Jede Million zählt

FUSSBALL. Während der FC St.Gallen pausierte, geschah Klubhistorisches. Geldgeber verzichteten auf fast neun Millionen Franken. Ausserdem fanden ein Länderspiel und ein Stadtderby nicht ohne Brisanz statt.

Fredi Kurth
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Fabian Schär und seine Mitspieler bejubeln das zwischenzeitliche 2:0 für die Nati in der Begegnung gegen Litauen - der Match war ein Besuch im Stadion wert. (Bild: Keystone)

Fabian Schär und seine Mitspieler bejubeln das zwischenzeitliche 2:0 für die Nati in der Begegnung gegen Litauen - der Match war ein Besuch im Stadion wert. (Bild: Keystone)

Termin-Unterbrüche in der Meisterschaft müssen nicht langweilig sein. Zur guten Unterhaltung trug vor Wochenfrist bereits die Generalversammlung des FC St.Gallen bei – nicht bloss weil Dölf Früh zum 11.11. die fastnächtlich gestimmte Horny-Rooster-Band aufspielen liess oder weil er selber, der nach aussen eher nüchtern wirkende Präsident, ein paar Sprüche fallen liess. Ein Highlight im Gossauer Fürstenlandsaal bestand vielmehr auch in der Bekanntgabe, dass die Retter des FC St.Gallen auf Guthaben von 8,6 Millionen Franken verzichteten. Mit der Rückzahlung einer weiteren Million steht der FC St.Gallen mit seiner AG und der Event AG schuldenfrei da.

Auf einen Schlag die Last weg
Ziemlich genau vor vier Jahren, am Tag da der älteste Fussballklub der Schweiz die Rettung vor dem sicher scheinenden Untergang verkünden konnte, stellte der Reporter des Schweizer Fernsehens auch noch eine Frage. Ob es sich denn bei den grosszügigen Zuwendungen der Geldgeber um Leistungen à-fonds-perdu handle, wollte er wissen. Dölf Früh, der am tiefsten in die Schatulle griff, sprach von Darlehen und Investitionen – eine Äusserung, die bis zur jüngsten GV noch alle Möglichkeiten offen liess. Mit dem Verzicht der Gläubiger, unter ihnen Rainer Sigrist von der HRS, Vreni und Nobert Jann, Ralf Klingler, Edgar Oehler und Hans Sulser, ist das Thema vom Tisch. Noch nie hat sich der FC St.Gallen somit auf einen Schlag von einer so hohen finanziellen Last befreien können, auch wenn de facto die Stunde der grössten Krise vor vier Jahren überwunden war.

Der Chef und sein Team
Das Unternehmen FC St.Gallen kann nun mit einiger Zuversicht in die Zukunft blicken. Denn es hat nicht nur einen Patron mit Geldrucksack, sondern auch einen, der sich dem „FC Ostschweiz“ von ganzem Herzen verschrieben hat. Mehr noch: Dölf Früh hat dem Verein ein klares Konzept verpasst, das sich von früheren nicht zuletzt durch eine klare Personal- und Nachwuchsplanung unterscheidet. Während andernorts Trainer, Sportchefs und Vorstandsleute immer schneller wechseln, hat beim FC St.Gallen eine Kontinuität und Ruhe eingesetzt, die einiges verspricht. „Ihre Mannschaft kann fünf Spiele verlieren und Sie bleiben dennoch unser Trainer“, hat Jeff Saibene aus dem Mund von Dölf Früh vernehmen dürfen. Es gibt Präsidenten, die das ebenfalls sagen. Nur: Früh glaubt man es auch. Er ist der starke Mann am FC-Sitz in der AFG-Arena. Das hat sein Vorgänger und Verwaltungsratsmitglied Michael Hüppi an der GV unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Gleichzeitig steckt immer auch Teamarbeit dahinter. Das gilt ebenso für den sportlichen Bereich. So kann sich Jeff Saibene nicht nur auf einen Übungsleiter sowie einen Torhütertrainer verlassen, sondern auch auf einen Stürmertrainer und nicht zuletzt einen Taktikspezialisten, der Gegner und Videos studiert. Die technische Seite zu optimieren, ist angebracht, weil dort am ehesten Unwägbarkeiten den Erfolg des Gesamtunternehmens gefährden können. Die Zehnerliga ist ein zu kleines Konstrukt, um auch nur einigermassen Gewähr zu bieten. Eine Aufstockung und damit wieder ein Einbezug der französische und italienischen Schweiz täten gut. Erst in diesen Tagen ist eine Studie erschienen, die der Super League bedeutende Wirtschaftlichkeit bescheinigt. So müssten die entsprechenden Geldmittel auch in den zurzeit ausgeschlossenen Regionen herbeizuschaffen sein.

Tauwetter beim Verband
Das Ausscheidungsspiel der Schweizer gegen Litauen schaute ich daheim am Fernsehen an. Es wäre auch den Besuch im Stadion wert gewesen, aufgrund der Dramatik durch die schlechte Chancenauswertung der Schweizer und deren Einsatzbereitschaft. Das Geschehen kam auch gut hinüber in die Stuben: Das ausverkaufte Haus und die Zuschauer mit Standing-Ovations und La Ola gaben eine Empfehlung ab für den Standort St.Gallen. Mit dem ersten Pflichtspiel in der AFG Arena seit sechs Jahren und somit in der Nach-Hitzfeld-Ära scheint Tauwetter zu herrschen. Die auswärtigen Akteure inklusive Coach Petkovic erwähnten ab und zu auch die Schönheit des Stadions. Eine Erinnerung, die den regelmässigen Matchbesuchern in St.Gallen gut tut: Gewohnheit stumpft ab.

Die alten Krieger noch
Last not least ging am Sonntag das kleine Stadtderby über die Bühne. Vor gut 50 Jahren wäre das in der Region noch ein Grossereignis der dritthöchsten Spielklasse gewesen. Denn nicht nur Brühl, sondern auch der FC St.Gallen spielte damals in der 1. Liga (heute Promotion League oder dritthöchste Profiliga). Immerhin 1150 Zuschauer erschienen im Paul-Grüninger-Stadion, und ein wenig alte Rivalität bricht heutzutage noch aus. Da war zum Beispiel das eigenartige Finale von Ende der vergangenen Saison, als der SC Brühl im letzten Spiel dem Serienverlierer Kriens beinahe noch den Klassenerhalt ermöglicht hätte und der FC St.Gallen II gleichzeitig in die heutige 1. Liga abgestiegen wäre. Bis zur 93. Minute, als St. Gallen gegen den Aufstiegskandidaten Young Fellows doch noch der Sieg gelang. Ausserdem ist zu vernehmen, dass der SC Brühl nur ungern Talente an das Future Champs Ostschweiz abgibt. In Brühler Kreisen wird unter anderem bemängelt, dass ihre Nachwuchsleute , die nicht im Kader von St. Gallens Fanionteam erscheinen (und das sind momentan alle), später bei St.Gallen II, nun Konkurrent im Abstiegskampf, eingesetzt statt dem SCB zurückgegeben würden.

Nächstenliebe und Nachtleben
So kämpfen alle um ihre Pfründe. Und wenn beim FC St.Gallen gilt: jede Million zählt, so gilt für den SC Brühl: jeder Franken zählt. Für die Stadt selber hingegen zählt nicht einmal mehr jeder Rappen. Hatte die FC Event-AG mit dem Länderspiel vom Samstag noch eindringlich auf die Gallusstadt aufmerksam gemacht (vom Wetter einmal abgesehen), haben die lärmempfindlichen Behörden mit der Absage an die TV- und Radio-Sammelaktion „Jeder Rappen zählt“ nicht gerade für Nächstenliebe und das lokale Nachtleben geworben.