FCSG-Meisterheld Charles Amoah schaut zurück auf das 4:4 im Hardturm im März 2000 – und sagt: «Ich wäre dieses Jahr gerne an eine St.Galler Meisterfeier gekommen!»

Die Partie des FC St. Gallen vom 10. März 2000 gegen die Grasshoppers bleibt ewig in Erinnerung. Würde man meinen. Der Mann des Spiels, Doppeltorschütze Charles Amoah, muss 20 Jahre danach aber nachfragen: «Wieviel stand es am Ende?» In einer Serie blicken wir mit Spielern und Trainern zurück auf einige der spektakulärsten und denkwürdigsten Partien in der 141-jährigen Geschichte des FC St.Gallen.

Ralf Streule
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Ein Spiel mit vielen Geschichten: Charles Amoah verliert im Zweikampf gegen Marian Zeman von den Grasshoppers einen Schuh.

Ein Spiel mit vielen Geschichten: Charles Amoah verliert im Zweikampf gegen Marian Zeman von den Grasshoppers einen Schuh.

Bild: Steffen Schmidt/KEY

Charles Amoah lacht und überlegt. «Wie viel stand es am Ende? 3:3?» Dann dämmert es ihm. «Ja, klar, ich traf in jenem Spiel zweimal. Am Ende zum 4:4. Das ist lange her!»

Die Partie, an die sich der Meisterheld von 2000 nur langsam wieder erinnert, ist bei vielen St. Galler Fans tief eingebrannt. Als überraschender Wintermeister mussten die Ostschweizer am 10. März, zu Beginn der Finalrunde, im Hardturm beim damals grossen GC antreten – und konnten gleich zweimal den Kopf aus der Schlinge ziehen.

Sportkommentator Hüppi: «Dieses 4:4 wird in Erinnerung bleiben»

Auch im Meistervideo, mit welchem der Club den unvergesslichen Titel im Sommer 2000 noch unvergesslicher gemacht hat, nimmt jenes Spiel einen grossen Teil ein. Die junge Stimme im Beitrag stammt von Sportkommentator Matthias Hüppi, man hört ihn beim Saisonrückblick sagen:

Matthias Hüppi, damals Sportkommentator, in einem Bild von 2001. (Bild: Keystone)

Matthias Hüppi, damals Sportkommentator, in einem Bild von 2001. (Bild: Keystone)

«Dieses 4:4 wird in Erinnerung bleiben. Gut möglich, dass dieser kühle Märzabend vieles ausgelöst und entscheidend zum grossen Meistercoup beigetragen hat.»

Der heutige FC-St.Gallen-Präsident dürfte richtig analysiert haben: Das Spiel bleibt bis heute in bester Erinnerung, weil es für die St. Galler den Weg in Richtung Titel ebnete. Und weil es gleich zwei emotionale Wendungen nahm. Die Grasshoppers lagen nach 14 Minuten mit 3:0 in Führung und schienen all jenen recht zu geben , die es ja schon immer gewusst hatten: St. Gallen, der Wintermeister, würde auf die Welt kommen im Frühjahr. Und die Grasshoppers unter Startrainer Roy Hodgson würden problemlos durchmarschieren.

Falsch gedacht. Die St. Galler drehten das Spiel bis zur Pause. Und konnten am Ende auch noch auf das späte vierte GC-Goal reagieren. Im Meistervideo ist das Spiel ab der 8. Minute zusammengefasst:

Charles Amoah heute

Charles Amoah heute

pd

Amoah: «Marcel war nervös - ich aber nicht.»

Der Mann, der damals mit dem 1:3 die Aufholjagd der Ostschweizer einläutete, war ebenjener Charles Amoah, der nun am Telefon Auskunft gibt. Der Ghanaer, der 2001 zu Sturm Graz wechselte und heute noch in der Steiermark wohnt, erinnert sich an ein hartes Spiel. An seinen späten Ausgleichstreffer. Und daran, dass Stéphane Chapuisat und Hakan Yakin auf dem Spielfeld standen – genau sie waren es gewesen, die früh für die Zürcher getroffen hatten, nebst Bernt Haas. Was Amoah ebenfalls im Kopf gespeichert hat: Trainer Marcel Koller sei bereits lange vor dem Spiel gegen seinen einstigen Club ziemlich nervös gewesen. «Im Gegensatz zu mir», sagt der Ghanaer lachend.

Sie brachten die Grasshoppers in den ersten 14 Minuten mit 3:0 in Führung: Bernt Haas, Hakan Yakin und Stéphane Chapuisat.

Sie brachten die Grasshoppers in den ersten 14 Minuten mit 3:0 in Führung: Bernt Haas, Hakan Yakin und Stéphane Chapuisat.

Bild: Steffen Schmidt/KEY

«Doch plötzlich, nach dem 0:3, zitterten wir alle, wir wussten nicht weshalb. Es war seltsam, nach dieser starken Qualifikation», erinnert sich Amoah. «Doch der Trainer stellte um, tat das Richtige.»
Auffallend in der TV-Zusammenfassung ist bei der Aufholjagd die Ruhe, Übersicht und Kaltschnäutzigkeit der St. Galler in jeder Spielsituation, dies trotz des niederschmetternden Beginns. Sascha Müller, Ionel Gane, Marc Zellweger oder Amoah: Sie alle gingen, trotz offenbar zitternden Knien, zielstrebig und umsichtig zu Werke.

Und dann ist da natürlich das Schlussbouquet, an das sich Amoah bestens erinnert. Nach einem abgefälschten Schuss der Grasshoppers, das zum Gegentor in der 90. Minute führt, folgt knapp drei Minuten später sein Weitschuss zum 4:4.

Wie diese doppelte Rückkehr möglich war? Der heute 45-Jährige sagt:

«Wir waren eine Familie.»

Was immer wieder heraussticht im Gespräch mit Amoah ist seine Verbundeneit mit Marcel Koller, dem damaligen St. Galler Meistertrainer. «Er, der mich schon von Wil nach St. Gallen holte, war wie ein Vater für mich.» Und der Meistertitel, das war «all because of Marcel». Noch heute sei er mit Koller sporadisch per SMS in Kontakt, sagt Amoah.

Marcel Koller und Charles Amoah bejubeln den Meistertitel.

Marcel Koller und Charles Amoah bejubeln den Meistertitel.

Bild: Michele Limina/KEY

«Mein Sohn wird besser als ich es war!»

St. Gallen übrigens, das wiederholt der Ghanaer ebenfalls gerne, bleibe seine zweite Heimat. Noch heute habe er Freunde in der Stadt. Er sagt:

«Ich habe den Höhenflug des FC St.Gallen natürlich mitverfolgt und mich eigentlich darauf eingestellt, im Mai zu einer Meisterfeier zu kommen.»

Nun müsse das halt wohl warten, «vielleicht bis nächstes Jahr».   

Der Fussball jedenfalls prägt Amoah weiterhin. Eine Zeitlang hat er nach seiner Karriere in der Bierbrauerei Puntigam gearbeitet, inzwischen habe er sich aber dem selbständigen Fussballscouting zugewandt, wie er sagt. Auch durch seinen Sohn Winfred ist er dem Fussball weiterhin eng verbunden. Der 19-Jährige spielt im Nachwuchs von Sturm Graz. «Er wird einmal besser sein, als ich es war.»






 

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