Remis
Was für ein Spiel! Der FC St.Gallen überrennt Luzern in der Startviertelstunde, kassiert tief in der Nachspielzeit aber noch den Ausgleich +++ Zwei Platzverweise und Protestaktion des Espenblocks

Der FC St.Gallen zeigt im Heimspiel gegen Luzern eine phasenweise begeisternde Leistung. Nach zwei frühen Toren bringen die Espen den Vorsprung ganz knapp nicht ins Ziel. Für viel Pfeffer in der Partie sorgen zwei Platzverweise – und der Espenblock setzt ein Zeichen gegen die Politik.

Daniel Walt
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Die Spielwertung

Achtung, fertig los! Erste Chance nach 20 Sekunden, erstes Tor nach zwei Minuten, das zweite noch vor Ablauf der ersten Viertelstunde – der FC St.Gallen macht seinen Heimauftritt gegen Luzern zum Spektakel. Nach der gelbroten Karte gegen Thody Élie Youan muss das Heimteam dann naturgemäss etwas zurückstecken und kassiert in extremis noch den Ausgleich. Trotzdem: Das hat heute so richtig Spass gemacht, zumal mit zwei Platzverweisen auch so richtig Feuer drin war! Spielnote: 5

Die Tore

  • 1:0, 2. Minute, Torschütze: Victor Ruiz. Der Spanier taucht nach einem Fehlpass der Luzerner alleine vor dem Kasten der Innerschweizer auf. Der Spanier trifft sicher zur vielumjubelten Führung für die Espen. 
  • 2:0, 13. Minute, Torschütze: Boris Babic. Der Angreifer kann sich an der Mittellinie von seinem Gegenspieler lösen. Er zieht unwiderstehlich aufs Gehäuse der Luzerner zu und vollendet zum 2:0.
  • 2:1, 82. Minute, Torschütze: Filip Ugrinic. Der Luzerner kommt im Strafraum sträflich frei zum Abschluss. Zigi hat das Nachsehen.
  • 2:2, 96. Minute, Torschütze: Varol Tasar. Der Luzerner trifft per Kopf zum späten, sehr späten Ausgleich.

Die Spielanalyse

Nach 20 Sekunden und einem ersten Patzer in der Innerschweizer Abwehr kann Ersatzgoalie Vaso Vasic – er steht für den verletzte Marius Müller im Tor – den Gegentreffer gerade noch verhindern. In der zweiten Minute ist er gegen einen Schuss von Victor Ruiz dann aber machtlos: Der Spanier kann von einem erneuten Fehler in der Abwehr der Gäste profitieren und vollstreckt kaltblütig;

Bild: Keystone

Die Espen stecken nach der Führung nicht etwa zurück, sondern kommen durch Babic und Besio bis zur neunten Minute zu zwei weiteren gefährlichen Abschlüssen. Das Heimteam ist enorm aggressiv, die Kombinationen sitzen, Luzerns Defensive wirkt unsortiert – und das 2:0 ist deshalb nur eine Frage der Zeit. Nach 13 Minuten ist es soweit: Boris Babic kann alleine auf Vasic losziehen und hat keine Mühe, seinen ersten Saisontreffer zu erzielen.

Boris Babic bejubelt sein 2:0 gegen den FC Luzern.

Boris Babic bejubelt sein 2:0 gegen den FC Luzern.

Bild: Keystone

An der Ausrichtung des Spiels ändert sich auch nach der Doublette der Espen nichts: Die St.Galler wirken um ein Vielfaches zielstrebiger als die sichtlich geschockten, fahrigen Gäste. Einen herben Dämpfer für die Ostschweizer gibt es dann aber nach 26 Minuten: Thody Élie Youan, wegen eines Fouls bereits verwarnt, wird von Schiedsrichter Jaccottet für eine Schwalbe im Strafraum des Feldes verwiesen:

Bild: Keystone

Ab diesem Moment überlassen die St.Galler den Gästen grossmehrheitlich die Partie und verlegen sich auf Konter. Die Luzerner bringen vorerst aber nicht viel zustande. Bis zur Pause gibt es bloss noch einen einzigen gefährlichen Abschluss aufs Gehäuse von Zigi. Der noch leicht abgelenkte Schuss von Ndiaye geht aber knapp vorbei.

In der Halbzeit bringt St.Gallen-Trainer Zeidler zwei Änderungen an: Babic und Besio bleiben in der Kabine, für sie kommen Schubert und Stillhart ins Spiel. Die Ostschweizer lassen die Gäste weiter kommen, geraten vorerst aber nur selten in Bedrängnis. Zu sicher steht die Espen-Defensive, zu einfallslos agieren die Innerschweizer in ihren Bemühungen um den Anschlusstreffer.

Hitzig wird es dann wieder nach 68 Minuten: Luzerns Schulz begeht an der Seitenlinie ein sackgrobes Foul an Basil Stillhart und sieht dafür direkt Rot:

Bild: Keystone

Nach dem Foul von Schulz kommt es noch zu Tumulten zwischen diversen Akteuren, unter ihnen Lukas Görtler, die zwei gelben Karten nach sich ziehen:

Bild: Keystone

Nach Wiederherstellung der numerischen Gleichheit haben die St.Galler die Partie im Griff, allerdings nur bis zur 82. Minute, als Ugrinic der Anschlusstreffer für die Gäste gelingt. Es folgen bange Minuten fürs Heimteam und seine Fans, inklusive einer Nachspielzeit von sechs Minuten. Kurz vor deren Ablauf dann der Schock: Varol Tasar trifft zum späten Ausgleich für die Luzerner. Zuvor hatten die St.Galler noch einen Freistoss zugesprochen erhalten. Sie hatten den Ball in der Folge nach vorne gedroschen, anstatt zu versuchen, ihn in den eigenen Reihen zu halten.

12'548 Fans – und der Espenblock protestiert

Rund 10'000 Saisonabonnements hat der FC St.Gallen verkauft – ein Rekordwert, und das in Pandemiezeiten. Vor dem ersten Heimspiel der Saison gegen Luzern ist somit alles angerichtet für eine grandiose Stimmung im Kybunpark. Bloss: Der Espenblock ist sauer. Auf einem Flyer, der online publiziert wurde und im ganzen Stadion aufliegt, kündigt er an, bei diesem Spiel nicht als organisierte Fankurve in Erscheinung zu treten. Was übersetzt heisst:

  • Keine Choreographie
  • Kein Fahnenmeer
  • Keine organisierten Anfeuerungsrufe und Fangesänge

Im Stadion machen die Fans auch noch per Transparent auf ihr Anliegen aufmerksam:

Bild: Daniel Walt

Der Grund für die Haltung des Espenblocks: Er wirft der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD) und anderen Akteuren vor, die aktuellen Schutzmassnahmen für die eigene Agenda zu instrumentalisieren und zu versuchen, sie auch nach der Pandemie beizubehalten. So haben zum Beispiel Lausanne und Sion bereits beschlossen, die Gästesektoren gar nicht mehr zu öffnen, und in Sion werden nur noch personalisierte Tickets verkauft.

Der Espenblock betont zwar, der Entscheid, nicht als organisierte Fankurve in Erscheinung zu treten, habe nichts mit dem FC St.Gallen zu tun:

«Wir pflegen seit Jahren einen regelmässigen Dialog mit den Verantwortlichen des FCSG und sind froh darüber, dass unsere Bedenken ernst genommen werden. Es ist uns deshalb wichtig zu betonen, dass unsere Entscheidung nichts mit den Rahmenbedingungen anlässlich des heutigen Heimspiels zu tun hat. »

Trotzdem: Der Entscheid des Espenblocks wirft bereits im Vorfeld der Partie hohe Wellen: Im Fanforum des FCSG wird er besonders kontrovers diskutiert. «Schuld am ganzen ist nicht der Espenblock, sondern die KKJPD und die Politik, welche die Pandemie aufs frechste für ihre eigenen Ziele instrumentalisieren», schreibt ein User. Ein anderer pflichtet ihm bei: «Langfristig ist diese Entscheidung verständlich für mich.» Allerdings setzt es auch viel Kritik ab:

  • «Schlicht unverständlich!»
  • «Die Kurven machen alles, um sich immer mehr von den normalen Fans zu distanzieren.»
  • «Lächerlich und einfach nur peinlich.»
  • «Ich denke, irgendwann schneidet man sich ins eigene Fleisch, dann heissts dann irgendwann, geht ja auch ohne.»
  • «Es zeigt sich mal wieder dass einigen das Zelebrieren der eigenen Fankultur wichtiger ist als der Verein. Verstehe es auch nicht, aber ist letztlich deren Sache. Erreichen werden sie jedenfalls damit nichts.»
  • «Absoluter Kindergarten. Treibt unnötig eine Kluft zwischen die Zuschauer und benachteiligt die eigene Mannschaft.»

Im Stadion selbst ist der Espenblock praktisch komplett gefüllt. Und beim Einlaufen des FCSG werden die Espen mit einer Standing Ovation bejubelt – ein Gänsehaut-Moment:

Video: Fabian Knellwolf

Die frühe Führung der Espen und die rund 40-minütige Unterzahl des Heimteams tun dann natürlich das ihre, dass die Stimmung im Kybunpark vom ersten Moment an elektrisierend ist. Die unsägliche Geisterspiel-Atmosphäre der vergangenen Monate ist ganz weit weg.

Der Beste

Ousmane Diakité. Was für eine physische Präsenz, was für eine Ballsicherheit, was für eine Übersicht! Sportchef Alain Sutter hat mit dem Leihtransfer des Mittelfeldspielers von Red Bull Salzburg erneut ein goldenes Händchen bewiesen. Eine grandiose Leistung von Diakité!

Lawrence Ati Zigi: Note 4,5. Hat lange fast nichts zu tun – ist dann bei den beiden Gegentoren machtlos.
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Nicolas Lüchinger: Note 4,5. Steht gut, kämpft stark, peitscht das Publikum an – aber kann in der 96. Minute die allerletzte Luzerner Flanke nicht verhindern.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Sehr sicher, spediert gefühlt jede Flanke der Luzerner weg. Nur: Ebenfalls in der 96. Minute vergisst er Varol Tasar, der zum 2:2 ausgleicht.
Betim Fazliji: Note 4,5. Weniger auffällig als Stergiou, aber auch er verhilft der Verteidigung zu Stabilität.
Michael Kempter: Note 4,5. Wie bereits in Lausanne fügt sich der Neue gut ins St.Galler Team ein. Im Spiel nach vorne noch mit Luft nach oben.
Ousmane Diakité: Note 5. Er ist der beste Mann auf dem Feld. Ist körperlich allen überlegen, begeht kaum Fehler – und wenn, dann erobert er sich den Ball schnell zurück.
Lukas Görtler: Note 4,5. Seine Tackling-Erfolgsquote war wohl nie höher. Ist einmal mehr ein Aktivposten. Und sprichwörtlich Aggressivleader.
Victor Ruiz: Note 4,5. Stets in Bewegung, im Pressingspiel der St.Galler eine wichtige Komponente. Das 1:0 erzielt er stark. Baut nach der Pause ab.
Thody Élie Youan: Note 3,5. Seine Leistung vor dem Platzverweis ist stark. Wie er sich fallen lässt und so gelb-rot förmlich erbettelt, jedoch weit weniger.
Alessio Besio: Note 4,5. Ist ein Unruheherd, vor allem in der Startphase. Legt gut ab, ist gedanklich schnell. Schöner Kopfballassist zum 2:0.
Boris Babic: Note 5. Trifft nach einem starken Lauf seelenruhig zum 2:0. Rennt und arbeitet auch danach viel.
Fabian Schubert: Note 4. Noch kann er seine angekündigten Knipserqualitäten nicht in Tore ummünzen. Deutet seine Gefährlichkeit mehrmals an.
Basil Stillhart: Note 4. Er kommt nach der Pause – braucht einige Zeit, bis er Akzente setzen kann.
Euclides Cabral: keine Note. Kommt in der 84. Minute – zu wenig Spielzeit für eine Note.

Lawrence Ati Zigi: Note 4,5. Hat lange fast nichts zu tun – ist dann bei den beiden Gegentoren machtlos.

Der Schlechteste

Der Schlechteste? Was für ein Hohn, nach einem derartigen Spiel einen St.Galler in dieser Rubrik aufführen zu müssen. Wir entscheiden uns für Thody Élie Youan. Aber auch nur wegen seiner unnötigen Schwalbe beziehungsweise des Platzverweises, mit dem er die Espen nach rund 25 Minuten schwächt. Sportlich ist aber auch Youan sackstark.

Cupfinal-Revanche

Revanche: Das Wort ist vor der Partie des FC St.Gallen gegen den FC Luzern allgegenwärtig. Klar, Espen-Trainer Peter Zeidler sagt das, was ein Coach halt so sagen muss: Dass die Niederlage abgehakt sei und der Fokus nur dem eigenen Spiel gelte. Doch natürlich sehen das die Fans anders. Sie sinnen auf Revanche gegen einen Club, zu dem ohnehin eine grosse Rivalität, um nicht zu sagen eine innige Feindschaft, besteht.

Am Ende der 90 Minuten lässt sich sagen: Revanche nur teilweise gelungen, Luzern nicht bezwungen.

Unter Starkstrom: St.Gallens Cheftrainer Peter Zeidler.

Unter Starkstrom: St.Gallens Cheftrainer Peter Zeidler.

Bild: Keystone

Die Reaktionen

Fabio Celestini, Trainer FC Luzern: «Bis zur roten Karte gegen Thody Élie Youan war der FC St.Gallen die bessere Mannschaft, er agierte kämpferisch und dynamisch. Danach versuchten wir, unser Spiel zu spielen. Es war aber schwierig, wir stehen auch erst in der zweiten Runde der neuen Meisterschaft. Trotzdem: Das war klar ungenügend. Der Rest ist Fussball: Gegen YB vor einer Woche hätten wir einen Punkt verdient gehabt; heute war es St.Gallen, das drei Zähler verdient gehabt hätte.»

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen: «Der entscheidende Moment heute war sicher die gelbrote Karte für Thody Élie Youan. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir sehr gut gekämpft, gespielt und auch die Tore gemacht. Danach war es ein anderes Spiel. Entscheidend war sicher auch, dass wir das 3:0 nicht gemacht haben. Beim Anschlusstreffer, vor allem aber beim Ausgleich haben wir nicht ideal verteidigt. Es gibt solche Spiele, die in letzter Sekunde noch einen anderen Ausgang nehmen. Ich hoffe, das gleicht sich wieder aus.»

Das Spiel im Liveticker nachlesen:

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