Robert Engler: Der älteste Evergreen

Der älteste Fussballer, der je für den FC St. Gallen gespielt hat, wird im kommenden Februar 95jährig. Wenn es das Schicksal nicht anders vorsieht, wird Robert Engler den runden Geburtstag zusammen mit seiner Gattin Margrit feiern können.

Fredi Kurth
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Der St. Galler Bundesrat Ruedi Kobelt (links) begrüsst beim Cupfinal 1945 im Wankdorf-Stadion Röbi Engler. (Bild: pd)

Der St. Galler Bundesrat Ruedi Kobelt (links) begrüsst beim Cupfinal 1945 im Wankdorf-Stadion Röbi Engler. (Bild: pd)

Der älteste Fussballer, der je für den FC St. Gallen gespielt hat, wird im kommenden Februar 95jährig. Wenn es das Schicksal nicht anders vorsieht, wird Robert Engler den runden Geburtstag zusammen mit seiner Gattin Margrit feiern können. «Ich fühle mich wohl», sagt er, der von seiner Wohnung an der Kolosseumstrasse 33 aus immer noch einen beachtlichen Aktionsradius entfaltet.

Das Espenmoos vor der Haustür

Herr und Frau Engler wandern noch häufig von der Notkersegg über die Drei Weieren oder von St. Georgen zum Schwarzen Bären. Jeden Donnerstag wird im Kreis der Familie gejasst, und jeden Monat trifft er sich beim Stamm der ehemaligen FCSG-Spieler in der AFG Arena. «Heinz Aeschbacher oder Kurt Schibli holen mich dann mit dem Auto ab», sagt Engler. Nur noch selten besucht er hingegen die Heimspiele, die seit sechs Jahren nicht mehr vor seiner Haustüre stattfinden. Als Ehrenmitglied sind ihm aber stets zwei Plätze reserviert. Seine Fitness verdankt er einem weiteren Hobby: Der zähe und sprungkräftige Fussballer war früher auch Leichtathlet beim Turnverein Wittenbach.

Nur eine Diagonalflanke vom Espenmoos entfernt zu Hause, lässt Engler vermuten, dass er aufgrund enger Nachbarschaft zum FC St. Gallen gefunden hat. Doch Röbi, wie ihn alle nennen, ist in Wittenbach aufgewachsen. Dort wurde er wie die Teamkollegen Ernst Blum und Noldi von Büren auch entdeckt. Die Buben hatten jeweils vor einem Bauernhof Eisenstangen als Tore befestigt und sich auf dem Heuboden umgezogen. «Wenn der Bauer die Kühe in den Stall trieb, mussten wir für ein paar Minuten weichen», erinnert sich Engler. Der legendäre Nachwuchsförderer Hans Berger hielt jeweils in Quartieren und Dörfern Ausschau nach Talenten. Es war Scouting à la 1940er-Jahre.

Mehr Urlaub für den Schwager

Engler musste sich über die Junioren und die 3.-Liga-Mannschaft hochdienen, ehe er im Alter von 22 Jahren im Auswärtsspiel bei La Chaux-de-Fonds im Fanionteam des FC St. Gallen debütierte. Der Stürmer rückte allmählich in die zentrale Verteidigung und spielte im Frühjahr 1945 im Berner Wankdorf im Cupfinal gegen die Young Boys. Die Berner nützten den Heimvorteil erst in der Verlängerung und siegten 2:0. Englers Erinnerung ist verschwommen, aber an ein Detail erinnert er sich noch genau: «Unser Torhüter Walter Eugster musste drei Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs noch Aktivdienst leisten und hätte nach Ablauf der regulären Spielzeit wieder einrücken müssen. Da gewährte ihm der anwesende St. Galler Bundesrat Ruedi Kobelt kurzerhand eine Verlängerung des Urlaubs.»

Walter Eugster war der Bruder von Englers Ehefrau. Dass der FC St. Gallen damals ausschliesslich familiären Charakter hatte, trifft aber nicht zu. Die Trainer waren damals schon Engländer wie J. C. Townley oder Robert Kelly, und der Verein hatte mit Wagner, Dériaz und Probst auch drei «Ausländer» in der Mannschaft. Es waren drei Zürcher, deren Engagement mit einigem Argwohn beobachtet wurde. Sie sollen jeweils eine höhere Spielprämie erhalten haben als die Einheimischen. Die St. Galler trainierten zweimal pro Woche, am Dienstag und Donnerstag, von 20 bis 21.30 Uhr, auf dem Espenmoos-Nebenplatz, während die Verstärkungen versprachen, in Zürich zu trainieren.

Gefangene chauffiert

Engler erlebte eine Ära, in welcher der FC St. Gallen meistens in der Nationalliga B oder in der 1. Liga, der damals dritthöchsten Spielklasse, beschäftigt war. Im Jahr nach der Cupfinal-Niederlage stieg die Mannschaft nach sechs Saisons aus der Nationalliga A ab. Umso mehr freute sich Engler, zum Wiederaufstieg 1949 (für nur eine Saison) ein wichtiges Tor beigesteuert zu haben.

Engler Robert, Chauffeur. So lautet immer noch der Eintrag im Telefonbuch. Engler war Chauffeur für die Strafanstalt auf dem heutigen Olma-Gelände. Er transportierte Insassen und Materialien. Die Gefangenen mussten Holz schlagen und nach der Anlieferung schwere Holzlasten in den dritten und vierten Stock tragen. Dass Engler selber zupackte, rechneten sie ihm hoch an. Später verkaufte und montierte Engler Pneus in der City-Garage im Lerchenfeld.

Spieler sangen Lieder

Engler trat 1955 im Alter von 35 Jahren als Spieler zurück, gab aber sieben Jahre später als 42-Jähriger nochmals ein erfolgreiches Comeback in der ersten Mannschaft, als es dem FC St. Gallen in der 1. Liga nicht rundlief. Ja, es waren andere Zeiten. Dazu passt auch, dass die Spieler früher, mit Smartphones noch unvertraut, im Zug Lieder sangen. «Wenn Grün-Schwarz-Weiss nach auswärts ziehen, beginnt ein frohes Fussballspielen», lauteten zwei Zeilen des Clubliedes. Dieses überlebte aber, im Gegensatz zu Röbi Engler, nicht als Evergreen.

Matchtip Röbi Engler: FC St. Gallen – FC Vaduz 2:2 (morgen, AFG Arena, 13.45 Uhr)