Analyse

Nach dem Sieg in Basel: Der FC St.Gallen spielt wie ein Meisterkandidat

Zum ersten Mal seit siebeneinhalb Jahren ist der FC St.Gallen wieder Leader der Super League. Fast aus dem Nichts mischt eine junge, unbekümmerte Mannschaft die Liga auf – und begeistert mit attraktivem, vorwärtsgerichtetem Fussball.

Patricia Loher
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Patricia Loher, Sportchefin.

Patricia Loher, Sportchefin.

Bild: Hanspeter Schiess

Der starke Auftritt der St.Galler in Basel war ein erneutes Ausrufezeichen. Noch wird dem Team aber trotz 13 Siegen in 20 Partien nicht zugetraut, den Meistertitel zu holen. Von Runde zu Runde steht die Frage im Raum, wann der Einbruch erfolgt. Genau das könnte für die Ostschweizer die grosse Chance sein.

Der FC St.Gallen befand sich schon einmal in einer ähnlichen Ausgangslage – er war Abstiegskandidat, Aussenseiter und von Spieltag zu Spieltag wurden Rückschläge erwartet. Doch sie kamen nicht. Das war vor exakt 20 Jahren, als der FC St.Gallen letztmals Schweizer Meister wurde.

Selten dürfte der FC Basel so dominiert worden sein

Am Sonntag in Basel reichten den St.Gallern einige Minuten, um unter Beweis zu stellen, dass sie zu einem ernstzunehmenden Titelkandidaten gereift sind. Die Mannschaft zeigte sich unbeeindruckt nach dem Schiedsrichterentscheid, den Führungstreffer durch Boris Babic in der 60. Minute nicht anzuerkennen.

Sie dokumentierte in jener Phase, wie gefestigt sie ist, wie selbstbewusst, wie solidarisch. St.Gallen lancierte Angriff um Angriff  – selten dürfte der stolze FC Basel in den vergangenen Jahren von einer Schweizer Mannschaft im eigenen Stadion so dominiert worden sein wie am Sonntag. 20:3 Torschüsse wies die Statistik schliesslich aus.

Das Kader ist breit: zwei eingewechselte Spieler treffen

Und dass es am Ende mit Axel Bakayoko und André Ribeiro zwei Einwechselspieler waren, welche die Partie entschieden, widerlegt die Vermutung, St.Gallens Kader sei qualitativ zu wenig breit, um in den Kampf um den Meistertitel einzugreifen. Hinzu kommt, dass die beiden Stammspieler Ermedin Demirovic – mit Jordi Quintillà St.Gallens bester Torschütze – und Yannis Letard in Basel gesperrt zuschauen mussten.

Das Spektakel vor 20 Jahren

In St.Gallen weiss man, was solche Spiele auslösen können. Vor 20 Jahren stand zu Beginn der damaligen Finalrunde mit dem 4:4 im Hardturm gegen die Grasshoppers eines der spektakulärsten Spiele des Schweizer Fussballs an: vom 0:3 nach einer Viertelstunde zum 3:3 noch vor der Pause, dann der scheinbar entscheidende 3:4-Rückstand wenige Minuten vor dem Schlusspfiff und schliesslich das 4:4 in der 95. Minute.

Werner Zünd, Ex-Assistenztrainer des FC St.Gallen.

Werner Zünd, Ex-Assistenztrainer des FC St.Gallen.

Bild: pd

St.Gallen war danach nicht mehr zu stoppen und drei Runden vor dem Saisonende Schweizer Meister. Der damalige Assistenztrainer Werner Zünd sagt über jene Zeit: «Wir hatten nicht die beste Mannschaft, aber den besten Zusammenhalt.»

Ein wenig romantisch angehaucht

St.Gallens Glück ist es nun, dass sich erneut eine «bande de copains» gebildet hat – eine Mannschaft also, die auch neben dem Platz kameradschaftlich verbunden und nicht bloss eine sportliche Zweckgemeinschaft ist. Die Entwicklung eines starken Teamgeistes war Peter Zeidlers erklärtes Ziel, als er vor eineinhalb Jahren sein Amt in der Ostschweiz antrat.

Damals wirkten Zeidlers Worte wie Floskeln, ein wenig romantisch angehaucht. Doch Zeidler war bewusst, dass es einem Club wie dem FC St.Gallen, der mit 7,6 Millionen Franken für die erste Mannschaft über eines der kleinsten Budgets der Super League verfügt, nur so möglich sein würde, Berge zu versetzen.

Mit ein bisschen Glück, aber auch dank gutem Bauchgefühl haben er und Sportchef Alain Sutter nun tatsächlich ein Team zusammengestellt, in dem es menschlich passt.

17- und 20-jährige Eigengewächse

Es haben sich junge Leute gefunden, deren Karrieren in eine Sackgasse geraten waren, oder die sich ganz zu Beginn ihrer Laufbahn befinden. Der FC St.Gallen bietet ihnen nicht das grosse Geld, dafür die Bühne Super League. Die Leistungen sind erstaunlich. In Basel bildeten der 17-jährige Leonidas Stergiou und der 20-jährige Betim Fazliji die zentrale Abwehr. Beide stammen aus dem eigenen Nachwuchs.

Torschütze in Basel: Betim Fazliji (links) jubelt mit Jérémy Guillemenot, Leonidas Stergiou und Silvan Hefti.

Torschütze in Basel: Betim Fazliji (links) jubelt mit Jérémy Guillemenot, Leonidas Stergiou und Silvan Hefti.

Bild: Freshfocus

Rechts verteidigte mit Silvan Hefti ebenfalls ein Eigengewächs. Links spielte mit Miro Muheim ein 21-jähriger Verteidiger, der bei Chelsea ausgebildet wurde, nach der zwischenzeitlichen Rückkehr beim FC Zürich den Sprung in die erste Mannschaft aber nicht schaffte. Muheim gehört zu den Entdeckungen dieser Saison. Es ist bemerkenswert, wie sich die Spieler unter Zeidler entwickeln.

Die neue Führung griff durch

Das Tempo, mit welchem die Aktionäre, der ehemalige TV-Mann Matthias Hüppi und der frühere Internationale Alain Sutter den FC St.Gallen sportlich auf Kurs gebracht haben, ist beeindruckend. Das Feuer in der Region ist entfacht. Es ist erst zweieinhalb Jahre her, da war der Verein nach der Ära Dölf Früh zerfressen von Machtkämpfen. Der FC St.Gallen entfernte sich von seiner Basis, das Zuschauerinteresse sank.

Sein Abgang stand unter einem schwierigen Stern: Dölf Früh, Ex-Präsident des FC St.Gallen.

Sein Abgang stand unter einem schwierigen Stern: Dölf Früh, Ex-Präsident des FC St.Gallen.

Bild: Freshfocus

Die neue Führung sah sich gezwungen, durchzugreifen. Natürlich, auch Hüppi und Sutter bekamen zu Beginn eine gewisse Skepsis zu spüren. Vor allem die Trennung von Giorgio Contini wurde da und dort nicht goutiert. Sportlich hatte sich dieser nichts zuschulden kommen lassen, konnte sich aber mit den neuen Gegebenheiten im Verein nicht abfinden.

Zwei Impulsive und ein Berner

Und als dann Zeidler kam, um dessen Offensivphilosophie man wusste, glaubten nicht wenige, das Experiment sei zum Scheitern verurteilt. Nun stellt sich heraus, dass sich die drei sportlich mächtigsten Männer gut ergänzen: Auf der einen Seite die impulsiven Zeidler und Hüppi, auf der anderen Seite Sutter, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt.

Auch Marcel Koller liess sich nicht verbiegen

Sie alle gehen ihren Weg, wie es vor 20 Jahren schon Marcel Koller tat. Auch der langjährige Spieler der Grasshoppers liess sich nicht verbiegen. Wenn es den St.Gallern wie damals gelingt, die Unbeschwertheit beizubehalten, wenn sie es schaffen, die steigenden Erwartungen auszublenden, können sie an der Spitze bleiben.

Denn eine Übermannschaft gibt es in dieser Saison nicht. Am nächsten Sonntag empfängt St.Gallen Servette, in drei Wochen den Meister Young Boys. Spätestens dann wird sich weisen, ob ein Märchen wie vor 20 Jahren tatsächlich möglich ist.