«Na, wer ist Leader?»: Wie die Fieberkurve rund um den FC St.Gallen vor dem Spitzenkampf gegen YB in der ganzen Ostschweiz steigt

Von Mels über Oberriet bis nach Rorschach – der FC St.Gallen lässt eine ganze Region träumen. Am Sonntag empfangen die Ostschweizer die Young Boys zum Spitzenspiel.

Patricia Loher
Hören
Drucken
Teilen
Victory: Der FC St.Gallen und seine Erfolge lösen Begeisterung in der Region aus.

Victory: Der FC St.Gallen und seine Erfolge lösen Begeisterung in der Region aus.

Urs Bucher

Die Strassen in Mels sind an diesem Morgen menschenleer. Es regnet. Es ist grau. Nur wenig deutet darauf hin, dass hier bald die farbigen Narren los sein werden. Mels ist eine Fasnachtshochburg. Reto Voneschen blättert durch das Programm. Just am kommenden Sonntag setzt der Trubel für einige Stunden aus. «Dann können sich die Leute dem FC St.Gallen widmen.»

Reto Voneschen

Reto Voneschen

Patricia Loher

Reto Voneschen ist Sportredaktor der Zeitung «Sarganserländer». Die Berner Mutter gab ihm früh die Leidenschaft für die Young Boys mit auf den Weg. «Allerdings habe ich in den vergangenen Jahren mehr Spiele des FC St.Gallen gesehen als von den Young Boys. Ich mag die Leute im Club», sagt der 43-jährige Voneschen.

Die Redaktion der Regionalzeitung hat ihren Sitz in Mels nahe des Walensees, flächenmässig ist Mels die grösste Gemeinde im Kanton. Manchmal fühlt man sich hier ein bisschen vergessen von der Politik in der Kantonshauptstadt.

Der Club ist das verbindende Element

St.Gallen ist fast eine Autostunde entfernt. Fahren die Leute nach St.Gallen, dann wegen des Fussballs. Der Club sei das verbindende Element zwischen der Stadt und dem südlichen Teil des Kantons. «Alle haben Freude, dass es nun so gut läuft. Man mag den Offensivfussball und vor allem den grossen Kampfgeist», so Voneschen.

Manchmal streift sich der Sportredaktor für sein Unihockey-Training ein Trikot der Young Boys über, früher nahmen das die Teamkollegen gelassen. «Heute fragen sie augenzwinkernd: Na, wer ist Leader?»

Gute Skirennfahrer, fast keine NLA-Fussballer – dann kam Babic

Einen Dämpfer aber hatten die Sarganserländer anfangs dieser Woche zu verkraften. Die Nachricht, dass sich Boris Babic einen Kreuzbandriss zugezogen hat, beschäftigt die Menschen. «Als Babic seine zweite Chance in St.Gallen nutzte, hat es das Interesse am Club noch einmal verstärkt. Er war die Identifikationsfigur», sagt Voneschen über den 22-jährigen Stürmer, der in Walenstadt aufgewachsen ist und noch immer dort wohnt.

Das Sarganserland hat dank seiner Berge schon einige gute Skirennfahrerinnen und Skirennfahrer hervorgebracht: Marie-Theres Nadig, die zweifache Olympiasiegerin von Sapporo 1972, ist die bekannteste. Sie stammt aus Flumserberg. Doch Fussballer, die auf höchster Ebene den Durchbruch schafften, gibt es wenige. Der Bad Ragazer Martin Mullis war der letzte aus der Region, der in der NLA Fuss fasste: 1979/80 spielte er für St.Gallen. Voneschen sagt:

«Die Geschichte von Boris Babic bewegt hier sehr.»

«Die Familie ist stark verwurzelt, man kennt sie. Der Vater hat für verschiedene lokale Vereine gespielt.» Alle hätten sich für Babic gefreut, als er durchgestartet sei. «Und nun leiden wir mit.»

Der Sohn freut sich eine Woche lang auf ein Heimspiel

Gut 30 Kilometer in Richtung Norden, im oberen Rheintal, fühlen die Leute mit. Auch Nicolas Lüchinger, der Oberrieter im Dienste der St.Galler, fehlt verletzt. Hier war man ebenso stolz, als wieder einmal einer von ihnen den Sprung zum FC St.Gallen schaffte.

Das Rheintal ist eine Fan-Hochburg des Ostschweizer Clubs. Hier kann ihm kein anderer Verein das Wasser reichen. Als 2008 die lange unvorstellbare Situation eintrat, dass Vaduz den Platz des FC St.Gallen in der Super League einnahm, hofften die Liechtensteiner auf mehr Publikum aus dem Rheintal. Sie investierten in Werbung an den Strassen und schalteten Inserate. Nur zog es die Leute weiterhin nach St.Gallen – trotz Challenge League.

Patrick Gächter und sein Sohn Lenny.

Patrick Gächter und sein Sohn Lenny.

Bild: Cécile Alge

Patrick Gächter wohnt mit seiner Familie in Oberriet. Seit 30 Jahren schon verfolgt er den FC St.Gallen, die Liebe zu diesem Club hat der 58-Jährige auch seinem Sohn Lenny mit auf den Weg gegeben. Lenny ist mit der Clique seines Vaters aufgewachsen, er ist oft mit Leuten umgeben, die nie ein Heimspiel des FC St.Gallen verpassen, die mitfiebern und mitleiden.

Der 13-Jährige malt Plakate mit der Bitte an die Spieler, ihm ihre Trikots zu schenken. Von Majeed Ashimeru, Jordi Quintillà, Babic, Lüchinger und Jérémy Guillemenot hat er sie schon erhalten. Viele seiner Klassenkameraden beneiden ihn um die Souvenirs. Vor allem jetzt, in diesen aussergewöhnlichen Tagen. Er freue sich jeweils eine ganze Woche auf ein Heimspiel, sagt Lenny. Und weiter:

«Es ist echt krass, wie gut sie manchmal spielen.»

Dem Vater ist vor allem die zweite Halbzeit gegen den FC Basel noch immer präsent. «Das war etwas vom Besten, das ich je auf einem Schweizer Fussballplatz gesehen habe.» Als Anhänger des FC St.Gallen weiss man solche Momente zu schätzen. 

St.Gallens junge Gipfelstürmer bejubeln ein Tor von Cedric Itten (Mitte).

St.Gallens junge Gipfelstürmer bejubeln ein Tor von Cedric Itten (Mitte).

Andy Müller/Freshfocus

Die offensive, attraktive Spielphilosophie weckt Begeisterung und eigene junge Akteure erhalten die Chance, sich in der Super League zu beweisen. Doch Patrick Gächter gesteht, zu Beginn der Ära Matthias Hüppi/Alain Sutter skeptisch gewesen zu sein. Er sagt:

«Sutter war ein hervorragender Fussballer, aber ich dachte halt auch, dass er ein Träumer ist. Doch er hat mich eines Besseren belehrt.»

Hüppi, Sutter und auch Trainer Peter Zeidler werde hoch angerechnet, dass sie wie angekündigt tatsächlich auf junge und eigene Spieler setzten. «Aber wahrscheinlich stand am Anfang dieser Philosophie auch die Tatsache, dass der FC St.Gallen ohne viel Geld auskommen muss.» Junge ausbilden, Junge spielen lassen, Junge verkaufen: «Ein Club wie St.Gallen kann wohl nur so überleben», sagt Gächter. Die Diskussionen des Vaters mit seinem Sohn über die Mannschaft sind oft sehr angeregt.

Patrick Gächter hofft nun, dass am 21. Mai wieder einmal ein Reisebus mit Rheintaler Anhängern zum letzten Saisonspiel gegen die Young Boys nach Bern fahren wird – wie in alten Zeiten. Aber kritische Stimmen mahnen, die Planung dieses Ausflugs komme noch zu früh, die Meisterschaft sei ja noch lang: 

«Doch auch wenn wir nicht Meister werden, war es eine starke Saison. So dürfen wir in Bern doch so oder so feiern.»

Der Sohn aber ist überzeugt: «Wir werden Meister.»

Marc Zellwegers Saisonabonnement ist begehrt

St.Gallens langjähriger Verteidiger Marc Zellweger.

St.Gallens langjähriger Verteidiger Marc Zellweger.

Benjamin Manser

Lenny war noch nicht auf der Welt, als der FC St.Gallen im Jahr 2000 seinen letzten grossen Triumph feierte, als 30'000 Menschen an der Meisterfeier der Mannschaft zujubelten. Marc Zellweger war damals eine tragende Säule, ein Kämpfer, der keine grossen Worte verlor. 20 Jahre später ist er noch immer ein gefragter Mann. Er sagt:

«Wenn plötzlich wieder Anfragen von Medien eintreffen, weiss ich, dass beim FC St.Gallen etwas passiert.»

Der 46-Jährige schmunzelt. Natürlich bekommt er auch so mit, dass die Mannschaft die Super League aufmischt. Der frühere Verteidiger schaut sich die Spiele noch immer regelmässig am TV an. Vor wenigen Tagen hat sich ein Kollege nach Zellwegers Saisonabo für das restlos ausverkaufte Spitzenspiel gegen die Young Boys erkundigt. Das war zuvor noch nie vorgekommen.

Der FC St.Gallen ist auch zehn Jahre nach seinem Weggang noch immer der Herzensverein des gebürtigen Winterthurers. Mit fast 500 Partien für die Ostschweizer ist er der Rekordspieler des Clubs. «Beim FC St.Gallen liefern derzeit alle starke Arbeit ab», sagt er.

«Es ist als Aussenseiter möglich, Meister zu werden»

Vergleichen mag er die Meistermannschaft von 2000 nicht mit dem aktuellen Team. «Da liegen zwanzig Jahre dazwischen.» Aber natürlich erkennt auch Zellweger Parallelen wie den guten Teamgeist, die Euphorie auf und neben dem Platz, die Berge versetzen kann. «Es ist als Aussenseiter möglich, Meister zu werden. Wir haben das bewiesen. Wenn sich eine Mannschaft auf einer Welle befindet, ist vieles möglich», sagt er.

Seit sechs Jahren ist Zellweger Centerleiter im Update-Fitness in Rorschach. Der Standort floriert, zu Beginn kamen die Leute auch wegen ihm vorbei. Sie wollten sich unterhalten über den Meistertitel, über die Leistungen des FC St.Gallen. «Doch als es vor etwas mehr als zwei Jahren unruhig wurde im Club, als bekannt wurde, wie zerstritten man offenbar war, nahm das Interesse rapide ab», sagt er. Und weiter:

«Es war erschreckend. Niemand beklagte sich mehr. Es war, als ob der FC den Leuten egal geworden wäre.»

Nach dem radikalen Schnitt auf Führungsebene und dank des unbeschwerten, erfrischenden Fussballs ist die Stimmung gekippt. Nun wird Zellweger bei der Arbeit wieder um Analysen gebeten. Der ehemalige Internationale sagt: «Die Leute freuen sich wieder darauf, ins Stadion zu gehen. Das ist das Wichtigste.»

FC St.Gallen: Mit Boris Babic fällt die Symbolfigur lange aus

Bislang ist es für den FC St.Gallen in dieser Spielzeit so gut gelaufen. Doch am Dienstag, kurz nach 9 Uhr, ereilte ihn eine veritable Hiobsbotschaft, mit der vielleicht Trainer Peter Zeidler in seinen schlimmsten Träumen gerechnet hatte, gewiss aber nicht der betroffene Spieler selbst.
Christian Brägger