Mit dem Hammer ins Metall schlagen

Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt, dass Sinnlichkeit und Ereignischarakter der Arte Povera bis heute lebendig sind.

Kristin Schmidt
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Marisa Merz in einem Iglu von Mario Merz, Fünfte Internationale Kunstmesse Berlin, 1973. (Bild: Angelika Platen 2019, Pro Litteris)

Marisa Merz in einem Iglu von Mario Merz, Fünfte Internationale Kunstmesse Berlin, 1973. (Bild: Angelika Platen 2019, Pro Litteris)

Blei ist schwer. Blei ist weich. Blei ist billig und nicht als künstlerisches Material vorbelastet – perfekt also für die Arte-Povera-Künstler in den 1960er- und 1970er-Jahren. Sie definierten sich nie als Gruppe, werden aber einer gemeinsamen Bewegung zugeordnet, da sie auf ähnliche Art und Weise arbeiteten: Sie verwendeten «arme», also gewöhnliche und alltägliche Materialien in ihrer Kunst, angefangen von Holz und Kohle über Leinen und Kreide bis hin zu Feuer und Eis. Sie verwoben Alltag und Leben mit poetischen Bildern und Gesten, sie brachten Papageien, Pferde oder Fische in die Galerien und fanden das Schöne im Unbedeutenden.

Ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeiten waren die Aktionen. So montierte Eliseo Mattiacci 1978 eine mannshohe Platte aus Walzblei in seiner Galerieausstellung und bot daneben einen Hammer an mit dem Wort «essere» in dreidimensionaler Schrift, damit das «Sein» hineingehämmert werden konnte in das weiche Metall, in die Kunst, in den Moment. Genau das ist nun wieder möglich.

Vieles war noch nie öffentlich ausgestellt

Das Kunstmuseum Liechtenstein lässt die Aktionen der Arte-Povera-Künstler wieder aufleben, indem es Originale mit historischen fotografischen und filmischen Dokumentationen verknüpft. Vieles davon war noch nie öffentlich ausgestellt und ist erst durch umfangreiche Recherchen bei Zeitzeugen wieder entdeckt worden, sagt die Kuratorin Christiane Meyer-Stoll: «Wir erfahren das ganze Wissen um die Arte Povera noch aus erster Hand. Wir haben Interviews mit den Galeristen von damals geführt, die Künstler befragt und mit Fotografen gesprochen.»

Hinter dem «wir» stehen vier Frauen: Nike Bätzner, Maddalena Disch, Valentina Pero und Christiane Meyer-Stoll. Die Kunsthistorikerinnen sichten seit vielen Jahren die Arte-Povera-Archive und haben ihr besonderes Augenmerk auf die Aktionen gelegt, denn, so ­Meyer-Stoll: «Es gibt kein Verzeichnis dieser so wichtigen Azioni Povere.» Das Verzeichnis in Buchform ist aber erst der nächste Schritt, zunächst lädt die Ausstellung «Entrare nell’opera» zum Einstieg in die Werke und in das umfangreiche Archivmaterial ein. 

Archivausstellungen geraten schnell zu unsinnlichen Dokumentpräsentationen, die nur noch Spezialisten ansprechen. Im Kunstmuseum Liechtenstein aber stimmt sowohl die Mischung zwischen Original und Dokumentation als auch die Präsentationsform. Grossformatig ausgedruckte Fotografien von Handlungen und Prozessen markieren Archivzonen, sie umgeben die Werke, die in den Aktionen verwendet wurden oder dafür entstanden. Immer wieder gibt es Sichtachsen vom dokumentarischen Material hin zu den Kunstwerken und zurück. Aber nie wird beides miteinander vermischt. Beides behält sein eigenes Gewicht.

Besucher sollen die Arbeiten «aktiv erleben»

Zum allerersten Mal in der mittlerweile 20-jährigen Geschichte des Museums wurde sogar eine zweite Ebene in einen Raum eingezogen. Dadurch ist eine Empore entstanden, unter der selten gezeigte Filmbeiträge und Künstlervideos zu sehen sind, und die oben in eine Lesezone einlädt. Der Raum erhält durch die horizontale Unterteilung menschliche Dimensionen.

Gerahmt wird er von Arbeiten von Mario Merz. Sie zeugen vom Wunsch, «das Denken zu verflüssigen, es so offen wie möglich zu halten und Erstarrung hinter sich zu lassen», sagt Christiane Meyer-Stoll zusammenfassend – ein Anspruch, den die Ausstellung insgesamt einlöst. Sie fordert auf, die Denkmuster abzulegen und sich auf die hier gezeigten Arbeiten nicht nur einzulassen, sondern sie aktiv zu erleben, also mit dem Hammer das «Sein» in die Bleiplatte zu schlagen. Oder in Gilberto Zorios «Mikrofone» zu sprechen oder zu singen, bis der Raum erfüllt ist von Worten und Lauten. Oder sich anzulehnen und innezuhalten an Michelangelo Pistolettos «Gestell, um im Stehen zu sprechen» und wiederum Pistolettos «Teetrinkenden weiblichen Akt» zu betrachten oder sich sogar in der Spiegelarbeit selbst wiederzufinden. Nicht zuletzt solche Gegenüberstellungen wecken die Sinne und stärken die Wahrnehmungskraft – eine Ausstellung also ganz im Sinne der Arte Povera.

Hinweis: «Entrare nell’opera», Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz, bis 1.9. kunstmuseum.li