Nuhu und die etwas anderen Weihnachten: Nach der Knieverletzung tankt der FCSG-Spieler Kraft in seiner Heimat

Musah Nuhu tankt in der Heimat Kraft für das neue Jahr. Für den ghanaischen Profi des FC St.Gallen war 2019 nicht gut.

Christian Brägger
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Am Roten Platz in St. Gallen fühlt sich Musah Nuhu wohl. (Bild: Urs Bucher)

Am Roten Platz in St. Gallen fühlt sich Musah Nuhu wohl. (Bild: Urs Bucher)

Irgendwann standen in der Heimat Ghana auf einem Spielerbogen Vor- und Nachname vertauscht. Aus Nuhu Musah wurde Musah Nuhu und blieb es seither auch. Der 22-jährige Profi des FC St.Gallen lächelt verlegen, als er an diesem frühen Nachmittag die Anekdote fast beiläufig erwähnt. Es sind andere Dinge, die ihn beschäftigen. Denn es war für den Ghanaer kein gutes Jahr 2019. Dabei waren die Weichen doch gestellt.

Der FC St.Gallen hatte Nuhu nach einer Probesaison als Leihspieler im Mai für drei Jahre definitiv von der West African Football Academy WAFA an sich gebunden. In der Sommerpause war der Innenverteidiger, der auch als defensiver Abräumer spielen kann, eingeladen nach Dubai für ein Sichtungstraining der A-Nationalmannschaft, gehörte damit zum erweiterten Kader. Es war ein erster Höhepunkt einer noch jungen Karriere, der bald ein veritabler Tiefpunkt werden sollte. Es war der 4.Juni, als Nuhu sich im internen Trainingsspiel den Ball auf die Seite legte und von hinten Landsmann und Newcastle-Profi Christian Atsu zu spät kam – Beschädigung des Meniskus am linken Knie sowie Riss des vorderen Kreuzbandes, der statistisch jeden 30. Fussballer erreicht. Nuhu hatte sofort gespürt, dass es sehr schlimm sein würde.

Der Knorpel im Knie bereitet Probleme

Nach der Operation in der Schweiz ist Nuhu bis heute nicht auf den Rasen zurückgekehrt. An sich ist das nicht aussergewöhnlich. Doch der Spieler wird auch nach dem Jahreswechsel nicht so schnell wieder gegen den Ball treten können. Der Knorpel bereitet offenbar grössere Schwierigkeiten, es scheint gar ziemlich wahrscheinlich, dass Nuhu in dieser Saison nicht mehr eingreifen kann. Ginge es aber nach ihm, erscheint er in drei Monaten wieder als Musah Nuhu auf dem Matchblatt. «Es braucht alles seine Zeit. Ich bleibe positiv, alles andere nützt nichts», sagt er.

Die Mutter hat den kleinen Nuhu gelehrt, dass nichts grundlos geschieht. Der grosse Nuhu hat den Grund für sich in diesem Fall nicht gefunden, und so macht auch er jene Phasen durch, in denen es ihm nicht gut geht. Meist aber denkt er:

«Meine Zeit wird noch kommen.»

Zu seiner Freude ist immerhin die Zeit des FC St.Gallen gekommen, «we are the best team in the super league», sagt er. Ganz so ist es zwar nicht, doch die Sicht hilft über die schwierigen Stunden und sind Antrieb zugleich, so schnell wie möglich zurückzukehren.

Inniger Kontakt zu Ashimeru

Auch sonst war das Jahr kein einfaches. Majeed Ashimeru, ein Bruder im Geiste und Herzen und fussballerisch für Nuhu ein Idol wie Nwankwo Kanu, der frühere Arsenal-Profi, verliess St.Gallen und ging zurück nach Salzburg. Mit ihm lebte Nuhu in einer Wohngemeinschaft, Axel Bakayoko und Dereck Kutesa waren oft zu Besuch, manchmal ging das Quartett auf den Marktplatz oder den Roten Platz in der Stadt. Nach Ashimeru zog auch Kutesa eine Hausnummer weiter, und so verbringt Nuhu ziemlich oft seine Zeit allein dort in St.Gallen, wo er am liebsten ist: In seinen vier Wänden. Nuhu schaut dann zu Hause Netflix-­Serien wie «Vikings», die Kultur der Wikinger fasziniert ihn. Oder er tauscht sich regelmässig mit «Ashi» aus, vier- bis fünfmal hören sie einander.

Heimweh hat Nuhu nicht, und auch die Integration in die Mannschaft in St.Gallen ist ihm leichtgefallen. Sein Deutsch ist mit wöchentlich zweistündigem Kurs zwar nicht so fortgeschritten wie jenes von Jordi Quintillà und er sagt, der spanische Mitspieler lerne auch bedeutend mehr. Doch der Austausch mit Miro Muheim oder eben Quintillà ist gut, jüngst habe ihn dieser gar zum Lesen eines Buches angeregt, das heisst: «Rich dad, poor dad» und handelt davon, was die Reichen ihren Kindern über Geld beibringen und weshalb die Armen arm bleiben.

Zumindest endet das Jahr für Nuhu gut, er ist zu Hause in der Heimat, bei Familien und Freunden, diese Geborgenheit kann auch der FC St.Gallen nur ein stückweit geben. Über Amsterdam flog der 22-Jährige am 15. Dezember nach Acra und dann nach Kumasi, in die Hauptstadt der Ashanti-Region im Süden von Ghana, von wo Nuhu herkommt. Schliesslich pendelt er wieder zurück nach Acra, wo sie wieder vereint sind, «Ashi» und Nuhu. Und mit Freunden eine gute Zeit haben.

Am 1. Januar kehrt Nuhu in die Schweiz zurück, die Spieler des FC St.Gallen müssen am 2. Januar einrücken ins erste Training. Für Verletzte wie Nuhu heisst es dann: Physio, Lauf- und Krafttraining, immer und immer wieder.

Ghana und die Schweiz – vergleichbar

Vorerst aber steht Weihnachten vor der Tür. Nuhu feiert nicht, er ist gläubiger Moslem, betet fünfmal am Tag, trinkt keinen Alkohol. Aber er freut sich auf die Weihnachtszeit, weil in Ghana die Christen feiern und das Land eine spezielle Atmosphäre umgibt. Nuhu ist einfach da, geniesst, tankt Kraft. Er sagt:

«Weihnachten ist bei uns in Ghana etwas Grosses, aber es ist nicht dasselbe Fest wie in der Schweiz»

Die Leute gehen auf die Strassen, besuchen die Kirche, Museen oder Tierparks, sind zusammen fröhlich. Die Kinder erhalten neue Kleider, und an manchen öffentlichen Orten stehen Christbäume, nicht aber zu Hause, wo auch nicht gesungen, aber vielleicht eine CD eingelegt wird.

Je länger Nuhu über die Weihnachtszeit in Ghana redet, von den Lichtern schwärmt, die die grossen Plätze schmücken, desto mehr wird klar: So anders als in der Schweiz ist das heilige Fest gar nicht, und als dies auch Nuhu bemerkt, huscht ihm, diesem 195-Zentimeter-Hünen, ein warmes Lächeln über das Gesicht. «Frohe Weihnachten an alle», sagt Nuhu Musah.

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