Mit Tempofussball an die Tabellenspitze: Der FC St.Gallen besiegt Basel und ist nach sieben Jahren wieder am Sehnsuchtsort der Super League

Mit Tempofussball und dem 2:1 in der Schlussminute setzen die St.Galler gegen Basel zwei Ausrufezeichen. Erstmals wieder seit siebeneinhalb Jahren ist der FC St.Gallen am Sehnsuchtsort der Super League angelangt. Trotzdem übt man sich bei den Espen in Bescheidenheit.

Christian Brägger aus Basel
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André Ribeiro (Nummer 19), erst seit Anfang September beim FC St.Gallen, erzielt in der 93. Minute den Treffer zum 2:1-Sieg.

André Ribeiro (Nummer 19), erst seit Anfang September beim FC St.Gallen, erzielt in der 93. Minute den Treffer zum 2:1-Sieg.

Bild: Andy Mueller / freshfocus

Diese Bildersprache. Hier die Basler, wieder ohne Punkte und mit hängenden Köpfen ihren St. Jakob-Park verlassend, ausgepfiffen vor der eigenen Muttenzerkurve. Auf der Gegenseite die St.Galler, mit den über 1000 mitgereisten Fans jubelnd, tanzend, singend. Das fremde Stadion ist in dieser fernen Ecke fest in grünweiser Hand, gleicht einem Tollhaus. Es gibt in diesen 15 Gänsehautminuten ja auch etwas zu feiern, nicht nur dieses neuerliche, verdiente 2:1 im Nordwesten der Schweiz, bei diesem potenten Club. Sondern auch die Tabellenführung, erstmals wieder seit siebeneinhalb Jahren ist der FC St.Gallen am Sehnsuchtsort der Super League: An der Tabellenspitze. Davor gilt es den Hut zu ziehen, sich zu verneigen, wenngleich dies nur «eine Momentaufnahme» sein soll, wie Peter Zeidler sagt, wie auch dies:

«Ich bin sehr stolz auf mein Team.»

Das darf der St.Galler Trainer auch, weil seine Spieler im zweiten Durchgang auftrumpfen und Basel keine Chance zugestehen; es sind die besten 45 Minuten der Saison. In diesen sind die Ostschweizer spielbestimmend, besonders in den aufwühlenden Schlussminuten, in denen die eingewechselten Axel Bakayoko und André Ribeiro wirbeln, Lukas Görtler das 2:1 auf dem Fuss hat, Ribeiro nach einem Pfostenschuss Bakayokos im Nachsetzen mit der letzten Aktion der Partie den Siegtreffer erzielt, vielleicht weil Zeidler ihm davor gesagt hat, er solle reingehen und das Tor machen. Ja, in dieser zweiten Halbzeit sind die beiden Ausrufezeichen offensichtlich, die St.Gallen setzt: So agiert und gewinnt ein absolutes Spitzenteam, so agiert und gewinnt ein Team, das nicht nur in der Meisterschaft mitspielt, sondern um die Meisterschaft spielt.

Das ist er, der FC St.Gallen der Neuzeit, der FC St.Gallen unter Zeidler. Er kommt mit seiner Jungmannschaft als Zweiter nach Basel, kann mit einem Sieg Leader der Super League werden, und er liefert in dieser Reifeprüfung. Weil sein Selbstvertrauen gross ist, sein Spiel intensiv, mutig, mit Dauerpressing, was das Zeug hält, mit grosser Mentalität und im Flowzustand bis zum Spielende. Allein, dass eine Gästemannschaft bis zum Schluss in Basel den Sieg will, verdient Lob und Anerkennung.

Lawrence Ati Zigi, Note 5. Muss selten eingreifen. Gute Strafraumpräsenz und Antizipation. Beim Gegentor machtlos.
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Silvan Hefti: Note 5,5. Sicher, zweikampfstark, saubere Grätschen. Und: Der Captain hat viele Offensivaktionen.
Leonidas Stergiou: Note 5.5. Macht Fortschritte im Passspiel. Ademi hat keine Aktionen – das liegt vor allem an Stergiou!
Miro Muheim: Note 5. Hat einige Mühe mit Zhegrova. Steigert sich in der zweiten Halbzeit erheblich, schöne Flanke zu Babics vermeintlichem 2:1.
Victor Ruiz: Note 5. Assist zum 1:1. Findet erst in der zweiten Halbzeit so richtig den Tritt. Dann aber ein Antreiber.
Lukas Görtler: Note 5. Läuft unheimlich viel. Hat in der 87. Minute den Siegtreffer auf dem Fuss – doch Omlin hält.
Boris Babic: Note 5.5. Ist eifrig, der Aktivposten in der ersten Halbzeit, hat zwei gute Torchancen. Trifft dann herrlich zum 2:1, das aber nicht zählt.
Jordi Quintillà, Note 5. Versucht das Spiel zu beruhigen. Beweist viel Übersicht, Pech bei seinen Distanzschüssen.
Cedric Itten: Note 4.5. Sehr bemüht, verliert aber einige Bälle. Vor dem gegnerischen Tor mit wenig Fortune.
Betim Fazliji: Note 5. Läuft beim Gegentor vielleicht zu spät zu Passgeber Frei. Kommt vor der Pause nach einem Corner zur Torpremiere. Wie war das bei Fazliji? Spielt er, gewinnen die Ostschweizer immer – nun zum zwölften Mal!
Jérémy Guillemenot: Note 4.5. Hat hinter den Spitzen lange weniger Einfluss aufs Spiel. Und manchmal fehlt das Auge für den Mitspieler. Pech, dass sein Ballgewinn vor dem vermeintlichen 2:1 nachträglich per VAR als Foulspiel gewertet wird.
Axel Bakayoko: Note 5. Kommt in der 75. Minute. Das bringt Schwung und eine Note, weil er den Siegtreffer auslöst.
André Ribeiro: Note 6. Kommt in der Schlussphase für Guillemenot. Würgt den Ball in der letzten Minute rein – gibt eine Sympathienote.

Lawrence Ati Zigi, Note 5. Muss selten eingreifen. Gute Strafraumpräsenz und Antizipation. Beim Gegentor machtlos.

Bid:Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Dem Sieg geht ein fragwürdiger Entscheid voraus

Etwas weniger als 60 Minuten sind gespielt, als Boris Babic zum Trainer hingeht und sagt: «Machen Sie sich keine Sorgen, wir machen das schon.» Kurze Zeit später erzielt der Stürmer vor nicht ganz 21000 Zuschauern das vermeintliche 2:1 und rennt an den Tribünenrand zum gelbgesperrten Ermedin Demirovic, umarmt inmitten der St.Galler Spielertraube seinen Bruder im Geiste. Doch der Videoschiedsrichter greift ein, weil es davor ein Foul an Aggressivleader Taulant Xhaka beim Ballgewinn Jérémy Guillemenots gegeben haben soll. Schliesslich nimmt Schiedsrichter Fedayi San den Treffer zurück, es ist ein fragwürdiger Entscheid. Danach kommt für kurze Zeit das Gefühl auf, bei St.Gallen sei die Luft draussen. Das Gefühl täuscht, es findet nochmals Sauerstoff, weshalb Basel-Trainer Marcel Koller im Nachgang der Partie nach der dritten Meisterschaftsniederlage in Serie sagen muss:

«Wir müssen gemeinsam aus unserer schwierigen Situation rausfinden, mit diesen Niederlagen macht es natürlich keine Freude und keinen Spass.»

Dabei starten die Basler mit Jasper van der Werff in der Startformation gar nicht so schlecht in die Partie, gehen nach 19 Minuten nach der schönen Vorarbeit Fabian Freis und einem Pass in den Rücken der Abwehr durch den gefälligen Kevin Bua in Führung. St.Gallen seinerseits braucht ein paar Minuten, um sich von diesem bis dahin unnötigen Rückstand zu erholen. Im für die Ostschweizer günstigsten Moment kurz vor der Pause ist es dann Betim Fazliji, der nach einem Corner von Victor Ruiz den verdienten Ausgleich erzielt. Spätestens nach diesem Tor entwickelt sich das Spiel so, dass niemand auf die Idee kommt, Basel sei der Hausherr.

Bloss ein gutes Momentun?

Mit Babics Prophezeiung und Fazliji auf dem Feld, der den gesperrten Yannis Letard vertritt, gibt es ja auch die Gewissheit, dass St.Gallen immer gewinnt. «Ich hoffe, dass meine Serie bis zum Ende der Saison bleibt. Es ist ein Wahnsinnsgefühl, Leader zu sein», sagt Fazliji. Die Basler ihrerseits schicken nach dem Spiel den rotgesperrten Captain Valentin Stocker zu den Journalisten, was ein untrügliches Zeichen für die Krise am Rheinknie ist. Er sagt, St.Gallen habe ein gutes Momentum. Nur: Der fünfte Sieg der Ostschweizer im sechsten Spiel, oder die lange Siegesserie im Herbst, allein schon diese beiden Fakten müssen einen anderen Schluss zulassen.

Am nächsten Sonntag empfängt der neue Leader der Super League Servette – die Young Boys sind punktgleich. Zeidler sagt: «Noch gibt es 16 Spiele, das ändert nichts an unserer Attitüde. Wir sind zwar zufällig Erste, dennoch arbeiten wir am Montag schon wieder hart.» Kann das alles wirklich Zufall sein?