Lesestoff und Fernsehfussball als Ersatzprogramm

Menschenleer war sie diesmal, die Gegentribüne. Kein Spiel in Sion. Ein ausgefallener Match des FC St.Gallen kann dennoch zu einer ausgefallenen Gegentribüne führen – ausgefallen im Sinne von leicht aussergewöhnlich.

Fredi Kurth
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Spielabsage wegen zu viel Schnee: Im Stade de Tourbillon kam es zu keinem Kräftemessen zwischen dem FC Sion und dem FC St.Gallen. (Bild: ANTHONY ANEX (KEYSTONE))

Spielabsage wegen zu viel Schnee: Im Stade de Tourbillon kam es zu keinem Kräftemessen zwischen dem FC Sion und dem FC St.Gallen. (Bild: ANTHONY ANEX (KEYSTONE))

Es war die Woche der Absagen. Zuerst fiel am Donnerstag der Kaffee mit meiner Cousine aus, Magenprobleme. Dann waren auch zwei Kollegen unpässlich, kein Stamm am Freitag. Am Samstag und Sonntag lag zu viel Schnee in Crans-Montana, keine Skiabfahrt, nur Paddy Kälin im Zielraum. Schliesslich gab es auch im Stade de Tourbillon zu viel der in diesem Winter sonst raren weissen Pracht - kein Nervenkitzel also am Sonntagmittag mit dem FC St.Gallen.

Geringer Unterhaltungswert
Lesestoff und Fernsehfussball boten jedoch Ersatzprogramm. Zwei Spitzenkämpfe immerhin, dachte ich mir, Juventus gegen Napoli in der Serie A und Arsenal gegen Leicester in der Premier League, dürften entschädigen. Nun, am Samstagabend hätte ich vielleicht auch besser die Schweizer Ausscheidung zum Grand Prix d’Eurovision angeschaut. Die beiden italienischen Spitzenteams boten im besten Fall Schonkost.

Das Tempo, das Bemühen war zwar vorhanden. Aber die Risikofreudigkeit hielt sich im Rahmen dessen, was in den 1960-er-Jahren noch mit "Catenaccio" umschrieben wurde. Gonzalo Higuain sollte vorne als einsame Sturmspitze Napoli zum Erfolg führen, der Serienmeister Juve seinerseits erwehrte sich dieser Gefahr mit fünf primär defensiv ausgerichteten Akteuren. Soweit ich aufmerksam zuhörte, verstieg sich der Kommentator auf Teleclub nicht zur Floskel "taktisch interessant", die fast immer angewendet wird, wenn in den beiden Strafräumen Flaute herrscht. Die Qualität eines Fussballspiels - da bin ich vielleicht ein wenig altmodisch - messe ich immer noch am Unterhaltungswert, der sich aus den prickelnden Torszenen ergibt. In Turin waren es gerade sechs in etwas mehr als 90 Minuten.

Arsenal gegen Leicester war dann von anderer Qualität, vor allem, was die Dramatik betraf. Es hagelte Torchancen, wenn sie auch mit 15:3 zugunsten der Gunners einseitig verteilt waren, weil Leader Leicester nach Gelb-Rot auf zehn Mann reduziert war. Die Londoner kehrten so noch den Rückstand zur Pause mit dem 2:1 in der 95. Minute.

Der Jugend gehört die Gegenwart
Lektüre über Fussball ist immer dann spannend, wenn Grundsätzliches besprochen wird. So in einem Interview einer deutschen Sonntagszeitung mit Ralf Rangnick. Der Coach und Sportdirektor von Rasenball Leipzig bemerkte, dass die Regenerationszeit bei jungen Spieler kürzer seien, ebenso ihre Lernfortschritte. Folgerichtig setzt dieser Klub primär auf energiegeladene Talente.

Vor ungefähr zwei Jahren ist mir einmal aufgefallen, dass in den grossen Kadern der Bundesliga total gerade noch fünf Spieler zu finden waren mit einem Alter von mehr als 30 Jahren, und nur einer von ihnen, Ivica Olic, stand bei Wolfsburg regelmässig in der Startformation. Dass ältere Akteure bei der zunehmend grösseren physischen Belastung weniger gefragt sind, mag zu einem gewissen Grad einleuchtend sein. Wer aber die jungen bevorzuge, investiere vor allem in die Zukunft, dachte ich mir. Doch Rangnicks Aussage und eigene Beobachtungen führen zum Schluss: Der Jugend gehört nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart.

Auch in der Super League gibt es Beispiele von Spielern, die sich in jungen Jahren als Protagonisten auf dem Rasen bewegen, mit Basels Breel Embolo das bekannteste. Auch die Grasshoppers setzen primär auf den Nachwuchs. Last but not least fällt auf, dass beim FC St.Gallen die jungen Silvan Hefti (erst 18), Roy Gelmi (20) und Captain Martin Angha (22) erstaunlich keck aufspielen.

Nur nicht die Show stehlen
Früher, und beim FC St.Gallen im Grunde bis vor einem halben Jahr, wurden talentierte Spieler ganz sanft an die erste Mannschaft herangeführt; Erst einmal ins Kader aufgenommen und bei Teileinsätzen nicht gerade aufschlussreich getestet. Nur Ausnahmetalente wie Tranquillo Barnetta oder Michael Lang setzten sich sogleich durch, Moreno Costanzo mit leichter Verspätung. Noch viel früher musste sich ein Nachwuchsmann erst einmal in der Hierarchie hochdienen, nur nicht dem Star die Show stehlen, sondern ihm brav den Ball zuspielen. Das ist aber schon lange tempi passati. Damit haben einst bereits Fredi Scheiwiler, Ivan Zamorano oder Hanspeter Zwicker aufgeräumt.

Fussballer in Frühpension
Was bei der neuen jungen Welle zu denken gibt, ist die Erkenntnis, dass sich eine Fussballerlaufbahn inskünftig rascher dem Ende zuneigt als früher, eine Laufbahn, die zudem durch übergrosse Spielerkader und lange Verletzungspausen gefährdet ist. Frage an Rangnick: "Ältere Spieler, sagen wir mal mit 27 oder 28, haben auf Dauer in Ihrem System keine Chance?". Seine Antwort in der FAZ Sonntagszeitung vom 7. Februar: "Selbstverständlich können ältere Spieler auch in unserem System spielen. Das bedingt neben der fussballerischen Qualität aber auch die uneingeschränkte Lernbereitschaft und die richtige Einstellung." Ein erfahrener Spieler könne damit Mühe haben, wenn er diese intensive Art von Fussball in seiner Karriere noch nicht gespielt und gespürt habe.

"Seriöse Spieler selten verletzt"
"Der hohe physische Aufwand führt aber auch rasch an die Grenzen der Belastbarkeit, zu einem Balanceakt", so Rangnick weiter. Das hat bei einem Treffen der FCSG-Ehemaligen unlängst der St.Galler Hans-Ulrich Backes vom Ärzteteam der Schweizer Nationalmannschaft eingeräumt. Rangnick, angesprochen auf die vielen Muskelverletzungen bei Topteams wie Bayern, Real Madrid oder Liverpool, sieht hingegen kein Problem: "Das ist aus der Ferne sehr schwer zu beurteilen. Aus fachlicher Distanz kann ich nur sagen: Spieler, die sich mit Haut und Haaren ihrem Beruf verschreiben, sind in aller Regel selten verletzt. Wir haben bei RB kaum Muskelverletzungen, obwohl unsere Spielweise hoch intensiv ist."

Leipzig ist die jüngste Mannschaft der 2. Bundesliga und wird voraussichtlich im nächsten Sommer nach langer Zeit wieder einmal die neuen Bundesländer in der höchsten Liga vertreten. Rangnick selbst, der sich vor fünf Jahren noch bei Schalke 04 wegen eines Burnout-Syndroms mitten in der Saison verabschiedet hatte, ist ebenfalls voller Energie. Vorübergehend hat er vergangenes Jahr gleichzeitig RB Leipzig und RB Salzburg gemanagt. Jetzt ist er in Sachsen sowohl Coach als auch Manager.

Bejahrte Fussballer entscheiden Spiel
Der atemlose und extrem pulstreibende Fussball ist vorläufig primär ein deutsches Phänomen. Jürgen Klopp versucht gerade mit Liverpool den Engländern den raschen Umschaltfussball beliebt zu machen, hat allerdings auch schon Abstriche machen müssen: Bei Ballbesitz könne ein Rhythmuswechsel anstelle einer raschen Gegentattacke durchaus auch sinnvoll sein. Weil, besonders wenn alle wie wild umher rennen, immer noch die besseren Fussballer ein Spiel entscheiden. Manchmal sogar ziemlich bejahrte, wie der Bremer Claudio Pizarro im Alter von 37. Oder die alte Dame aus Turin, die am Samstag mit einem Durchschnittsalter von 29 siegreich war und paradoxerweise Juventus heisst.

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