Mit toten Hosen und schlotternden Knien

Noch stecken wir mitten in der Ski-Krise und freuen uns, dass Damian Brunner für das NHL-Traditionsteam Detroit Tore schiesst. Doch am Wochenende beginnt die Fussball-Saison des FC St.Gallen.

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Endlich: Die fussballfreie Zeit ist bald vorbei. (Bild: Urs Jaudas)

Endlich: Die fussballfreie Zeit ist bald vorbei. (Bild: Urs Jaudas)

Um darauf aufmerksam gemacht zu werden, hat rechtzeitig Tauwetter eingesetzt, und wir erinnern uns, dass vor nicht allzu langer Zeit im Februar den Spielern mitten im Match eine Pause eingeräumt wurde, um den Durst zu löschen. Ja, der Winter ist nicht mehr, was er einmal war. Und auch der Frühling in der Türkei soll zumindest am Trainingsort des FC St.Gallen nicht nur eitel Sonnenschein gewesen sein.

Noch nicht im Rhythmus
Dass sich St.Gallens Fussballer gewissenhaft vorbereiten, hat gute Gründe. Denn sie bekommen Konkurrenz von ungeahnter Seite: Die Toten Hosen treten dieses Jahr in der AFG Arena auf, und allein über die Abonnenten, die ja primär Fussballfans sind, sollen schon 8000 Karten verkauft worden sein. Die Arena-Betreiber scheinen nun doch auf den Geschmack heisser Rhythmen zu kommen, derweil die Mannschaft in der Vorbereitung den Rhythmus offensichtlich noch nicht gefunden hat. Natürlich sind Vorbereitungsspiele kein Gradmesser. Aber wenn man im Sommer in der Vorbereitung zum Teil gegen identische Gegner wie Wacker Innsbruck noch locker gewonnen hat und nun fast immer verliert gegen Gegner wie Paderborn oder Leipzig, macht man sich eben seine Gedanken. Da ist man als Anhänger zu stark sensibilisiert. Nicht zuletzt deshalb, weil der FC St.Gallen früher schon oft nach einem erfolgreichen Herbst im Frühjahr stark nachgelassen hat. Nur zwei Beispiele: Vor etwas mehr als 20 Jahren überwinterte St.Gallen mit Zamorano und Rubio auf Platz eins, erreichte aber nicht einmal einen Uefa-Cup-Platz (heute Europa-League). Auch die erste Super-League-Saison in der Arena, ebenfalls nach dem Aufstieg, liess die Mannschaft gegen Ende hin eher lustlos ausklingen.

Der etwas versteckte Cup
Nicht mildem, sondern garstigem Wetter ist der um eine Woche vorverschobene Saisonbeginn zu verdanken. Das wegen des frühen Wintereinbruchs verschobene Cupspiel beim FC Aarau steht auf dem Programm. Bei einem Weiterkommen würde am Mittwoch, 27. Februar, GC in der AFG Arena gastieren. Die Ansetzung solcher Cuprunden auf Dezember und Februar macht langjährige Fussballfreunde darauf aufmerksam, wie sehr diese Konkurrenz eher zu einer Randerscheinung geworden ist.

Teenager-Erfahrung
Cup, das war einst ein magisches Wort. Da wurden Ausdrücke wie "Riesentöter" kreiert oder die Floskel vom echten Cup-Fight und von den anderen Gesetzen, denen ein Cupspiel unterworfen ist. Die K.o.-Konkurrenz fand am Wochenende statt, und der Final am Oster- oder Pfingstmontag war ein Saisonhöhepunkt, auf den die Schweizer Fussballgemeinde schon Tage im Voraus gespannt wartete. Nicht der Final, sondern "nur" der Halbfinal war es, als am Ostermontag 1967 in Lugano und der FC Basel aufeinander trafen. Ich mag mich deshalb gut erinnern, weil wir mit den B-Junioren des FC St.Gallen, betreut vom legendären Junioren-Obmann Räto Hoegger, daselbst an einem internationalen Turnier teilnahmen. Von jenem Anlass blieb mir nur in Erinnerung, dass wir auf Savona trafen und danach sagten: "Die sahen ja schon aus wie Männer." Wir machten als Teenager erstmals die Erfahrung, dass sich Jugendliche aus südlichen Ländern früher entwickeln als zarte Bubis nördlich der Alpen. Noch mehr interessierte uns allerdings der Cupschlager. 22'000 Zuschauer füllten das Cornaredo und sassen bis zum Spielfeldrand. Spielertrainer Helmut Benthaus trieb die Basler an, doch nach 120 Minuten stand es 0:0. Penaltyschiessen gab es noch nicht, aber ein Wiederholungsspiel, zu welchem am Mittwochabend 50'000 Zuschauer im Basler "Joggeli" erschienen. Solche Mengen vermögen die Stadien an diesen beiden Orten nicht mehr aufzunehmen.

An Tagen wie diesen
Aber mit einem Erfolg im Cup in Aarau könnte der FC St.Gallen trotzdem so etwas wie Cupfieber auslösen. Doch selbst bei einem Ausscheiden müssten die Spieler des FC St.Gallen noch nicht mit toten Hosen und zittrigen Knien in die Meisterschaft starten: Der Aufsteiger kann aufgrund seines dritten Platzes einigermassen unbeschwert aufspielen. Und sogar das ist möglich: Dass im Mai noch vor dem Auftritt der deutschen Band die Fans lauthals singen "An Tagen wie diesen". So taten es die Toten Hosen jedenfalls schon vergangenes Jahr, als sie als bekennende und langjährige Anhänger von Fortuna Düsseldorf die Aufstiegsfeier des Bundesligisten anheizten.

Fredi Kurth

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