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INTERVIEW: "Vom Hörensagen lernt man lügen"

Am Montag hat Alain Sutter seine Arbeit beim FC St.Gallen offiziell aufgenommen. Bereits fällte der 49-jährige Familienvater den ersten Personalentscheid. Der Berner über seine Zeit bei Bayern München, sensible Spieler und die Esoterikerschublade.
Christian Brägger, Patricia Loher
Alain Sutter hat für die Schweiz 62 Länderspiele absolviert. Die WM 1994 in den USA bezeichnet er als Höhepunkt seiner Karriere. (Bild: Ralph Ribi)

Alain Sutter hat für die Schweiz 62 Länderspiele absolviert. Die WM 1994 in den USA bezeichnet er als Höhepunkt seiner Karriere. (Bild: Ralph Ribi)

Interview: Christian Brägger, Patricia Loher

Alain Sutter, hatten Sie in Ihrer Karriere jemals den Gedanken, für das Fussballgeschäft ungeeignet zu sein?
Ja, ab und zu. Das hatte aber mehr mit mir und weniger mit dem Fussball zu tun. Sensibilität soll ein Geschenk und kein Fluch sein. Mir fehlten lange die Stabilität und die Stärke, um mit den Gegebenheiten dieses Geschäfts konstruktiv umzugehen. Ich denke aber, dass ich in einem anderen Umfeld ebenfalls an meine Grenzen gestossen wäre.

Sie wurden oft missverstanden. Bei Bayern München sagte Uli Hoeness einst, Sie täten gut daran, einmal eine Schweinshaxe zu essen.
Ich habe die Prioritäten anders gesetzt. So gab es nichts, wofür ich meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt hätte. Meine Konstitution ist eher fein. Wenn ich nicht auf meinen Körper geachtet hätte, wäre das schlecht herausgekommen. Die Wichtigkeit der Ernährung war mir schon damals bewusst. Nun stellt sich heraus, dass ich der Zeit voraus war.

Waren Sie in München ein Aussenseiter?
Überall, wo ich gespielt habe, war ich integriert. Ich hatte mit niemandem Probleme. Vielmehr waren es die anderen, die mit mir Probleme hatten.

Heute fehlen dem Fussball Persönlichkeiten, die sich abheben. Ist es Ihr Ziel, junge Spieler wieder zu Persönlichkeiten zu formen?
In St.Gallen möchte ich Individualität in die Entwicklung des Jugendfussballs einbringen. Jeder soll sich so zeigen können, wie er ist, ohne dass er sich anpassen oder gleich sein muss wie der andere. Wir bewegen uns in einem Geschäft, in dem Stromlinienförmigkeit entsteht. Alle laufen im gleichen Trainingsanzug herum, alle sehen gleich aus. Und dann gehen sie noch zum selben Coiffeur. Es ist die grosse Kunst in einer Mannschaftssportart, den Spielern Freiheiten zuzugestehen, ohne dass das Chaos ausbricht.

Was zeichnet denn einen Spieler mit Persönlichkeit aus?
Er macht das, was für ihn richtig ist. Und er zieht es auch dann durch, wenn andere finden, es sei nicht der richtige Weg.

Genau so wurden Sie während Ihrer Aktivzeit wahrgenommen.
Mir wurde viel Mut mit auf den Weg gegeben: Wenn es darauf ankommt, ziehe ich nicht zurück, wenn grosse Aufgaben anstehen, finde ich richtig zu mir. Gerade München war eine grosse Herausforderung. Ich war so stolz, dass ich in diesem Umfeld meinen Weg gegangen bin.

Hat es auch Mut gebraucht, das Amt des Sportchefs im FC St.Gallen zu übernehmen?
Ich habe Respekt. Selbstverständlich gab es Momente der Angst. Aber der Mut war grösser. Es kommt viel Neues auf mich zu. Ich bin sehenden Auges in dieses Projekt gestartet. Ich weiss, es kann gut kommen, ich weiss aber auch, dass es schiefgehen kann. Für mich war wichtig, dass das Umfeld passt.

Sie haben einen Dreijahresvertrag erhalten. Das ist eine lange Zeit für einen, der noch nie Sportchef war.
Die Vertragsdauer war eine Bedingung von mir, sonst hätte ich das Amt nicht übernommen. Ich weiss, was es heisst, eine Coaching-Praxis aufzubauen, was man investieren muss, um sie zum Laufen zu bringen. Ich hatte ein gutgehendes Geschäft, das ich nun aufgebe. Überdies habe ich gegenüber meiner Familie eine wirtschaftliche Verantwortung. Ich konnte keine Abenteuer eingehen.

Auf Ihrer Coaching-Website informieren Sie über Yoga, Atemübungen und Stressmanagement. Es wirkt esoterisch. Man könnte Sie auch als Guru verstehen.
In der Esoterikerschublade bin ich schon seit ich 20-jährig bin. In einer Sekte war ich schon 1996 während meiner Zeit in München. Das ist alles belegt seit Jahrzehnten. (lacht)

Formulieren wir es also anders: Wer Ihnen folgt, fühlt sich gut. Zu solchen Leuten sucht man eine Nähe.
Ich bin nicht «Guru-gefährdet». Sämtliche Beziehungen, in die mehr als zwei Menschen involviert sind, sind mir suspekt. Ich finde es etwas vom Schlimmsten, Leute dazuzubringen, einem zu folgen. In meiner Coaching-Arbeit ging es vor allem darum, Menschen zu inspirieren, den eigenen Weg zu gehen. Sie sollen aufhören, links und rechts jemandem nachzurennen. Ich habe den Leuten vermittelt: Hört auf euch, die innere Stimme hat immer recht. Die Frage ist: Traue ich dieser Stimme oder traue ich ihr nicht? Jeder weiss selber am besten, was gut und richtig für ihn ist.

Sie waren einst einer der besten Schweizer Fussballer. Danach wurden Sie SRF-Experte und machten sich als Mentaltrainer einen Namen. Wäre es nicht naheliegender gewesen, in St.Gallen in diesem Bereich zu arbeiten?
Am Schluss bin ich als Sportchef nichts anderes als ein Mentalcoach. Ich arbeite mit Menschen. Entscheidend wird sein, ob es mir gelingt, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Leute frei entfalten und ihre Stärken in die Waagschale werfen können. Ich gebe die Umgangsformen vor, indem ich diese vorlebe. Hinzu kommen als Sportchef weitere Aspekte, die damit nichts zu tun haben. Wäre ich Mentaltrainer, wäre mein Einfluss auf den Verein gesamthaft gesehen klein.

Im vergangenen halben Jahr wurde in St.Gallen mit harten Bandagen gekämpft. Wie informieren Sie sich darüber, was alles passiert ist?
Ich bin ein Mensch, der sich viele Meinungen anhört. Aber am Ende bilde ich mir selber eine Meinung. Weil, vom Hörensagen lernt man lügen.

Sie müssen Leute in Ihr Boot holen, die in der öffentlichen Wahrnehmung viel Geschirr zerschlagen haben. Wäre es nicht ein schlechtes Signal, wenn diese Leute weiter für den FC St.Gallen arbeiten?
Ich äussere mich nicht zu einzelnen Personen. Ich weiss, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat. Ich versuche, jeden in mein Boot zu holen. Es ist eben nicht mein Anspruch, dass die Leute so sein müssen, wie ich sie gerne hätte.

Es gibt bei den Anhängern die Erwartung, dass Sie handeln müssen – allein der Glaubwürdigkeit wegen.
Ich mache meine Arbeit nicht, um jemandem zu gefallen. Ich mache mir einzig Gedanken darüber, was das Beste ist für den FC St.Gallen. Wir müssen den Goodwill nutzen, welcher der neuen Führung entgegengebracht wird. Davon soll nichts verloren gehen.

Also wird es Veränderungen geben?
Ja, klar. Es gilt Prioritäten zu setzen. Ich muss aufzeigen, was mir wichtig ist: Die Veränderung, die wir gerade eben kommunizierten, ist ein solches Zeichen: Marcel Herzog wird neuer Talentmanager, Kristijan Djordjevic ist freigestellt. Es war ein Entscheid für Marcel aber nicht gegen Kristijan. Aus meiner Sicht muss ein Talentmanager die Kinder in ihrer Persönlichkeit weiterbringen. Für den Fussball haben wir dann die Trainer. Djordjevic hatte seine Stärken auf dem Platz, Herzog jedoch ist auch Psychologe und damit für uns ein Glücksfall. Er wird die Spieler durch alle Stufen als Bezugsperson begleiten – von den U-Teams bis hinauf in die erste Mannschaft.

Wenn Sie jemanden nicht in Ihr Boot holen können. Greifen Sie durch?
Selbstverständlich. Aber in unserem Business gibt es laufende Verträge. Und wenn man einen solchen Kontrakt auflösen muss, brauche ich das Einverständnis des Verwaltungsrates, weil das Geld kostet. Ich bin nicht hierher gekommen, um das Geld anderer Leute aus dem Fenster zu werfen. Mein Auftrag ist es, den Club wirtschaftlich auf gesunde Beine zu stellen. Trotzdem gibt es strategische Entscheide, die man im Sinne der Sache fällen muss. Damit das Umfeld gesund bleibt. Es gibt den Spruch: Reibung erzeugt Energie. Das ist Blödsinn. Reibung erzeugt Abnutzung. Wir benötigen ein reibungsloses Umfeld.

Es geht auch um das Betriebswirtschaftliche. Sie müssen sich vor allem auch die Verträge im Nachwuchs anschauen.
Natürlich, es geht auch darum, wo ich Sparpotenzial sehe. Ein Fussballverein kann in der Jugendförderung schnell zu einer Geldvernichtungsmaschine werden. Im Sinne der Professionalisierung ist gegen oben alles offen. Man kann immer die Qualitätssteigerung anführen für dies und jenes. Aber trotzdem gibt es einen finanziellen Rahmen.

Es wartet in der Ostschweiz einige Arbeit auf Sie. Täuscht der Eindruck, oder verlassen Sie für den FC St.Gallen eine Komfortzone?
Ich habe oft zu meiner Frau gesagt: «Das mache ich nicht.» Ich habe mir mein Leben eingerichtet, ich konnte Dinge tun, die ich gerne machte, und war mein eigener Herr und Meister. Nun gab es mit knapp 50 Jahren nochmals eine Möglichkeit, etwas anderes zu machen. Das ist eine spannende Sache in einem Umfeld, das passt. Ich habe nichts zu verlieren.

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