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Jerzy Gorgon: Olympiasieger und noch viel mehr

Irgendetwas scheint anders zu sein als vor fünfeinhalb Jahren beim letzten Kaffee mit Jerzy Gorgon. Deshalb die Frage, was sich verändert habe. «Alles ist gleich», antwortet der 1,92 Meter grosse ehemalige Innenverteidiger des FC St. Gallen. «Ausser, dass ich jetzt eine Brille trage.»
Fredi Kurth
An der WM 1974 in Deutschland war Jerzy Gorgon (Mitte) zusammen mit Wladyslaw Zmuda (links) und Torhüter Jan Tomaszewski der Rückhalt der polnischen Mannschaft. Die Olympiasieger wurden WM-Dritte. (Bild: pd)

An der WM 1974 in Deutschland war Jerzy Gorgon (Mitte) zusammen mit Wladyslaw Zmuda (links) und Torhüter Jan Tomaszewski der Rückhalt der polnischen Mannschaft. Die Olympiasieger wurden WM-Dritte. (Bild: pd)

Irgendetwas scheint anders zu sein als vor fünfeinhalb Jahren beim letzten Kaffee mit Jerzy Gorgon. Deshalb die Frage, was sich verändert habe. «Alles ist gleich», antwortet der 1,92 Meter grosse ehemalige Innenverteidiger des FC St. Gallen. «Ausser, dass ich jetzt eine Brille trage.»

Pole und Schweizer

Gorgon mag manch jüngerem FCSG-Anhänger kein Begriff mehr sein. Dabei ist er wahrscheinlich der erfolgreichste Fussballer des FC St. Gallen, der hier sesshaft geworden ist. Zudem wohnt er nur ein paar hundert Meter von der AFG Arena entfernt in Abtwil. Der 65-Jährige lebt mittlerweile schon länger in der Schweiz als in seinem Heimatland Polen. Dort kennen ihn allerdings auch die jüngeren Semester noch. Denn Gorgon wurde mit Polen Olympiasieger 1972 in München, gewann 1976 in Montreal die Silbermedaille und wurde 1974 in Deutschland WM-Dritter nach dem denkwürdigen Halbfinal, der «Wasserschlacht» von Frankfurt. Gorgon gehörte nicht nur einer grossen polnischen Mannschaft an, sondern war auch eine tragende Figur derselben. Dies neben Spielern wie Lato, Szarmach oder Boniek. Mit zwei Toren im Gruppenspiel gegen die DDR hatte er wesentlichen Anteil am Olympiagold. Mit seinem Heimatverein Gornik Zabrze wurde er zudem zweimal Meister, fünfmal Cupsieger und stand 1970 im Cupsieger-Final gegen Manchester City (1:2).

Wie Perusic

Mit Gorgon schliesst sich der Kreis der bisherigen «Evergreen»-Protagonisten mit dem ersten an dieser Stelle präsentierten Fussballer: Zeljko Perusic wurde 1960 mit Jugoslawien ebenfalls Olympiasieger und hat sich am anderen Ende der Stadt St. Gallen, im Neudorf, niedergelassen. Es mag eigenartige Ironie sein, dass sich die beiden bis heute persönlich nie begegnet sind, was auch darauf zurückzuführen ist, dass Perusic 13 Jahre älter ist. Aber haben in St. Gallen sonst überhaupt je Olympiasieger gewohnt?

Gorgons Wechsel in die Schweiz kam 1980 eher zufällig zustande. Erst gegen Ende der Karriere durften Fussballer aus dem kommunistischen Polen ausreisen. «Ich sollte damals von einem griechischen Verein übernommen werden», erzählt Jerzy Gorgon. «Da erfuhren die St. Galler, dass ich im Ausland spielen möchte.» Das unlängst verstorbene Vorstandsmitglied Kurt Jedele und Clubarzt Ruedi Spring wagten sich dann auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs, um mit dem polnischen Verband zu verhandeln. Dies mit Erfolg.

Die Reise in die Schweiz verlief für Gorgon, gemessen an heutigen Standards, mühsam. Der Abwehrhüne war mit seinem «russischen Mercedes» namens Lada stundenlang allein unterwegs. Die Familie blieb nämlich noch ein paar Wochen in Polen zurück, weil Frau Beata in Erwartung des zweiten Kindes war. «Die Betreuung des Vereins war vielleicht nicht so professionell wie heute», deutet Gorgon auf anfängliche Schwierigkeiten hin. «Aber ich war bei Mitspieler Christian Labhart gut aufgehoben.»

Dank Job hängengeblieben

Gorgon spielte als Nachfolger von Libero Herbert Stöckl drei Jahre für den FC St. Gallen, zuerst unter Trainer Willy Sommer, dann unter Helmuth Johannsen, mit kontinuierlicher Leistungssteigerung. Er half mit, dass sich St. Gallen für den Uefa-Cup qualifizierte, damals eine mittlere Sensation, und beendete dann seine Laufbahn. Ursprünglich hatte er beabsichtigt, nach Polen zurückzukehren. Mit den ersparten Franken hätte er sich dort einen höheren Lebensstandard leisten können, doch der Verein hatte ihm bei einem Grossverteiler eine Existenz als Hubstaplerfahrer ermöglicht, zuerst noch als Halbprofi bei St. Gallen, danach in Vollzeittätigkeit. «Die Kinder gingen hier eben schon bald in die Schule und in den Kindergarten», erklärt Gorgon den Sinneswandel. «Sie wuchsen als Schweizer auf.» Sohn Marek lebt heute in Trogen und hat zwei Kinder. Tochter Agnieska ist in Ebnat-Kappel Lehrerin.

Weiter an Fussball interessiert

Grossvater und Doppelbürger Gorgon wusste unlängst nicht so recht, ob er den Polen oder den Schweizern beim Länderspiel der beiden Nationalteams die Daumen drücken sollte, und war froh, dass man sich gerechterweise 2:2 trennte. «Für ein Freundschaftsspiel war die Qualität hervorragend», sagt Gorgon. Dass Polens Fussballer, gut zur Europameisterschaft gestartet, nun wieder auf dem Weg zu besseren Zeiten sind, wagt er noch nicht zu behaupten. «Wir haben zwar einige gute Fussballer wie Robert Lewandowski bei Bayern München, und die meisten spielen im Ausland. Aber warten wir einmal ab.»

Äusserlich kaum verändert

Wenn Gorgon unterwegs ist als Wanderer (gerne in den Flumserbergen oder am Bodensee) oder im Schwimmbad, wird er ab und zu von FC-Anhängern angesprochen. Zwei- bis dreimal im Jahr reist er nach Polen. Wenn er dort erkannt wird, fragt er manchmal erstaunt, weshalb. Seine Laufbahn liege weit zurück. Regelmässig wird ihm dann geantwortet, alles an ihm sehe halt noch gleich aus wie damals – die Statur, die Frisur, das Gesicht. Trotz Brille.

Matchtip Jerzy Gorgon: FC St. Gallen – FC Zürich 2:1 (heute, 20 Uhr, AFG Arena)

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