Kolumne
Gegentribüne: Die psychische Stärke, die Zuschauer und der Trainer als Chance für den FC St.Gallen

Das Nachlassen des FC St.Gallen in diesem Frühjahr beschäftigt natürlich auch die Anhänger. Im Gegensatz zu einer normalen Saison sind aber kaum Reaktionen zu vernehmen. Die Hoffnung ruht in der mentalen Stärke der Mannschaft, die sie zuletzt bewiesen hat.

Fredi Kurth
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Kolumnist Fredi Kurth.

Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Tobias Garcia

Corona lässt kaum noch Kontakte zu, und die Kontakte über die (a-)sozialen Medien sind dürftig. Dennoch gibt es ein paar vage Hinweise, wie die grosse Gemeinschaft des FC St.Gallen auf den Niedergang im Vergleich zur vergangenen Saison reagiert.

Ein Anlass fand Ende März an historischer Stätte statt. Eine Gruppe der Ehemaligen traf sich im Espenmoos, um die renovierte Tribüne zu besichtigen. Natürlich war auch das Abschneiden der viel jüngeren Kicker im Kybunpark ein Thema. Was ich aus den Schutzmasken heraushören konnte, war eher leises Erstaunen denn grosse Enttäuschung.

Von faulen Eiern und Holzpfosten

Othmar Gerschwiler, der Präsident dieser Institution, entsetzte sich dennoch über die vielen faulen Eier, die sich der FC St.Gallen ins Nest legen lässt, nicht nur an Ostern, sondern schon seit dem Jahreswechsel. Vermeidbare Gegentore. Sepp Küttel, dynamischer Akteur zu 1.-Liga- und Nationalliga-B-Zeiten noch vor alter Holztribüne, sieht darin auch «tiefere Gründe». Tibor Lörincz, der ehemalige Stürmer, bemerkte, dass schon zu seiner Zeit und bis heute der FC St.Gallen im Frühjahr immer wieder unerklärliches Nachlassen an den Tag lege.

Markus Schüepp, FCSG-Goalie in den 70ern

Markus Schüepp, FCSG-Goalie in den 70ern

Bild: Urs Jaudas (22.02.2014)

Markus Schüepp schliesslich, der Torhüter in den 1970ern, konnte auf dem Rundgang um den Hauptplatz einen ungeahnten Beitrag zur Torpfosten-Problematik leisten. Als ich ihn scherzhaft fragte, ob diese Tore hier noch dieselben wären wie zu seiner Zeit, vermutete Schüepp eher, es habe sich damals wahrscheinlich noch um Holzpfosten gehandelt. Als des Rätsels Lösung zur Kybuntor-Panne und allfälligem Nachlassen der Espen taugte diese Antwort aber auch nicht.

Ein paar Signale sandte der Espenblock: mit Feuerwerk vor einem Heimspiel und mit aufmunternder Präsenz vor dem Hotel Säntispark, als die Mannschaft am Samstag in den Teambus zum Kybunpark stieg.

Ausgleich nach Quintillàs erster roter Karte

Ungeklärt ist natürlich die Frage, wie die Mannschaft aus der kritischen sportlichen Phase herausfindet. Was hoffen lässt, ist die mentale Kraft der Spieler. Denn auch am Samstag lief wieder einiges gegen sie. Als in der zweiten Halbzeit Victor Ruiz nur den Pfosten traf und wenig Minuten später Jordi Quintillà zum ersten Mal in seiner Karriere die rote Karte sah (was auf allen Kanälen als zu hart empfunden wurde), schien alles wieder den gewohnten Gang zu nehmen.

Jordi Quintillà erhält eine rote Karte.

Jordi Quintillà erhält eine rote Karte.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Es passte auch zu den vielen verrückten Spielen in dieser Saison, dass St.Gallen sein Tor just in Unterzahl erzielte, magistral durch seinen verlässlichsten Torschützen Kwadwo Duah. Der FC Zürich hingegen schien in diesem wichtigen Spiel jene psychische Stärke vermissen zu lassen, die St.Gallen auszeichnete.

Vieles kommt zusammen

Sind es Pech und Unvermögen oder doch tiefere Ursachen wie taktisches Fehlverhalten nach einem Vorsprung oder alles zusammen, dass die Resultate nicht dem Aufwand entsprechen? Auch wenn der Blick zurück nichts an den Resultaten ändert, ganz kurz lohnt er sich schon. Da waren die vielen frühen Führungen mit bis zu zwei Toren, die dann doch nichts eintrugen.

Oder diese faulen Gegentore, zum Beispiel in Luzern das Eigentor kurz vor der Pause, als es plötzlich 1:2 statt 0:3 hiess. Oder als der Torhüter einmal den Ball nicht zu fassen bekam, ein anderes Mal einen Rückpass in die Hände nahm oder am Sonntag den Stürmer unglücklich und unnötig am Kopf traf. Oder Pech mit dem VAR, der gleich zweimal unnötig eingriff. Dazu die schwere Verletzung von Alessandro Kräuchi.

Alessandro Kräuchi wird beim Spiel gegen Servette verletzt auf der Bahre abtransportiert.

Alessandro Kräuchi wird beim Spiel gegen Servette verletzt auf der Bahre abtransportiert.

Bild: Marc Schumacher / freshfocus

Zeidler, der Motivator

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen

Bild: Ralph Ribi

St.Gallens Trumpf vor dem letzten Meisterschaftsviertel ist also die positive Einstellung der Spieler, die immer wieder durch den Trainer eingeimpft wird. Auch jetzt vor dem Start ins letzte Saisonviertel beschwert sich Peter Zeidler nicht über das schwierige Programm mit dem Cupmatch gegen die Young Boys am Donnerstag und dem «Rückspiel» am Sonntag in der Meisterschaft in Bern. Er sieht vielmehr die Chance und betont die Freude, mit der nun diese Partien angegangen würden.

Lüchinger schon eine Verstärkung?

Nicolas Lüchinger

Nicolas Lüchinger

Bild: Claudio Thoma / freshfocus

Was könnte sonst noch im Saisonendspurt behilflich sein? Vielleicht ein Spieler namens Nicolas Lüchinger. Allein seine Rückkehr nach fast zweijähriger Verletzungspause ist eine unglaubliche Geschichte. In seinem ersten, 45-minütigen Einsatz hatte er einige gute Aktionen. Auch wenn im langen Aufbau die Form noch diverse Kurven zeichnen wird, könnte er doch wieder zu einem starken Abwehrquartett mit den bewährten Betim Fazlij, Leonidas Stergiou und Miro Muheim beitragen.

Die wichtige Rolle der Abonnenten

Vom Abschneiden des FC St.Gallen bis Saisonschluss könnte einiges davon abhängen, wie die Anhänger im Sommer reagieren werden. Ob sie den Abo-Betrag als A-fonds-perdu-Leistung betrachten und ob sie die Dauerkarte erneuern. Als sich St.Gallen im vergangenen Jahrzehnt nach dem «Wunder von Moskau» nicht mehr für die Europa-League qualifizierte, nahm die Zahl der Abonnenten stetig, aber nur langsam, ab.

Ich wage einen Tipp: Sofern der Abstieg vermieden werden kann, dürfte die «Vize-Saison» noch weiter nachhallen und in grossem Rahmen das Verständnis für die aktuellen Schwierigkeiten vorhanden sein. Es dürfte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass kaum einer Mannschaft die Zuschauer so sehr gefehlt haben wie dem FC St.Gallen, der mit seiner Spielweise diesen Wind in den Segeln braucht, selbst in den Auswärtsspielen.