller, das Fingerspitzengefühl des Schiedsrichters walten zu lassen und in dieser Goalie-Sache ganz auf den VAR zu verzichten?

Wermelinger: «Dann müsste das internationale VAR-Protokoll geändert werden. Dies liegt aber nicht in unserem Kompetenzbereich.»

9: Bieri ist Berner. Hätte die Liga nicht einen geografisch neutralen Schiedsrichter stellen sollen?

Wollte die Liga stets geografische Neutralität sicherstellen, gäbe es Planungsprobleme. Deshalb nimmt sie auf die Herkunft der Schiedsrichter keine Rücksicht. «Wir wollen die besten Schiedsrichter in der Super League und wollen keine Regions-Kontingente einführen.» Es sei eine leidige Diskussion: Er legt die Hand ins Feuer, dass seine Schiedsrichter im Spiel nicht Sympathien spielen lassen. «Schliesslich hat Bieri in St.Gallen alles richtig gemacht.»

FCSG-Präsident Matthias Hüppi befürchtet Diskussionen

Präsident Matthias Hüppi nahm direkt nach den turbulenten Schlussminuten Kontakt auf mit dem Schiedsrichterchef Daniel Wermelinger. Wermelinger habe ihm den Sachverhalt erklärt. «Aber er zeigte auch Verständnis, dass der Entscheid, den Penalty wiederholen zu lassen, für uns enorm bitter war.»

Hüppi befürchtet nun permanente Diskussionen bei parierten Elfmetern. «Die Schiedsrichter müssen damit rechnen, dass dies auf sie zukommen wird. Es wird für sie nicht einfacher.» Nur: Der Präsident will den Sonntag abhaken. «Wir bekommen die Punkte nicht zurückgeschickt, nur weil wir toben. Wir sind kein Jammericlub.» Man müsse St.Gallens Auftritt gegen die Young Boys in den Vordergrund stellen. «Von diesem Spiel wird man noch lange schwärmen. Es beinhaltete alles, was man sich wünscht. Ausser natürlich die Wiederholung des Penaltys. Ich bin tief beeindruckt von der Leistung unserer Mannschaft.»

Am Montag war Hüppi in Bern. «Am Kiosk hat mir ein Mann zu unserem Auftritt gratuliert.» Der Präsident sagt, es wäre fahrlässig, sich noch lange mit den Vorkommnissen des Sonntags zu beschäftigen. «Wir müssen uns auf das konzentrieren, was kommt.» (pl)

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