FCSG-Verteidiger Yannis Letard: «Das gibt es wohl nur in der Schweiz»

Yannis Letard ist einer der «etwas verrückten» Jungen des FC St.Gallen. Er redet über erfreuliche Wochen und wiedergefundenes Glück.

Ralf Streule
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«Fit und motiviert wie nie»: Yannis Letard hat nach einem Karriereknick in die Spur gefunden.

«Fit und motiviert wie nie»: Yannis Letard hat nach einem Karriereknick in die Spur gefunden.

Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 5. Dezember 2019)

Es gibt Momente, da geht ein Raunen durchs St.Galler Stadion. Dann nämlich, wenn Yannis Letard «so richtig sich selber ist», wie er sagt – und in der Defensive als hinterster Mann ein mutiges Kabinettstücklein zeigt, als spielte er auf dem Pausenplatz.

Der Innenverteidiger mag dieses Raunen irgendwie. Nicht, dass er es mit seinem teils nonchalanten Stil suche. Er spiele in diesen Momenten schlicht aus dem Bauch heraus. Fast immer geht es gut, und vielleicht kann er dem Team mit seinen Aktionen ja jeweils sogar zusätzliches Selbstvertrauen schenken. Trainer Peter Zeidler, der amteshalber in solchen Momenten fuchsteufelswild werden müsste, sieht man dann meist schmunzelnd den Kopf schütteln.

Letard, der 21-Jährige, der seit dem vergangenen Sommer bei den Ostschweizern spielt und seither in der Innenverteidigung ein fester, wenn eben auch risikoliebender Bestandteil geworden ist, steht für den Höhenflug des Teams. Mutig und selbstbewusst ist er, vielleicht «ein bisschen verrückt», wie Zeidler seine jungen Spieler zuweilen charakterisiert. Aber eben auch athletisch, stilsicher und dank seiner 1,88 m Körpergrösse auch kopfballstark.

Die Kindheit in Nantes

Letard strahlt auch im Gespräch eine ungezwungene Nonchalance aus – wenn er zum Beispiel über seine Kindheit in Nantes spricht. Manchmal sind es ganz pragmatische Gründe, die eine Sportlerkarriere in diese oder jene Richtung lenken. Er sagt:

«Als Fünfjähriger war ich
vom Basketball fasziniert.»

Sein Vater frönte damals jenem Sport. Yannis’ grösserer Bruder aber spielte Fussball – und da es die Planung der Eltern vereinfachte, wurde der kleine Bruder auch zum Fussballtraining überredet. Schnell war er hingerissen. «Ein Besuch eines Heimspiels des FC Nantes besorgte den Rest.» Bald sei er sehr auf Fussball fokussiert gewesen, sagt Letard. Mehr noch als sein Bruder, der heute als Amateur in der fünfthöchsten französischen Liga spielt – und bis heute einer seiner wichtigsten fussballerischen Mentoren geblieben ist.

Yannis Letard hat in St.Gallen das Glück wiedergefunden.

Yannis Letard hat in St.Gallen das Glück wiedergefunden.

Bild: Michel Canonica

Der prägendste Fussballlehrer sei jedoch Julien Stéphan gewesen, der damalige Junioren- und heutige Cheftrainer des FC Rennes. Letards heutiger Coach Peter Zeidler sagt:

«Es ist offensichtlich, dass Letard unter Stéphan eine sehr gute Ausbildung genossen hat.»

Bei den Bretonen machte Letard seine wichtigsten Schritte, bevor er zu Guingamp in die U19 wechselte. Stetig ging es aufwärts. Der Karrierebruch aber kam, als der Franzose mit guineischen Wurzeln 2018 zum VfR Aalen nach Baden-Württemberg wechselte. Der Mannschaft lief es nicht, sie stand bald auf einem Abstiegsplatz in der 3. Liga. Der zur Saisonhälfte eingestellte neue Trainer Rico Schmitt setzte auf die Erfahrenen, konnte den Abstieg dennoch nicht abwenden.

«Es war ein hartes Jahr», sagt Letard. Er hielt sich mit positivem Zureden über Wasser. Wiederentdeckt wurde er vom FC St.Gallen – von dem Letard bereits gehört hatte, weil einige Mitspieler öfters von einem gewissen Peter Zeidler gesprochen hätten.

Ein dreitägiges Probetraining nahm er voller Zuversicht in Angriff. Aus drei Tagen wurden einige Wochen und am Ende ein Vertrag bis 2021. Das alles lief nach Letards Vorstellungen. Er hatte das Glück wiedergefunden, und es hat ihn bis jetzt nicht verlassen.

Sein Tordébut setzt weitere Energie frei

In Zeidlers Spiel gehörte er schnell zu den Unverzichtbaren. In den Vorbereitungsspielen präsentierte er sich stark, zum Saisonstart gegen Luzern war er trotz Niederlage eine der auffälligsten Figuren auf dem Platz. Zuweilen waren da Ungenauigkeiten, aber jeder sah das grosse Potenzial. Den Rhythmus musste er nach der langen Pause zuerst finden – «nun fühle ich mich so fit und motiviert wie nie». Im Heimspiel vor zwei Wochen gegen Xamax erlebte er sein Tordébut für St.Gallen. «Ein Tor, das weitere mentale Kraft freisetzte», sagt Letard. Auch weil Zeidler immer wieder mal spasseshalber auf das noch fehlende Tor hingewiesen habe.

Bild: Michel Canonica

Zusammen mit Leonidas Stergiou bildet Letard das jüngste Innenverteidigerduo der Liga. Mit dem 17-Jährigen versteht er sich bestens. Neben dem Platz verständigen sich die beiden auf Englisch, auf dem Feld oft auf Deutsch – das fussballerische Vokabular hat sich Letard angeeignet.

Er schwärmt von Stergious Fähigkeit, eine Spielsituation zu antizipieren. Er selbst müsse sich noch mehr auf sein Stellungsspiel verlassen. Lobende Worte erhält auch Innenverteidiger Milan Vilotic, der als Ersatzspieler sehr engagiert korrigiere, helfe und viel Positives ausstrahle. Letard hat «viel, viel Respekt» für den Mann, der ja auch seinetwegen nicht mehr in der Startformation steht.

Letard verliert das Portemonnaie – und bekommt es wieder

Neben dem Fussballplatz ist Letard meist in der Francophone-Gruppe unterwegs. Vincent Rüfli, «ein sehr starker Spieler, der noch nicht hinreichend zeigen konnte, was er drauf hat», ist dabei. Aber auch Axel Bakayoko oder das spanische Sprachtalent Jordi Quintillà. Beim Bowling treffe man sich, es gab einen Ausflug auf den Säntis – und in St.Gallen habe man ein Stammrestaurant gefunden.

Das alles hält ihn davon ab, Heimweh nach Frankreich zu bekommen. Die Schweiz jedenfalls habe er schnell schätzen gelernt. Eine Episode zeigt, wie sehr er von gewissen Dingen in diesem Land angetan ist. Sein Portemonnaie mit einigen Hundert Franken Bargeld ging in St.Gallen an einer Tankstelle verloren. Schnell hatte er das Geld abgeschrieben. Am nächsten Tag aber wurde das Portemonnaie an der Geschäftsstelle des Clubs abgegeben. Ohne Verlust. «Das gibt es wohl nur in der Schweiz.»

Letard kann mit dem Feuer spielen – am Ende gewinnt er.

Ohne Görtler, Klinsmann und Bakayoko

Läuft in der 17. Runde alles für den FC St. Gallen, ist er am Sonntagabend erstmals seit September 2012 wieder Leader der Super League. Vor dem Auswärtsspiel beim letztklassierten Thun vom Sonntag ab 16 Uhr lässt sich Trainer Peter Zeidler jedoch nicht auf solche Gedankenspiele ein. Die Tabellensituation beeinflusse sein Team nicht, sagt er. «Meine Mannschaft hat die Fähigkeit, in jedem Spiel wieder von vorne zu beginnen. Das hat sie schon oft bewiesen.» Verzichten muss Zeidler in Thun auf Lukas Görtler, der nach der vierten gelben Karte gesperrt ist.
Fehlen werden St. Gallen in den letzten zwei Spielen vor der Winterpause Axel Bakayoko, der an einer Bänderverletzung im Knie leidet, und der zweite Goalie Jonathan Klinsmann, der sich eine Bänderverletzung im Fuss zugezogen hat. Da auch der dritte Torhüter Nico Strübi länger ausfällt, nimmt der 17-jährige Armin Abaz aus der U21 auf der Ersatzbank Platz. (pl)