Mann missbraucht Pferd im Thurgau – doch er sagt: «Stehe auf Frauen, nicht auf Tiere»

Ein 22-Jähriger gesteht vor dem Bezirksgericht Andelfingen, dass er im Thurgau ein Pferd sexuell missbraucht hat. Das Gericht spricht den Mann für schuldig.

Tom Felber
Drucken
Teilen
Ein 22-Jähriger hat im Thurgau eine Stute missbraucht. Das Bezirksgericht Andelfingen hat ihn für schuldig gesprochen.

Ein 22-Jähriger hat im Thurgau eine Stute missbraucht. Das Bezirksgericht Andelfingen hat ihn für schuldig gesprochen.

Symbolbild: Csilla Cseke / EPA

Der Tierquälerei-Prozess am Bezirksgericht Andelfingen hätte eigentlich schon längst beginnen müssen, doch der Platz der Hauptperson ist immer noch leer. – «Der Beschuldigte getraut sich nicht, zu kommen», erklärt der Einzelrichter den Anwesenden. Der Grund sei, dass sich ein Fotojournalist vor dem Gerichtsgebäude postiert habe. Der Einzelrichter verhandelt rund eine halbe Stunde lang telefonisch mit dem Beschuldigten. Die verantwortliche Boulevardzeitung zieht ihren Fotografen ab. Der Einzelrichter kann den Beschuldigten schliesslich umstimmen, was «ziemlich viel gebraucht» habe. Die Verhandlung beginnt mit 45 Minuten Verspätung.

Im Sommer 2017 ist der heute 22-jährige Mann im Kanton Thurgau viermal in dieselbe Pferdestallung eingebrochen und hat sich sexuell an einer Stute vergangen: Er stellte sich auf einen eigens mitgebrachten Benzinkanister oder auf einen Strohballen, rieb das Geschlechtsorgan des Tieres mit Gleitcrème ein und penetrierte es. Dabei filmte er sich. Die Pferdebesitzerin merkte, dass mit dem Tier etwas nicht stimmte, und installierte eine Überwachungskamera. Damit erwischte sie den Täter.

Neigung nicht erkennbar

In einem Strafbefehl vom Juli 2019 wurden dem jungen Mann nebst Tierquälerei und Hausfriedensbruch noch weitere Delikte vorgeworfen: mehrfache grobe Verletzung von Verkehrsregeln, weil er mit seinem Motorrad zu schnell fuhr, Marihuanakonsum, Filme und Bilder mit sexuellen Handlungen mit Tieren auf seinem Notebook sowie Irreführung der Rechtspflege: Der Mann hatte bei polizeilichen Einvernahmen auch sexuelle Handlungen mit Ponys seiner Eltern zugegeben, die gar nie stattgefunden haben sollen. Der Strafbefehl sah eine bedingte Freiheitsstrafe von 160 Tagen bei einer Probezeit von drei Jahren und eine Busse von 600 Franken für alle Delikte vor.

Während der Beschuldigte den Strafbefehl akzeptierte, erhob das kantonale Veterinäramt Einsprache. Es verlangte ein psychiatrisches Gutachten und eine therapeutische Massnahme, damit der Beschuldigte seine Zoophilie unter Kontrolle bringen könne. Im Mai 2020 lud das Gericht den Beschuldigten zu einem nicht öffentlichen Vorgespräch ein. Wie der Einzelrichter an der Hauptverhandlung erklärt, wollte das Gericht dadurch vorher abschätzen, ob eine Begutachtung überhaupt in Frage kommt.

Das Resultat war, dass dem Gericht eine Therapie nicht nötig erschien. Ein psychiatrisches Gutachten «wäre schlicht und einfach unverhältnismässig gewesen», erklärt der Einzelrichter an der Hauptverhandlung. Es sei im Gespräch mit dem 22-Jährigen «durch nichts erkennbar» gewesen, dass bei ihm eine solche zoophile Neigung vorhanden sei, die Folgetaten wahrscheinlich machen könnte. Er habe die Beweisanträge des Veterinäramts deshalb abgelehnt. Gemäss seiner langjährigen Erfahrung als Richter sehe er keine Gefahr für eine Wiederholungstat. «Wir können am Schluss nicht die gesamte Gesellschaft begutachten lassen», so der Einzelrichter.

«Isch blöd gsii»

Im schriftlichen Protokoll der Anhörung vom Mai, das der Einzelrichter den Journalisten zur Verfügung stellt, beteuert der Beschuldigte, er habe keinen sexuellen Drang nach Tieren. Er stehe nicht auf Tiere, sondern auf Frauen.

«Würde ich auf Tiere stehen, dann würde ich dazu stehen und sagen, dass ich ein Problem damit habe.»

Er würde sagen, wenn er Hilfe benötigte. Seit drei Jahren sei ja auch nichts mehr passiert. Die Taten habe er aus Dummheit begangen. Jemand habe Bilder von ihm gehabt und ihn erpresst. Auf die entsprechende Frage antwortete er, er hätte vermutlich auch einen Hof angezündet, wenn der Erpresser dies verlangt hätte. Einen Beweis, dass es diesen Erpresser tatsächlich gibt, konnte der Beschuldigte aber nie erbringen. In der Hauptverhandlung werden die Taten nur noch gestreift. Der Beschuldigte gibt alles zu, nur bei einem Verkehrsdelikt bestreitet er die konkrete Gefährdung eines Velofahrers.

Was er gemacht habe, «isch blöd gsi», murmelt er mehrfach. Er bereue es. Dabei wird offensichtlich, dass der Mann die Medienöffentlichkeit wesentlich mehr fürchtet als die Strafe. Er erklärt, wenn er so etwas wiederholen würde und es erneut zu einem «solchen Auflauf» käme, könnte er ja gleich vor einen Zug springen.

Ein guter Teil der richterlichen Befragung dreht sich um die Frage, ob der Beschuldigte bei der Lehrstellensuche Hilfe annehmen würde oder nicht. Seine ursprüngliche Lehre wurde wegen der Vorfälle vorzeitig beendet, derzeit hilft er unentgeltlich auf dem elterlichen Hof aus. Im Moment habe er keine Lust auf die Jobsuche. Eine neue Lehrstelle wolle er erst suchen, wenn alle Verfahren erledigt seien. Helfen lassen wolle er sich dabei nicht.

«Es bringt mir nichts, wenn mir andere sagen, was ich zu tun habe.»

Zivilforderungen 
bereits erfüllt

Die Pferdebesitzerin bricht während ihres kurzen Vortrags in Tränen aus: Es sei wirklich grauenhaft, was passiert sei. Das Pferd sei nie mehr dasselbe gewesen und sei ein Jahr später zusammengebrochen und gestorben. Alle Zivilforderungen seien bereits erfüllt. Nach einem Gang zum Friedensrichter habe der Beschuldigte (beziehungsweise seine Eltern) 5000 Franken Sachschaden und Genugtuung bezahlt. Ihre Frage an den Beschuldigten, ob er nicht Angst davor habe, wieder erpresst zu werden, beantwortet dieser mit: «Ich würde einfach nicht mehr mitmachen.»

Der Richter spricht den 22-Jährigen schliesslich aller angeklagten Delikte schuldig, belässt es bei einer Freiheitsstrafe von 160 Tagen bedingt, reduziert die Probezeit dafür auf zwei Jahre und senkt die Busse auf 200 Franken, weil der Beschuldigte nichts verdiene. Allerdings ordnet er für die Zeit der zweijährigen Probezeit eine Bewährungshilfe an. Denn es sei wichtig, dass jemand dem Beschuldigten bei der Berufsintegration zur Hand gehe, dass er eine Lehrstelle oder eine andere Beschäftigung finde und deliktfrei bleibe.

Mehr zum Thema