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Jasper van der Werff (vorne) im Ligaspiel gegen Altach. (Bild: Getty, 25.August 2018)

Jasper van der Werff (vorne) im Ligaspiel gegen Altach. (Bild: Getty, 25.August 2018)

Jasper van der Werff: Ein Fussballjahr – und sein Leben steht kopf

Jasper van der Werff war der Shootingstar des FC St.Gallen.
Seit vergangenem Sommer spielt der 19-Jährige für Red Bull Salzburg, fällt derzeit aber mit einer Meniskusverletzung aus. Eigentlich wollte er ja gar nicht weg aus der Ostschweiz.
Und er will irgendwann zurückkommen.
Christian Brägger

An diesem Novembermorgen ist Jasper van der Werff spät dran.
Um 9 Uhr beginnt in St. Gallen im Osten der Stadt seine Physiotherapiestunde, praktischerweise im Reha-Center von Vater Bart; Holländer sind in diesem Bereich für ihr Können bekannt. Mutter Marit hat den Fussballer hergebracht, öffnet ihm die Tür, die er dann mit seinen Krücken noch weiter aufstösst. Der 19-Jährige ist erstmals in seiner Karriere ernsthaft verletzt.

Am 7. Oktober hat er sich im Spiel seiner Salzburger gegen Sturm Graz in der Schlussminute nach einem Foul den Aussen­meniskus im rechten Knie gerissen; der Körper war nicht mehr bereit für die Attacke, nachdem er fünf Minuten zuvor einen Krampf erlitten hatte. Bart sagt:

«Jasper hätte sich sonst mit Sicherheit nicht verletzt.»

Es war ein dummer Zeitpunkt, weil es für van der Werff gerade gut lief – doch Verletzungen kommen immer zu einem dummen Zeitpunkt.

Drei Tage später wurde Jasper van der Werff in Augsburg unter Vollnarkose von Ulrich Boenisch operiert; der Arzt behandelte schon Fussballer wie Arturo Vidal oder Per Mertesacker. Für die Reha durfte van der Werff in die alte Heimat reisen, nach Speicher, wo die Eltern wohnen. Natürlich mit Auflagen und Anweisungen für die ersten Trainingswochen.

Es beginnt unter Zinnbauer

Was war das für ein Jahr für den jungen Mann. Er war im FC St.Gallen der Überflieger der vergangenen Saison, oder zumindest der Rückrunde. Davor kannten van der Werff insbesondere jene Anhänger, die sich auch für die U21 interessieren. Oder jene, die früher die Trainings von Joe Zinnbauer besuchten, an denen der Innenverteidiger, der einst ein Sechser war, manchmal teilnahm. Als dann Alain Sutter Anfang dieses Jahres Sportchef wurde und van der Werff mit der ersten Mannschaft ins Wintertrainingslager nach Marbella reiste, fragte Sutter bald einmal:

«Wieso spielt der Jasper nicht bei uns?»

Fortan spielte der Jasper nicht mehr in der 1. Liga, sondern in der Super League. Am 17. Februar debütierte er in Basel, 2:0 gewannen die Ostschweizer, und van der Werff trat in der Dreierkette auf, als hätte er nie etwas anderes gemacht. «Der Verteidiger brachte sein Super-League-Début fehlerfrei und wie ein Routinier über die Bühne», schrieb diese Zeitung. Der Jungprofi wurde zum Shootingstar, spielte neunmal, auch die zurückhaltende, freundliche Art und sein Charme gefielen. Nur Monate später, Ende Oktober, wählte ihn eine Fachjury zum Ostschweizer Fussballer des Jahres.

Mit neun Jahren wechselte van der Werff vom FC Speicher zum FC St.Gallen. Später wurde er ein Aushängeschild von Future Champs Ostschweiz, spielte für alle Nachwuchsteams und als holländisch-schweizerischer Doppelbürger in einigen U-Auswahlen der Schweiz. Daneben absolvierte er die KV-Lehre im städtischen Bildungsdepartement, er war ein guter Schüler. Dereinst möchte er für die A-Nationalmannschaft der Schweiz auflaufen und nicht für Holland, wobei Nationaltrainer Vladimir Petkovic schon verlauten liess, dass der Ostschweizer ein interessanter Akteur sei.

Van der Werff wird für Clubs aus dem Ausland interessant

Die starken Auftritte mit St.Gallen machten van der Werff bald einmal für Clubs aus dem Ausland interessant, die losen Anfragen begannen sich zu häufen. Konkreter waren die Angebote von zwei Clubs aus Deutschland und England. Noch konkreter wurde es aus Österreich; Salzburg hatte das Talent schon mehrere Jahre auf dem Radar, und nach van der Werffs zweiter Partie mit St.Gallen in der Super League meldete sich der österreichische Spitzenklub. Bart sagt: «Dabei waren wir ja zufrieden mit St.Gallen, wir wollten nicht weg.»

Elektrotherapie für Jasper van der Werffs Knie. (Bild: Urs Bucher)

Elektrotherapie für Jasper van der Werffs Knie. (Bild: Urs Bucher)

Die Elektrotherapie ist vorbei, Jasper van der Werff humpelt an den Krücken zu den Geräten. «Ich bin sehr motiviert, aber eigentlich ist es eine Horrorzeit. Denn allzu geduldig bin nicht, ich möchte so schnell wie möglich wieder spielen», sagt er. Manchmal muss ihn der Vater bremsen oder an den Geräten korrigieren, an denen er Ausdauer und Oberkörper trainiert. Das Vater-Sohn-Verhältnis wirkt innig. Schliesslich setzt der Sohn Kopfhörer auf und beginnt harten deutschen Rap (Bushido) zu hören, der ihn zusätzlich anspornen soll.

Sadio Mané hat es von Salzburg zu Liverpool geschafft

Salzburg, chronischer Champions-League-Verpasser (dafür 2017/18 Europa-League-Halbfinalist), zuletzt fünfmal in Serie Meister und auch jetzt klarer Tabellenführer, war auf den ersten Blick keine naheliegende Wahl. Auf den zweiten, den Vater Bart vornahm, schon eher. Den dritten nahm Jasper selber vor, und ihm wurde klar, dass die Möglichkeiten («fünf Trainingsplätze allein für die erste Mannschaft, alles hochmodern») einzigartig sein würden. Von hier haben es schon viele Profis in die Topligen geschafft; Sadio Mané etwa spielt heute für Liverpool und hat einen Marktwert von 70 Millionen Euro.

Und wer die grosszügig angelegte Nachwuchsakademie besucht hat, sieht eine Basis und finanzielle Mittel, die ihresgleichen suchen. Dennoch rang van der Werff nächtelang mit sich, war hin- und hergerissen, bekam Kopfschmerzen. Bis er den Entschluss fasste, der nicht dem Willen der Mutter entsprach: «Ich will zu Salzburg.»

Der FC St.Gallen legte keine Steine in den Weg, als Salzburg van der Werff im Sommer aus dem Halbprofivertrag herauskaufte, einer Art Ausbildungsvertrag, den er noch besass. Die Österreicher bezahlten eine wohl siebenstellige Ablösesumme. Bart sagt:

«Für uns Eltern wäre es schöner gewesen, Jasper wäre noch ein Jahr geblieben. Aber das Projekt war und bleibt überzeugend.»

Marit sagt, das alles sei so nicht vorhersehbar gewesen. «Das Loslassen war schwierig. Jasper fehlt mir.»

In der Fremde musste van der Werff zwischenzeitlich unten durch. Am Anfang der Saison spielte er wenig und dreimal für Liefering, den Kooperationsklub in der zweithöchsten österreichischen Liga, der vorwiegend auf Junge setzt. Salzburg-Trainer Marco Rose wollte das so. «Das fand ich nicht so cool», sagt van der Werff. «Ich war von St. Gallen her gewöhnt, in der ersten Mannschaft zu spielen. Aber da musste ich durch, da müssen viele durch.»

Doch bald fand er sich im Verein und mit der Spielweise Salzburgs («ich darf hinten nicht mehr dribbeln») besser zurecht und begann, Einsatzminuten zu sammeln, dreimal spielte er in der Liga als Innenverteidiger durch. Nur im Europacup wurde er bisher nicht eingesetzt. Auch legte er mit der Zeit und den Trainings fünf Kilogramm an Gewicht zu. Heute wiegt er 80 Kilo, für das internationale Geschäft ist das aber immer noch wenig.

Der Tolggen im Reinheft

Seit zwei Monaten hat van der Werff, der als Mädchenschwarm gilt, eine Freundin in der Ostschweiz. Die Eltern finden, er sei selbstständiger geworden, selbstbewusster. Jasper sagt, er sei weiterhin derselbe, mache heute noch mit Freunden zum Essen oder fürs Kino ab, «und ein Gamer bin ich überhaupt nicht. Aber so lieb, wie alle stets denken, bin ich nicht.»

Tatsächlich holte sich van der Werff vor einiger Zeit einen Tolggen im Reinheft. Weil er verschlief und trotz tausend Anrufen eine Stunde zu spät ins Training kam, fasste er eine Busse: 500 Euro. Als er dann vor Rose erschien, klatschten zwar die Mitspieler Beifall, aber nicht der Trainer. «Sorry, Coach, kommt nicht wieder vor», habe er gesagt. Am nächsten Spieltag sass er auf der Tribüne.

Schinden für die Rückkehr (Bild:Urs Bucher)

Schinden für die Rückkehr (Bild:Urs Bucher)

Fast die Hälfte seiner Oberschenkelmuskulatur im rechten Bein habe er seit der Operation verloren, sagt Jasper van der Werff. Vater Bart sieht das anders, so wie er oft die Dinge anders sieht. Dafür sind sie sich einig, dass an diesem Nachmittag Regeneration und Ruhe angesagt sind. Der Sohn sagt:

«Bis zur Verletzung hatte ich keine Zeit, nachzudenken. Heute sehe ich mein Jahr wie einen Film, in dem ich mitspiele und dabei alles richtig mache. Leider bin ich jetzt kurzfristig aus diesem Film gefallen.»

Vater und Sohn fahren am Mittwochmorgen gemeinsam zur Nachkontrolle nach Augsburg. Danach wird der Fussballer in Salzburg weiter für sein Comeback schuften, wo er allein eine 3,5-Zimmer-Wohnung unweit der Altstadt bewohnt. Van der Werff hofft auf eine Rückkehr im Februar. Er träumt von der Bundesliga, und dereinst von der Rückkehr zum FC St.Gallen – diese Liebe wird niemals enden.

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