Mitten im Winter ein perfekter Platz für den FC St.Gallen – Ivan Bonderer hütet den Rasen im Kybunpark wie einen Schatz

Der Greenkeeper aus Bad Ragaz, der sich schon den Respekt von Jürgen Klopp erarbeitet hat, bringt seine neuen Ansichten in der Rasenpflege seit vier Jahren in St.Gallen ein – und räumt mit Missverständnissen auf.

Patricia Loher
Hören
Drucken
Teilen
Rasenpflege ist seine Leidenschaft: Ivan Bonderer arbeitet seit vier Jahren für den FC St.Gallen.

Rasenpflege ist seine Leidenschaft: Ivan Bonderer arbeitet seit vier Jahren für den FC St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser (St.Gallen, 21. Januar 2020)

Es ist ein aussergewöhnlicher Anblick in dieser Zeit, mitten im tiefen Winter. Sattes Grün, selbst im Schatten keine lehmigen Stellen, geschweige denn Schneehaufen. Der FC St.Gallen und Lugano dürfen sich am nächsten Sonntag trotz des frühen Rückrundenstarts auf eine perfekte Unterlage freuen. Das Wetter hat mitgespielt. Schnee ist noch nicht angesagt.

Ivan Bonderer ist zufrieden. «Und ein bisschen auch stolz.» Der 49-jährige Greenkeeper des FC St.Gallen hat viel investiert in diesen Rasen – einmal mehr. Vorbei sind die Zeiten, als der Platzwart das Gras ein bisschen zurechtstutzte, es bewässerte, bei Bedarf den Rasen mit schweren Maschinen vom Schnee befreite und den Rest der Natur überliess.

Am liebsten würde Bonderer Vorträge halten über die Arbeit eines Greenkeepers und wie sie sich verändert hat in den vergangenen Jahren. Sie ist zu einer spannenden Wissenschaft geworden. Vor allem in St.Gallen, wo das höchstgelegene Stadion der Super League steht. Und wo erstmals für Fussballspiele in der obersten Schweizer Liga ein Hybridsystem installiert wurde.

Für Bonderer ist der Platz fast wie ein eigenes Kind

Denn der Rasen muss der hohen Belastung sowie den teils garstigen Bedingungen mit Schnee, Regen und Kälte trotzen, damit nicht in jedem Jahr kostspielige Sanierungsarbeiten erforderlich sind. Für Bonderer, den Vater von zwei Töchtern, ist der Rasen im Kybunpark fast wie ein eigenes Kind.

«Er muss umsorgt, gehegt und gepflegt sowie sauber aufgezogen werden.»

Aus den Augen lässt er die Unterlage praktisch nie. An den Tagen um Weihnachten fuhr er oft von seinem Wohnort Bad Ragaz nach St.Gallen, um kurz zu sehen, ob der Rasen gedeiht.

Und als sich im Sommer wieder ein lästiger Pilz ausbreitete, blieb er auch einmal über Nacht, nur um den Platz frühmorgens vom Tau zu befreien, der dem Schädling ein weiterer Nährboden gewesen wäre. «Natürlich, man muss ein bisschen verrückt sein», sagt Bonderer. Und weiter:

«Ich will aber, dass wir den besten Platz der Super League haben.»

Der Sportchef des 3.-Liga-­Clubs FC Bad Ragaz hat sein Amt vor vier Jahren angetreten. Damals war der Sarganserländer erstaunt über den kleinen Maschinenpark, der bloss vier Rasenmäher umfasste. Bonderer machte dem FC St.Gallen klar, dass mit ihm auch neue Ansichten über die Rasenpflege Einzug halten werden.

Heute verfügt er über UVC-Geräte, die dem Pilz den Garaus machen sollen, über Lampen, die den Pflanzen Licht spenden, und über Folien, welche die Bodenwärme konservieren. Nur so gedeiht der Rasen auch im Herbst und Winter, wird er dicht und widerstandsfähig.

Schwere Maschinen kommen nicht mehr auf den Platz

Bonderer kennt jeden Zentimeter, fast jeden Grashalm im Stadion. Schwere Maschinen kommen unter ihm nicht mehr auf den Platz, weil sie zerstören, was er in feiner Handarbeit aufgezogen hat. Selbst der Rasenmäher wird von Hand gestossen.

So ist für Bonderer auch klar: «Hat es an einem Spieltag fünf Zentimeter Schnee, kann nicht gespielt werden. Diese Masse kann nicht beseitigt werden, ohne den Platz mit langfristigen Folgen zu beschädigen.» Und die Rasenheizung ist nicht dafür da, um Schneemassen wegzuschmelzen. Dank ihr gefriert die Unterlage nicht. Bereits seit dem 6. Januar ist die Rasenheizung im Kybunpark ununterbrochen in Betrieb.

Im letzten Heimspiel vor der Winterpause gegen den FC Zürich Mitte Dezember präsentierte sich der Rasen im Kybunpark ebenfalls in einem guten Zustand.

Im letzten Heimspiel vor der Winterpause gegen den FC Zürich Mitte Dezember präsentierte sich der Rasen im Kybunpark ebenfalls in einem guten Zustand.

Urs Bucher

«Zu hundert Prozent ein Naturrasen»

Der FC St.Gallen setzt in seinem Stadion auf ein Hybridsystem, nicht aber auf einen Hybridrasen. Diese Falschmeldung halte sich schon lange hartnäckig, sagt Bonderer. «Es ist zu hundert Prozent ein Naturrasen.» Die Rasentragschicht, die sich zehn Zentimeter unter der Grasnarbe befindet, ist hybrid. Es ist also die zweitoberste Schicht, die mit Kunstfasern durchsetzt ist. Das bedeutet, dass sich die Wurzeln des Naturrasens besser verankern. Der Greenkeeper sagt:

«Diesem Rasen kann durch die Spielbelastungen fast nichts passieren. Er ist enorm widerstandsfähig.»

Stollen von Fussballschuhen hinterlassen kaum bleibende Schäden. Selbst den vergangenen Herbst, als der Heimclub, Lugano und das Nationalteam im Kybunpark spielten und trainierten, hat der Rasen gut überstanden.

Sorgen machen Bonderer die immer wärmeren Temperaturen, die schon zwei Sommer hintereinander einen Pilz und damit einige braune Stellen zur Folge hatten. Man werde wohl nicht darum herumkommen, Lüfter zu installieren, um die Temperaturen auf dem Platz – sie betrugen im vergangenen Sommer bis zu 48 Grad – zu senken. Zudem wird Bonderer den bestehenden Rasen mit einer neuen Grassorte durchmischen, die resistenter ist gegen den Pilz. Nur: «Diese braunen Flecken schauen zwar nicht schön aus. Der Platz ist aber trotzdem gut bespielbar.»

Auf einen Kaffee mit Jürgen Klopp

Bonderer ist ein Quereinsteiger und hat sich das Wissen eines Greenkeepers selber angeeignet. Er absolvierte eine Lehre als Plattenleger, ehe er sich entschied, den Beruf zu wechseln. Von der Gemeinde Bad Ragaz erhielt er die Stelle als Platzwart für die Anlage des lokalen Fussballclubs, wo bald grosse Aufgaben auf ihn warteten.

Dank des Hotels Grand Resort kamen Bundesligateams wie Dortmund oder Wolfsburg für ihre Trainingslager ins Sarganserland. Bonderer erarbeitete sich dank seines Engagements für perfekte Trainingsplätze schnell einen guten Ruf. Mit dem damaligen Dortmund-Trainer Jürgen Klopp traf er sich regelmässig zum Kaffee, der frühere Wolfsburg-Manager Klaus Allofs wollte Bonderer gleich mitnehmen nach Deutschland.

Aber Bonderer und seine Familie blieben in Bad Ragaz. Bereut hat er seinen Entscheid nicht. Auch in St.Gallen sind die Herausforderungen gross genug.