FCSG-Sportchef Alain Sutter nach dem Wechsel von Captain Silvan Hefti zu den Young Boys: «Wir sind nicht enttäuscht, nur überrascht»

Silvan Hefti verlässt den FC St.Gallen nach elf Jahren per sofort und wechselt nach Bern. «Irgendwann wollen wir solche Spieler halten können», sagt Sportchef Alain Sutter. Hefti meldet sich per SMS: «Ich habe gespürt, dass die Zeit reif ist für einen nächsten Schritt und eine persönliche Veränderung in meiner Karriere.»

Patricia Loher und Ralf Streule
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Nach 155 Super-League-Spielen ist Schluss: Captain Silvan Hefti verlässt den FC St.Gallen in Richtung Bern.

Nach 155 Super-League-Spielen ist Schluss: Captain Silvan Hefti verlässt den FC St.Gallen in Richtung Bern.

Gian Ehrenzeller/Keystone

Ein Jahr nach Tranquillo Barnetta verliert der FC St.Gallen eine nächste Identifikationsfigur. Captain Silvan Hefti wechselt nach einer starken vergangenen Saison für vier Jahre zum Doublegewinner Young Boys.

St.Gallen dürfte für das Eigengewächs, das noch über einen Vertrag bis kommenden Sommer verfügte, 1,5 Millionen Franken erhalten. Das ist, aus der Sicht des Vizemeisters, die einzig gute Nachricht des Dienstags.

Hefti läuft in den kommenden Jahren für eine Mannschaft auf, der die St.Galler in der vergangenen Meisterschaft sehr nahe gekommen sind und mit der sie sich einige packende Spiele auf Augenhöhe geliefert haben.

Der Erste schwächt also einen direkten Konkurrenten, das gut funktionierende Duo Hefti/Lukas Görtler wird getrennt. Man kennt so etwas vor allem aus der Bundesliga.

St.Gallen will einen überzeugten Captain

Sportchef Alain Sutter sagt: «Wir waren überrascht, dass für Hefti ein Wechsel in der Schweiz in Frage kommt.» Und:

«Wir waren auch überrascht, dass er nicht sah, in welche Richtung wir hier gehen wollen.»
Alain Sutter, Sportchef FC St.Gallen.

Alain Sutter, Sportchef FC St.Gallen.

Claudio Thoma / freshfocus

Aber sie benötigten in diesem Projekt einen Captain, der davon überzeugt sei, mit St.Gallen weiterhin angreifen zu können. So habe man sich geeinigt, einem Wechsel zuzustimmen.

Sind St.Gallens Verantwortliche enttäuscht, dass sich Hefti für diesen Weg entschieden hat? «Nicht enttäuscht, nur überrascht», so Sutter.

Der Verteidiger begründete seine Wechselabsichten offenbar damit, dass bei den Young Boys die Chancen, für das Nationalteam aufgeboten zu werden, besser seien und es ihm die Berner ermöglichten, einen nächsten Schritt in seiner Karriere zu machen.

Für St.Gallens Sportchef ist hingegen klar, dass all das auch sein Stammklub hätte bieten können. Sutter sagt:

«Itten hat es aufgezeigt – er wurde bei uns zum Nationalspieler und wechselte zu einem renommierten Klub im Ausland.»

Aber Hefti wird bei Meister und Cupsieger Young Boys möglicherweise in der Champions League spielen und wohl auch einen deutlich höheren Lohn beziehen.

Der Goldacher hielt seine Zeit in St.Gallen, wo er mit 17 Jahren in der Super League debütierte, offenbar für abgeschlossen. Man darf Hefti, einem jungen, ambitionierten Mann, durchaus auch Verständnis entgegenbringen: Er hat unterdessen elf Jahre beim FC St.Gallen verbracht.

Hefti war während zwei Jahren St.Gallens Captain. Dank stets tadelloser Leistungen erarbeitete er sich viel Respekt. Vor allem die vergangene Saison war überragend. Per SMS richtet der 22-Jährige am Dienstagabend aus:

«Ich kann die vielseitigen Reaktionen verstehen und habe Verständnis für unterschiedliche Ansichten. Ich habe gespürt, dass die Zeit reif ist für einen nächsten Schritt und eine persönliche Veränderung in meiner Karriere.»

Der FC St.Gallen befinde sich in einer sehr guten Ausgangslage und werde professionell geführt. «Ich bin überzeugt, dass die Mannschaft auch in Zukunft erfolgreich sein wird.»

Hefti hat schon vor einiger Zeit angedeutet, einen Wechsel anzustreben. So lag eine vorzeitige Vertragsverlängerung ausser Reichweite. Zudem bewegte sich der Fussballer laut Sutter im Lohngefüge bereits im oberen Bereich, eine Verlängerung geht aber meistens auch mit höheren Bezügen einher. «Wir hatten keinen Spielraum.»

Die Ostschweizer bekamen aufgezeigt, dass es ihnen nicht möglich ist, mitzuhalten, wenn ein arrivierter Schweizer Club um einen Akteur buhlt. Der Sportchef sagt:

«Irgendwann wollen wir so weit sein, dass wir unsere besten Spieler halten können.»

Am Tag des Abgangs ihres Captains wehren sich St.Gallens Verantwortliche vor allem gegen das Etikett, ein kleiner Klub zu sein, dem die Grossen die Spieler wegschnappen. Nach Itten – zu den Glasgow Rangers – und Leihspieler Ermedin Demirovic, den Freiburg kaufte, ist Hefti bereits der dritte Leistungsträger, der St.Gallen in diesen Tagen verlässt.

Hüppi: «Wir werden nicht zum Durchlauferhitzer»

Die Ostschweizer bekommen gerade die Schattenseiten des Erfolges zu spüren – nur, das Tafelsilber wollen sie nicht einfach verscherbeln. «Wir bleiben ein Ausbildungsklub, aber einer mit Ambitionen. Wir werden sicher nicht zum Durchlauferhitzer. Aber Spielern, die weiterziehen, werden wir immer mit Respekt begegnen», sagt Präsident Matthias Hüppi.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Claudio Thoma / freshfocus

Die Frage, ob weitere Abgänge drohen, ist dann an Sutter gerichtet und noch nicht ganz zu Ende gestellt, als Trainer Peter Zeidler kurz und knapp antwortet:

«Nein.»

Trotz der Coronakrise ist St.Gallen nicht gezwungen, Spieler zu verkaufen und auf jeden Wechselwunsch einzugehen. Ob auf Heftis Abgang reagiert wird, ist offen. Alessandro Kräuchi oder Vincent Rüfli könnten auf der rechten Aussenverteidigerposition spielen, Nicolas Lüchinger fällt mit Knieproblemen erneut länger aus.

Eine machbare Aufgabe im Europacup

Der FC St.Gallen wird sein Europa-League-Abenteuer also ohne Hefti in Angriff nehmen. Für die dritte und vorletzte Qualifikationsrunde wurde ihm am Dienstag AEK Athen zugelost. Er darf die Partie am 24. September zu Hause bestreiten, muss aber auf Zuschauer verzichten. Kenner der griechischen Liga schätzen St.Gallens Chancen als gut ein, diese Runde zu überstehen – auch ohne Hefti.