Kolumne
Gegentribüne: Der FC St.Gallen ist im Abstiegskampf angekommen – jetzt zählt jeder Punkt

Ein Blick auf die Tabelle genügt: Der FC St.Gallen ist im Abstiegskampf angekommen. Aber er hat Chancen, ihn zu bestehen, weil die Mannschaft insgesamt wieder stabiler auftritt als auch schon. In dieser schwierigen Phase gilt es, auch Unentschieden zu akzeptieren.

Fredi Kurth
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Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Tobias Garcia

«Das Unentschieden bringt beide Mannschaften nicht wirklich weiter.» Der Satz stammt aus dem Standardrepertoire der TV-Kommentatoren, wenn zwei Teams aus der gleichen Tabellenzone, bevorzugterweise Abstiegszone, wieder einmal Unentschieden spielen. Er war auch wieder am Samstagabend zu hören, als sich alle vier im Einsatz stehenden Teams mit einem Punkt zufriedengeben mussten.

Gegen direkte Konkurrenz wertvoll

Mussten? Nun, in der Not und Anbetracht des tabellarischen Gedränges können zum jetzigen Zeitpunkt, da immerhin noch sieben Runden anstehen, auch Unentschieden nützlich sein. Nehmen wir das Beispiel des FC St.Gallen: Ein Punkt gegen Luzern bringt die Mannschaft tatsächlich nicht vorwärts, er wahrt aber wenigstens den Status quo anstelle eines weiteren Absackens.

Hätte sie nämlich in der Schlussphase, was möglich gewesen wäre, noch verloren, hätte sie nicht nur einen Punkt weniger gewonnen als bei einem Remis. Vor allem hätte der Ranglistennachbar drei Punkte mehr mit nach Hause genommen, durch ein einziges und wahrscheinlich aus knapper Offsideposition erzieltes Tor. Luzern hätte drei in der Endabrechnung der Meisterschaft möglicherweise entscheidende Punkte gewonnen und St.Gallen in der Tabelle überholt. Die aufopferungsvolle Leistung von Zeidlers Leuten wäre wieder einmal unbelohnt geblieben.

Lawrence Ati Zigi: Note 5. Er findet nach einer Baisse zu alter Stärke zurück. Pariert in der Schlussphase gegen Varol Tasar mit starkem Reflex und hält seinem Team damit den Punkt fest.
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Leonidas Stergiou: Note 5. Lässt die Gegner immer wieder ins Leere laufen. Auch als Luzern geballte Offensivkraft einwechselt, hält der 19-Jährige unaufgeregt dagegen.
Basil Stillhart: Note 3,5. Kommt für Ruiz, gute Balleroberungen. Aber offensiv, wie zuvor der Spanier, mit wenig Einfluss.
Jordi Quintillà: Note 4. Räumt vor der Abwehr gut auf. Aber im Spielaufbau könnte der Captain noch mehr Verantwortung übernehmen.
Jérémy Guillemenot: Note 3,5. Am Einsatz liegt es nicht. Aber er verliert zu viele Bälle und lässt sich wieder zu oft fallen.
Victor Ruiz: Note 3,5. Der Spanier läuft viel und wirbelt. Doch insgesamt bringt er zu wenig und wird ausgewechselt.
Lukas Görtler: Note 4,5.Omnipräsent. Eine seiner Flanken senkt sich gefährlich, der Goalie pariert in letzter Sekunde. Offensiv gelingt ihm nicht alles.
Thody Élie Youan: Note 5. Nach zuletzt durchzogenen Leistungen zeigt der Franzose ein gutes Spiel. Erobert viele Bälle. So leitet er auch St. Gallens beste Chance ein.
Miro Muheim: Note 4,5. Muss sich das eine oder andere Mal überlaufen lassen. Offensiv weniger auffällig als Cabral auf der anderen Seite.
Betim Fazliji: Note 5. Wie an Stergiou kommen die Luzerner auch an ihm kaum vorbei. Nur mit einem Wackler in der zweiten Halbzeit.
Kwadwo Duah: Note 3,5. Das tut weh! Vergibt in der 76. Minute freistehend die beste Chance. Sonst unauffällig.
Boris Babic: Note -. Er kommt in der 86. Minute. Zu spät für eine Note.
Euclides Cabral, Note: 5. Wie schon gegen die Grasshoppers lange mit einer tadellosen Leistung. Offensiv auffällig und mit starkem Antritt.
Chukwubuike Junior Adamu, Note: 3,5. Er ersetzt Guillemenot, kann das Spiel aber nicht in bessere Bahnen lenken, als er an Goalie Müller scheitert.

Lawrence Ati Zigi: Note 5. Er findet nach einer Baisse zu alter Stärke zurück. Pariert in der Schlussphase gegen Varol Tasar mit starkem Reflex und hält seinem Team damit den Punkt fest.

So klammern sich momentan ausser YB und Basel alle Mannschaften an Unentschieden, wenn es nicht anders geht. Und wem dies besonders gelingt und wer dabei mehr oder weniger zufällig Siege erreicht, wie Servette oder Lugano, findet sich plötzlich ziemlich oben in der Tabelle, mit guten Aussichten auf internationale Einsätze in der nächsten Saison. Und wer etwas weniger Glück hat, muss den Blick nach hinten richten.

FC Sion muss jetzt auch gewinnen

Sion befindet sich aktuell in misslichster Lage. Nur Vaduz hat noch weniger Tore erzielt und Luzern eines mehr erhalten. Aber gebissene Hunde sind besonders gefährlich. Die Walliser, inzwischen bei zwölf Unentschieden angelangt, werden irgendwann höheres Risiko gehen und dann mit Siegen möglicherweise wieder Anschluss finden. Von den Teams in Nähe des Barrageplatzes haben Zürich, St.Gallen und Luzern in den letzten total 15 Super-League-Partien (je fünf) kein einziges gewonnen, aber achtmal remisiert und siebenmal verloren.

Enttäuschung bei Musah Nuhu: Seit dem 27. Februar konnten die St.Galler keinen Meisterschaftssieg mehr verbuchen.

Enttäuschung bei Musah Nuhu: Seit dem 27. Februar konnten die St.Galler keinen Meisterschaftssieg mehr verbuchen.

Bild: Freshfocus

Vaduz ist in Bezug auf die Rangliste ebenfalls noch gefährdet. Der Aufsteiger dürfte sich aber bald einmal aus diesem Kreis verabschieden, wenn er im gleichen Stil weiterfährt wie in den Partien vor der Niederlage in Lausanne.

St.Gallens makellose Cup-Bilanz

Schade, dass sich tendenziell der attraktive Fussball schwerer tut. Luzern und St.Gallen erreichten aber immerhin den Cup-Halbfinal, und so lesen sich ihre Negativserien auch etwas freundlicher. «St.Gallen sieben Spiele ohne Sieg.» Ja, gewiss. Aber so können Statistiken auch täuschen. Denn in dieser Phase warf das Zeidler-Team sowohl den Leader der Super League als auch der Challenge League aus der K.o-Konkurrenz, ohne Wenn und Aber, mit total 6:2-Toren.

Freude bei Jordi Quintillà und Victor Ruiz: Im Schweizer Cup läuft es dem FC St.Gallen.

Freude bei Jordi Quintillà und Victor Ruiz: Im Schweizer Cup läuft es dem FC St.Gallen.

Bild: Freshfocus

Eine Spielweise wie jene des FC Lugano würde in der Ostschweiz kaum goutiert. Mit einer solchen wäre auch nicht die überragende vergangenen Saison zustande gekommen. In Lugano hingegen erscheinen auch ausserhalb von Pandemiewellen nur wenige Fans im Stadion. Dort gehen sie lieber gleich nebenan zum Eishockey.

Nun mit Plan B

Doch auch St.Gallen hat sich ein wenig angepasst. Und das lässt für die kommenden Spiele hoffen. Wenn sich selbst ein offensiv so starker Gegner wie nun Luzern nicht aus der Abwehr locken lässt, dann ist dann eben Tempodrosselung angesagt, erst recht in diesen schwierigen Wochen, in denen sich für Lukas Görtler drei Tage statt zwei Tage Spielpause «wie Urlaub» anfühlt. Und wenn es wie gegen die Grasshoppers mit zwei frühen Toren klappt, dann tritt nach der Pause ein Plan B in Kraft und wird Energie gespart, indem man den Gegner anrennen lässt.

Immer mit vollem Einsatz dabei: Mittelfeldspieler Lukas Görtler.

Immer mit vollem Einsatz dabei: Mittelfeldspieler Lukas Görtler.

Bild: Freshfocus

Aufgefallen

– Apropos Eishockey: In diesen Tagen wird die Meisterschaft entschieden. Wobei für mich persönlich immer jene Mannschaft Meister ist, die sich in der normalen, über 50 Runden dauernden Saison durchsetzt. Dieses Jahr also der EV Zug. Die Playoffs sind eine Art Ligacup, in der sich eine Mannschaft aus den ersten acht bloss gegen drei andere, mehr oder weniger zufällig bestimmte Gegner durchsetzen muss, um sich in kurzer Zeit Meister schimpfen zu dürfen. In meinem Kollegenkreis spielt Eishockey kaum eine Rolle. Das war früher anders. Eishockey war in der Winterpause des Fussballs ein willkommener Füller. Und wenn ich heute mal den HC Davos, HC Ambri-Piotta oder SC Bern erwähne, tönt es zurück: «Aha, Watschga Dürst, aha Bixio Celio, aha René Kiener», der Torhüter, der bis heute exklusiv die Rückennummer 0 trug. Als vor wenigen Jahren Jonas Hiller in der FCSG-Arena interviewt wurde, stellte ich fest, dass kaum jemand im Rund aufmerksam zuhörte.

– Matthias Seger und Kollegen. Obwohl in der Ostschweiz diese Sportart weniger Beachtung findet als der Fussball, staune ich, wie viele Spieler aus der Region in der wichtigsten Hockey-Profiliga NHL schon Unterschlupf gefunden haben. Es kommen mir Namen wie Kevin Fiala, Jonas Hiller oder Timo Meier in den Sinn. Auf nationaler Ebene – auch auf die Gefahr, weitere namhafte zu unterschlagen – erwähne ich, über Jahrzehnte hinweg betrachtet, Ivo Rüthemann, Giovanni Conte, Jörg Eberle (Rekordpunktesammler für das Nationalteam), Hugo, Sven und Lars Leuenberger, Beat Forster, Marc Nater, Vjeran Ivankovic, Andy Ton, Markus Bachschmied, Marcel Niederer, Richard Ammann, Ivan und Thomas Griga, Michel Zeiter. Alle überstrahlt von Matthias Seger, dem Rekordspieler an Länder- und Meisterschaftsspielen der höchsten Liga – einem seit vielen Jahren bekennenden Anhänger des FC St.Gallen. Vereine wie Herisau, Uzwil oder Thurgau haben viel für den Nachwuchs getan. Rapperswil-Jona hält das Fähnchen in der National League aufrecht.

– Young Boys ist also wieder Meister. Herzliche Gratulation, auch an Silvan Hefti. Diesmal befanden sich im Wankdorf keine lärmigen Nachbarn in der Kabine, welche die Jubelgesänge störten, keine Spieler des FC St.Gallen, die lautstark den Vizetitel feierten. Viermal Meister. Wie muss sich das aus St.Galler Sicht anfühlen! Und wie muss sich das anfühlen, wenn noch weitere dazukommen wie einst beim FC Basel und sie plötzlich an Wert verlieren. Thomas Müller, der beim FC Bayern Titel einsammelt wie andere Menschen Selfies, hat es im «Kicker» kürzlich einmal plausibel beschrieben: «Es geht einem nicht um diese Schale, um diesen Pokal. Dieses Metallstück ist einem völlig egal. Denn kaum ist es gewonnen, geht es schon wieder darum, wer im kommenden Jahr gewinnt. Grundsätzlich macht es den Reiz aus, sich auf diesem Topniveau zu messen. Darin besteht der Antrieb: Man will das Gefühl haben, dass man zu den Besten gehört und besser ist als alle andern.» Die Young Boys haben vor allem auf internationalem Parkett noch Steigerungspotenzial. (th)