Lieber in Saibenes als in Hitzfelds Haut

Der FC St. Gallen machte am Sonntag beim FC Luzern einen Schritt rückwärts und dann einen Schritt vorwärts. Und das war für diese Saison noch ein Novum.

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FCSG-Trainer Jeff Saibene: In Luzern gab es einen Punkt für die St.Galler. (Bild: Keystone)

FCSG-Trainer Jeff Saibene: In Luzern gab es einen Punkt für die St.Galler. (Bild: Keystone)

Zeitungen machen jeweils mit einem Kioskaushang auf besondere Ereignisse oder Eigenleistungen aufmerksam. Einige Schlagzeilen erregen Aufsehen, andere werden weniger beachtet. Mord und Totschlag, ein Flugzeugabsturz in Russland oder eine Naturkatastrophe haben sich als Medienereignis abgenutzt – wenn nicht gerade Kinder betroffen oder Atomreaktoren explodiert sind. Gegen manch dicke Buchstaben, so geht es mir zumindest im fortgeschrittenen Alter, ist meine Seele gut imprägniert. Wahrscheinlich eine Art Selbstschutz. Wer lässt sich denn gerne mit den täglich negativen Nachrichten immer wieder die Lebensfreude dämpfen.

Punktgewinn ohne den Star
Vergangene Woche allerdings ist eine Schlagzeile an meinen Augen hängen geblieben – wenn auch eine für die Menschheit relativ unwichtige: Ein «St.Gallen-Star» wurde mit «Frauen-Geschichten» in Zusammenhang gebracht. Es waren aber nicht die Frauen-Geschichten, die meine Aufmerksamkeit erregten. Es war der St.Gallen-Star, der mich stutzig machte. Ich fragte mich, wer denn dieser Star sein könnte, und ob denn der FC St.Gallen überhaupt noch einen Spieler à la Beckham oder Zamorano in seinen Reihen hat. Bei der Nachlese stellte ich fest, dass der «Blick» die Latte sehr tief gelegt hat. Beim fraglichen Spieler handelte sich um den U-21-Fussballer aus Kamerun, dessen Namen ich auch erst wieder nachsehen musste: Brice Owona.

Nun, beim FC St.Gallen geht es momentan nicht um Stars und Sternchen, sondern um die Mannschaft als Ganzes, den Ligaerhalt und die Entwicklung nach den zahlreichen Transfers. Daran wurde ich auch während der Länderspiel-Pause daran erinnert: Das Nationalteam, ob mit oder ohne Stars, hat ähnliche Probleme, funktioniert im Verbund ebenfalls schlecht und Coach Ottmar Hitzfeld muss wegen Verletzungen und Formschwächen auch immer wieder «Transfers» vornehmen. Reizvoll ist die Frage nach der Wahrscheinlichkeit: Erreicht, wenn nicht beide Unternehmen bachab gehen sollten, eher der FC St.Gallen sein Ziel oder das Nationalteam? Nun ich traue eher Saibenes Leuten den Coup noch zu, wenn nicht bloss aufgrund der Leistung gegen Luzern.

Zwiespalt als Erfolgserlebnis
Saibenes Team hinterliess bei mir in der Innerschweiz zwiespältige Gefühle. Was allerdings bereits als Fortschritt zu bezeichnen ist. Sonst waren die Gefühle meistens eindeutig. Eindeutig negativ. Die erste halbe Stunde war wieder mal ein Ärgernis, alte, defensive Schwäche nicht zu übersehen. War Luzerns Abwehr aufgrund von Absenzen als porös angekündigt worden, so erwies sich jene des FC St.Gallen gar inexistent. Luzern verteidigte am Anfang mit Mann und Maus, lancierte dann seine Konter wie auf einem sonntäglichen Spaziergang und kam dennoch in kurzer Zeit zu drei hundertprozentigen Torchancen, von denen eine durch Gygax verwertet wurde. Der Teleclub-Moderator hatte zuvor schon die passende Statistik geliefert: In Emmenbrücke standen sich jene Mannschaften gegenüber, die in der ersten Halbzeit bisher am meisten Gegentreffer zuliessen. St.Gallen 33, Luzern 19 . . .

Der Rückfall in alten Zeiten könnte mit den permanenten Wechseln im Abwehrzentrum zu tun gehabt haben. Schenkel konnte in diesem Jahr mit Goncalvez, Bakens und Lang schon drei verschiedene Nebenspieler in die Geheimnisse des Verteidigens einweihen. Die Umstellungen wirken nicht sehr teamfördernd. Auch weil es auf den Aussenverteidiger-Positionen keine Konstanz gibt. Dunst zum Beispiel fehlte gegen die Young Boys, weil er sich kurz vor Matchbeginn unwohl fühlte, und nun gegen Luzern, weil er gesperrt war. In so kurzer Zeit vier gelbe Karten einzuheimsen, ist eine beachtliche Leistung, doch auch andere holen sich regelmässig gelbe Karten ab. Da dürften Umstellungen im letzten Meisterschaftsviertel zur Gewohnheit werden.

Auf dem Sprungbrett
Auf den Schritt rückwärts am Sonntag und die scheinbar sichere Schussfahrt in die nächste Niederlage zeigte St.Gallen aber eine kaum für möglich gehaltene Reaktion: Erstmals in dieser Saison konnte auswärts nach einem 0:1-Rückstand die Niederlage noch abgewendet werden. Das Aufbäumen geschah primär auf kämpferischer Ebene, eine Beurteilung des spielerischen Vermögens war auf dem holprigen Geläuf im Gersag nicht möglich. Und so ist natürlich das gerechte Schlussverdikt als Positivum zu bezeichnen. Eine Motivation, die wie ein federndes Sprungbrett wirkt.

Die Chancen von Jeff Saibene rechne ich höher ein als jene von Ottmar Hitzfeld, weil Xamax, GC und Bellinzona ähnliche Probleme haben, während dem Nationalteam bei weniger ausstehenden Spielen die Konkurrenz bereits enteilt ist. Man muss sich das vor Augen halten: St.Gallen verlor sechsmal hintereinander und schaffte mit dem einen Sieg gegen Bellinzona bereits wieder den Anschluss. Am nächsten Wochenende gegen Xamax kann St.Gallen vielleicht sogar zwei Schritte vorwärts machen. «FC St.Gallen gibt rote Laterne ab». Daswäre eine Schlagzeile.Fredi Kurth

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