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FCSG-Spieler Lukas Görtler: «Wenn alles auf dich einprasselt, willst du zeigen, dass du es drauf hast»

St. Gallens Mittelfeldspieler Lukas Görtler vor dem Auswärtsspiel vom Sonntag gegen Servette über die Erfolgsserie, junge Teamkollegen und deprimierte Gegner.
Interview: Patricia Loher
St.Gallens Lukas Görtler bejubelt gegen Servette sein erstes Tor für den FC St.Gallen. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

St.Gallens Lukas Görtler bejubelt gegen Servette sein erstes Tor für den FC St.Gallen. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Wie viele Kilometer laufen Sie pro Spiel?

Lukas Görtler: Wenn es unter elf Kilometer sind, bin ich unzufrieden.

Ihr Spielstil wirkt aufwendig.

Ich laufe so viel es geht und will wichtige Wege machen, die vielleicht der Fan nicht so sieht. Ich versuche zum Beispiel, Silvan Hefti zu helfen und ihn zu entlasten. Er bekommt dadurch mehr Freiheiten auf dem Weg nach vorne. Für Silvan ist es auch ein gutes Gefühl, wenn er ins eins gegen eins geht und weiss, dass ich gleich nachkomme. Das gibt ihm Selbstvertrauen.

Haben Sie sich erholt in der Länderspielpause?

Die Pause war wichtig. Die Wochen davor waren anstrengend. Vor allem tut so ein Unterbruch auch dem Kopf gut.

Wie haben Sie die Tage verbracht?

Meine Oma und meine Tante haben mich besucht. Sie wollen immer wissen, wie ich lebe. Wir waren zusammen in der Stadt und auf dem Säntis. Die Aussicht war traumhaft.

Sie konnten die Tage geniessen, Ihre Mannschaft hat eine bemerkenswerte Verwandlung hinter sich und punktete fünfmal in Folge. Wie erklären Sie sich das?

Es läuft gut, weil jeder bei hundert Prozent ist, weil jeder weiss, wie wichtig es ist, kein bisschen nachzulassen. Ich will nicht sagen, dass das am Anfang nicht so war. Aber zu Beginn hat halt noch nicht alles gegriffen. Obwohl: Es waren nicht nur schlechte Spiele. Pech hatten wir gegen Luzern und die Young Boys bloss mit den Punkten. Gegen Xamax und den FC Zürich lief es uns weniger.

Was ist gegen Servette möglich?

Ich bin gespannt, ob wir erneut auf den Platz bringen, was wir wollen. Aufgrund der vergangenen Spiele habe ich das Gefühl, dass uns das immer besser gelingt und immer mit einer noch grösseren Selbstverständlichkeit. Da hilft es natürlich zusätzlich, wenn man vier Spiele hatte, die man gewann und dann eine Partie wie gegen Basel, in der man eigentlich auch hätte siegen sollen. Das gibt Vertrauen in unseren Plan.

Lukas Görtler hat in St.Gallen einen Vertrag bis 2022 unterschrieben. (Bild: Urs Bucher)

Lukas Görtler hat in St.Gallen einen Vertrag bis 2022 unterschrieben. (Bild: Urs Bucher)

War das Heimspiel gegen Basel das bisher beste Beispiel?

Es war ein Wahnsinn. Und es war ja nicht so, dass sich Basel in einem Loch befand und ohne Selbstvertrauen zu uns kam.

Trotzdem hatte man den Eindruck, dass die Basler froh waren, als das Spiel vorbei war und sie ein 0:0 mitnehmen konnten.

Unser Ziel ist es einfach, keine Spiele mehr zu haben wie auswärts gegen Xamax oder gegen den FC Zürich – Partien, in denen wir nicht hundert Prozent das machen, was wir wollen. Oft spricht man dann ja von der Einstellung, die nicht stimmt. Aber jeder Spieler will per se das Optimum herausholen, an der Einstellung lag es definitiv nicht.

Woran lag es?

Manchmal steht man auf dem Platz und merkt, dass man nicht ins Spiel kommt. Aber an der Einstellung fehlt es ja nicht. Woran liegt es denn? Ist es menschlich oder die Tagesform? Das finde ich eines der spannendsten Themen unseres Sports. Die ganzen Mechanismen im Profifussball sind oft schwer zu erklären, selbst für uns. Aber manchmal ist es halt einfach, nur zu kritisieren. Ich merke es allerdings auch bei mir: Wenn ich ein Länderspiel mit Deutschland schaue oder eine Partie der Bayern, bin ich ja auch Fan. Und dann sage ich auch einmal: Wie kann man das nur so spielen? Ohne in jenem Moment daran zu denken, dass man selber auch so beurteilt wird.

Konnten Sie nachvollziehen, dass nach der Niederlage beim FC Zürich oder nach dem Cupout in Winterthur Ihrem Team da und dort eine schwierige Saison prophezeit wurde?

Das ist ein grosses Problem im Fussball. Wenn es einmal eine Euphoriewelle gibt wie jetzt gerade, muss man schauen, dass man nicht mitschwimmt. Man darf nicht denken, wir sind nun auf Rang drei und da bleiben wir auch. Genau so ist es umgekehrt, wenn es einmal nicht so gut läuft. Das Spiel in Winterthur hatte für uns alle eine grosse Bedeutung und die Enttäuschung nach der Niederlage war riesig. Trotzdem war da nicht alles so schlecht, wie es gemacht wurde. Und genauso machen wir jetzt nicht alles perfekt.

Gab es einen Knackpunkt?

Das ist schwer zu sagen. Aber klar, wenn man im Cup ausscheidet und alles prasselt auf einen ein, willst du natürlich zeigen, dass du es drauf hast. Und dann wächst man als Mannschaft zusammen. Die wichtigste Partie war jene nach dem Winterthur-Spiel. Wir wollten beweisen, dass wir besser sind. Der Sieg gegen Servette gab uns wieder Selbstvertrauen. Vielleicht war Winterthur ein Knackpunkt. Aber es lief ja davor nicht so schlecht, um sagen zu müssen: Wir haben so einen Knackpunkt gebraucht.

Zu Beginn Ihrer Zeit in St.Gallen sagten Sie, Sie hätten sich unter anderem für diesen Club entschieden, weil Sie hier Verantwortung übernehmen können. Ist Ihnen das bisher gelungen?

Ich hatte es in meiner Karriere noch nicht so oft, dass ich jedes Wochenende spiele. Ich denke, ich bin wichtig für die Mannschaft, weil ich versuche, voran zu gehen.

Ich versuche, in Momenten, in denen es nicht so läuft, etwas zu ändern oder die Kontrolle zurück zu gewinnen.

Persönlich haben mir die zwei Tore geholfen, um die Wichtigkeit zu unterstreichen. Gute Spiele, lange Laufwege und gute Statistiken sind wichtig, nur erscheint das alles nicht in den grossen Statistiken der Tore und Assists.

Als Sie kamen und den tiefen Altersdurchschnitt sahen: Sind Sie da nicht erschrocken?

Nein. Aber ich habe so etwas zuvor auch noch nie gesehen. Wir spielen mit einer Viererkette, die im Durchschnitt 20-jährig ist. Dabei wird immer gesagt, in einer Viererkette brauche es Routiniers. Es ist schon erstaunlich, dass wir kaum in Löcher fallen. Imponiert hat mir unser Sieg in Basel:

Wir führen ein bisschen glücklich 1:0, spielen aber ganz gut und kassieren dann den Ausgleich. Was erwartet man dann von einer jungen Mannschaft? Man denkt: Okay, jetzt wird es richtig, richtig schwierig. Aber das Gegenteil war der Fall.

Auf einmal waren wir wieder die bessere Mannschaft. Nach diesem Spiel habe ich gedacht: Anscheinend hat es mit dem Alter doch nicht so viel zu tun.

Hat es Sie also doch überrascht, dass man mit so einer jungen Mannschaft erfolgreich sein kann?

In den vergangenen Spielen war ich schon überrascht, wie konsequent die ganze Mannschaft agiert hat. Klar, wir wissen, unser Spiel steht und fällt mit dem Laufpensum und dem Kampfgeist. Nach den Siegen gegen Servette, in Sitten und gegen Thun habe ich mit einigen Leuten in unserem Club gesprochen. Wir waren gespannt, wie es für so eine junge Mannschaft weiter geht, wenn sie erfolgreich ist, wenn sie gelobt wird. Ob sie dann denkt: Okay, wir schalten nun einmal einen Gang zurück, es läuft ja ganz gut. Aber das Gegenteil war der Fall.

Müssen Sie als erfahrener Spieler darauf achten, dass die jungen Kollegen den Boden unter den Füssen nicht verlieren?

Diese Angst hat man natürlich als älterer Spieler. Ich kann es richtig einschätzen: Wenn wir dreimal hintereinander gewinnen wird das vierte Spiel deswegen auch nicht leichter. Aber wie denkt ein 17-Jähriger oder ein 20-Jähriger darüber? Ich versuche natürlich, das zu thematisieren. Du kannst nicht heimgehen, dich freuen und dich eine Woche hinlegen.

Mussten Sie schon einwirken?

Ich versuche, meine Inputs zu geben. Aber ich weiss nicht, ob es überhaupt nötig gewesen wäre oder ob die Jungs selber so weit waren. Wie wir Thun nach so einer intensiven Woche überhaupt keine Chance liessen, war schon beeindruckend. Das ist aktuell der Charakter der Mannschaft. Wir müssen schauen, dass wir den beibehalten.

Alain Wiss sagte kürzlich, das Raute-System sei sehr anspruchsvoll. Können Sie uns erklären, weshalb?

Offensiv ist es ein bisschen schwieriger, aber defensiv finde ich es fast einfacher zu spielen. Da hat jeder seine Aufgabe, jeder weiss, welchen Spieler er anlaufen muss, wo er pressen kann. Ich mag das System. Für meine Position ist es mir fast ein bisschen lieber, weil ich selten in einer Zwischenposition stehe.

Der Spielstil kostet Kraft. Kann eine Mannschaft das so durchziehen über 36 Spiele?

So habe ich es in der Tat noch nie durchzogen mit einer Mannschaft. Aber ich stehe zu hundert Prozent hinter diesen Prinzipien. Weil es ein guter Weg ist, um den Gegner zu deprimieren und selbst in Erfolgsphasen zu kommen.

Natürlich stellte ich mir zu Beginn auch die Frage: Halten wir das über neunzig Minuten durch? Halten wir das über einen längeren Zeitraum durch?

Aber die vergangenen Wochen waren aufschlussreich. Wir spielen dreimal in der Woche, dominieren in allen Partien und bringen unser Spiel fast immer über neunzig Minuten durch. Das ist ein Zeichen, dass wir es durchhalten können.

Sie sind nun seit vier Monaten in St.Gallen. Wie haben Sie den Verein kennen gelernt?

Der Verein lebt. Es ist immer etwas los.

Manchmal zuviel?

Das haben Traditionsvereine so an sich. Das war auch bei Kaiserslautern so. Wenn es wie gegen Winterthur schlecht läuft merkt man wenigstens, dass es die Leute interessiert. Dann bekommt man eine Woche lang etwas zu hören oder zu lesen, was einmal vielleicht nicht so passt. Dafür ist es umso schöner, wenn man gegen Basel spielt und das ganze Stadion steht.

Sie sind einer, der nach den Spielen schnell klar analysieren kann ohne auf Floskeln zurückzugreifen. Haben Sie das gelernt?

Das ist der Position, die ich in der Mannschaft einnehme, geschuldet. Ich mache mir jetzt viel mehr Gedanken über unser Spiel, schon während einer Partie. Aber ich habe mir auch schon ein Spiel nochmals angesehen und hörte mir anschliessend zu – und ich sah es dann doch wieder anders. Es hat mir aber noch nie Probleme bereitet, Interviews zu geben. Ich mag es halt, mich mit einem Spiel zu beschäftigen.

Werden Sie einmal Trainer?

Gut möglich. Aber da habe ich ja noch etwas Zeit.

Vor allem in Kaiserslautern haben Sie Eindruck hinterlassen wegen Ihres Umgangs mit den Mitarbeitern. Es sei nicht selbstverständlich, dass einer, der den Club verlassen müsse, sich noch von allen persönlich verabschiede.

Ich habe mich immer von allen Leuten verabschiedet mit denen ich jeden Tag zu tun hatte oder die für mich gearbeitet haben. Die Leute im Ticketing haben ihren Job nur, weil wir unseren Job gut machen. Aber die Zuschauer kommen nur ins Stadion, weil die Leute im Ticketing gute Arbeit abliefern. Verwunderlich finde ich es eher, dass es im Fussball hervorgehoben wird, wenn man so etwas macht. Wenn man in der Privatwirtschaft ein Unternehmen verlässt, verabschiedet man sich ja auch von allen, mit denen man zusammengearbeitet hat.

Hängt das auch mit der Identifikation zusammen, die sich im Fussball verändert hat? Man ist ein Jahr an einem Ort und lässt sich deshalb wohl auch nicht so schnell auf Leute ein, die für den Club arbeiten.

Doch auch im Fussball ist es die Basis, dass man sich mit der Aufgabe oder einem Club identifiziert. Das hat den FC St.Gallen für mich ja auch reizvoll gemacht. Ich wusste, das ist ein Traditionsverein hinter dem die Leute stehen. Es gibt ja auch Vereine, für die sich niemand interessiert. Und da ist es auch schwieriger, sich mit dem Club zu identifizieren und nicht nur auf sich selber zu schauen. Mein Ziel ist es, dass wenn ich einen Verein verlasse, die Leute sagen: «Hey, das war ein guter Typ.»

Zur Person

Der 25-jährige Lukas Görtler kam über Nürnberg und Eintracht Bamberg zum Nachwuchsteam von Bayern München. Im Mai 2015 debütierte der Mittelfeldspieler, der bis zum 20. Lebensjahr als Informatik-Kaufmann gearbeitet hatte, in der Bundesliga, als er in Leverkusen unter Pep Guardiola einen 20-minütigen Einsatz erhielt. Von 2015 bis 2017 war er 43-mal in der 2. Bundesliga für Kaiserslautern im Einsatz. Danach wechselte Görtler zu Utrecht in die niederländische Eredivisie. In St.Gallen steht der Bayer bis 2022 unter Vertrag. (red)

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