Kolumne
Gegentribüne: Der zweite Platz des FC St.Gallen ist so wertvoll wie der Titel 2000

Peter Zeidlers Mannschaft zeigt einen Fussball, wie ihn die Super League noch nie gesehen hat.

Fredi Kurth
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St.Gallens Spanier Victor Ruiz nach seinem Tor in Lugano.

St.Gallens Spanier Victor Ruiz nach seinem Tor in Lugano.

Andy Müller/Freshfocus

St.Gallens Saison lässt sich in drei Phasen aufteilen. In den ersten fünf Meisterschaftsspielen resultierten lediglich vier Punkte und Zwischenrang neun. Danach folgte die Aufholjagd bis zur Corona-Pause mit Gipfelsturm auf Platz eins.

Fredi Kurth

Fredi Kurth

Urs Bucher

Im finalen Abschnitt mit 13 Geisterspielen und nur wenigen Zuschauern fiel die Bilanz mit 23 Punkten immer noch beachtlich aus. Doch verloren die Grün-Weissen das Titelrennen just auf der Zielgeraden, als ihnen die Puste ausging: Drei Niederlagen in fünf Partien bei zwei Siegen erinnerten wieder an den Saisonbeginn – lang, lang ist’s her.

Reizvoll ist es, die aussergewöhnliche Saison in den club­historischen Zusammenhang zu stellen. Erstmals Vizemeister, das tönt nicht schlecht, eingedenk der mittlerweile 141-jäh­rigen Clubgeschichte. Von Erfolg verwöhnt war der älteste Verein des Landes selten, ­zumindest wenn man die Titel zum Massstab nimmt.

Leistungsmässig lassen sich kaum Vergleiche ziehen

Zweimal Meister, einmal Cupsieger. Das «erstmals Vizemeister» mag den einen oder andern An­hänger überraschen, weil der FC St.Gallen im Frühjahr 2001 den im Vorjahr errungenen Meistertitel mit einem Sieg zu Hause gegen die Grasshoppers wieder hätte einheimsen können. Doch nach der hohen Niederlage rutschte das Team von Marcel Koller auf Rang drei hinter Lugano ab.

Statistisch betrachtet, hat der FC St.Gallen seine Anhänger mit der drittbesten Saison seit seiner Gründung 1879 erfreut. Leistungsmässig lassen sich kaum Vergleiche ziehen mit dem Meistertitel 1904 und dem als Aussenseiter errungenen Cupsieg von 1969, eher schon mit dem Meistertitel 2000 sowie den Qualifikationen für den Uefa-Cup und die Europa ­League ab 1983.

Was all diesen Glücksmomenten gemein war: Der Höhenrausch hatte irgendwann ein Ende. Der FC St.Gallen wurde immer wieder zurückversetzt in die Rolle des Aussenseiters, der dreimal sogar den Abstieg in Kauf nehmen musste.

Und doch: Für eine Weile durfte man sich als Spitzenteam wähnen. Noch in der dritten Saison nach dem Erfolg von 2000 qualifizierte sich St.Gallen als Vierter der Qualifikation für die Meisterrunde, ehe der unaufhaltsame Niedergang bis in die Challenge League folgte.

Nahe daran, das grosse Trio zu sprengen

Es war damals eine andere Zeit. St.Gallen hatte vor 20 Jahren niemand auf der Rechnung, aber es war möglich, dass ein Underdog des Schweizer Fussballs den Favoriten ein Schnippchen schlug. Zwar hatten im Jahrzehnt davor die Grasshoppers fünfmal die Meistertrophäe errungen, doch die anderen Clubs hiessen – man lese und staune – zweimal Sion, einmal Aarau, einmal Servette und eben einmal St.Gallen.

Es war eine andere Zeit, weil die Globalisierung des Fussballs erst eingesetzt hatte. Die heutige Dominanz weniger Teams innerhalb von Europa und innerhalb nationaler Meisterschaften war noch nicht so weit gediehen wie heute.

Von Basel, den Young Boys und dem FC Zürich war damals nicht die Rede, als die Meistertitel vergeben wurden. Aber just und exklusiv diese Vereine wurden ab 2004 Meister, Basel mit acht Titeln hintereinander als wahrer Hamsterer.

Die St.Galler wären nun die ersten gewesen, die dieses Trio gesprengt hätten, und genau das lässt die Leistung in besonders grellem Licht erscheinen und sie als gleichwertig mit dem Championatgewinn von 2000 einordnen.

Einmalig für St.Gallen und die Schweiz

Damit sind wir bei jenem Punkt angelangt, der manche Anhänger sagen liess: «Ich habe St.Gallen noch nie so gut Fussball spielen gesehen.» Solche Aussage verkennt die zeitliche Distanz zu früheren Auftritten, nicht zuletzt die Strahlkraft der Mannschaft zu Zeiten von Ivan Zamorano.

Eine Ära, die aber keinen Platz in Europa einbrachte. Richtig ist: St.Gallen hat in der zweiten Saison mit Peter Zeidler und Alain Sutter einen so zwingenden Fussball gespielt, so tempo- und trickreich wie nie zuvor. Noch nie hatte St.Gallen eine Mannschaft mit derart eindeutiger Charakteristik, und wahrscheinlich hat auch die Super League noch nie solchen Fussball gesehen.

An ein Wow-Erlebnis dieser Art mag ich mich dennoch erinnern. Es war 1985, da überraschte der FC Aarau den Schweizer Fussball mit Pressing, beigebracht von einem gewissen Ottmar Hitzfeld. Aarau gewann den Schweizer Cup und wurde Vizemeister.

Wie ich während der Corona-Pause anhand von Videoaufnahmen feststellen konnte, unterscheidet sich der FC St.Gallen von heute vom damaligen Aarau zusätzlich durch das extrem schnelle Kurzpassspiel, das sich erst mit dem Tiki-Taka-Fussball von Pep Guardiola und des FC Barcelona zum Trend entwickelte.

Eher auf und ab als konstant?

Von Barcelona abgesehen, sind es vor allem minderbemittelte Mannschaften, die auf ihre Art versuchen das Manko wettzumachen. Klasseteams mit Tradition hingegen verlassen sich eher auf herkömmliche Spielideen und lassen ihre Stars individuell in bekannten Systemen glänzen.

So etwa Real Madrid oder hierzulande der FC Basel, die kaum einmal mit besonderen «Handschriften» in Verbindung gebracht worden sind. Wahrscheinlich ist es falsch zu behaupten, dass das jetzige St.Gallen den Serienmeister in dessen besten Zeiten so hätte gefährden können wie jetzt die Young Boys.

Auch dass es das diesjährige Niveau wird halten, steht nirgendwo geschrieben. Im Moment weht ein verdächtiges Lüftchen auf dem Transfermarkt. Muss oder will die Führung ihr Tafelsilber verscherbeln, beginnt nicht alles, aber ein grosser Teil der sportlichen Aufbauarbeit wieder von vorne.