Interview

«Ich habe nicht hyperventiliert»: FCSG-Sportchef Alain Sutter zieht nach dem Trainingslager Bilanz

Der FC St.Gallen beendet heute Dienstag sein Trainingslager. Sportchef Alain Sutter redet über die Goalies, Punkteprämien und das Los des Vereins. Schliesslich sagt der 51-Jährige auch, dass ihn der Tabellenplatz der Ostschweizer herzlich wenig interessiere.

Christian Brägger aus La Manga
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St.Gallens 51-jähriger Sportchef Alain Sutter sagt: «Der Tabellenplatz interessiert mich herzlich wenig.»

St.Gallens 51-jähriger Sportchef Alain Sutter sagt: «Der Tabellenplatz interessiert mich herzlich wenig.»

(Bild: Christian Brägger)

Das Trainingslager des FC St.Gallen geht zu Ende. Ist der Sportchef zufrieden mit dem Verlauf?

Alain Sutter: Infrastruktur, Hotel, Rasenplätze, Essen, Wetterglück – alles in allem war es ein sehr gelungenes Trainingslager. Die Arbeit auf dem Platz war hervorragend, intensiv. Schade ist nur, dass der eine oder andere Spieler nun ein wenig angeschlagen ist. Vor allem, weil wir relativ wenig Zeit haben bis zum ersten Meisterschaftsspiel gegen Lugano. Aber die Richtung stimmt, man sieht, dass etwas zusammengewachsen ist. Zufriedenheit ist ein heikler Ausdruck für mich. Wir sind auf einem guten Weg, müssen uns in allen Bereichen aber noch steigern. Es warten noch viele Treppenstufen.

Sie haben es angesprochen: Weniger gut war, dass einige Spieler der Trainingsintensität Tribut zollten und angeschlagen sind.

Ja. Moreno Costanzo ist verletzt. Milan Vilotic fiel ab und zu aus. Yannis Letard konnte nicht immer mitmachen. Silvan Hefti hat sich am Montag im Morgentraining eine kleine Hüftverletzung eingefangen. Fabiano Alves hat es da auch noch erwischt, er hat eine Innenbandverletzung am Fuss. Und Alessandro Kräuchi ist ebenfalls leicht angeschlagen. Grundsätzlich sind das alles normale Dinge, die in einem Trainingslager einkalkuliert sind – man versucht sie aber zu verhindern.

Dazu kam Unruhe auf um Goalie Dejan Stojanovic und den möglichen Wechsel zu Middlesbrough. Wie hat sich das ausgewirkt?

Das war medial, das hatte mit uns nichts zu tun.

Wie ist in seinem Fall der Stand?

Ich nenne nie Wasserstandsmeldungen. Wenn es so weit sein sollte, werden wir das öffentlich machen. Bis jetzt ist es noch nicht soweit.

Shamal George, Nachwuchsgoalie bei Liverpool, war hier im Probetraining. Was hat er für einen Eindruck hinterlassen?

Es war alles sehr kurzfristig für Shamal, er kam erst am Abend vor dem Leverkusen-Test an. Er hat davor nie mit der Mannschaft trainiert, weiss nicht, wie wir spielen, kennt unsere Sprache und die Mitspieler nicht. Er machte seine Sache im Training gut, adaptierte gut, war nicht gross nervös. Wir werden sehen, wie sich das alles entwickelt. Und es war super, dass er überhaupt kam und wir handeln konnten, um vom Spieler einen Eindruck zu gewinnen.

Auf der Goalieposition ist infolge der verletzten Nummern 2 und 3 sowieso Handlungsbedarf?

Das werden wir sehen. Wir werden uns nach dem Trainingslager zusammensetzen und analysieren, ob es noch etwas braucht oder nicht.

Mit der guten Vorrunde haben sich auch andere St.Galler in den Vordergrund gespielt. Ist die Geschichte mit Stojanovic so etwas wie das Vorgeplänkel eines heissen Transferwinters?

Wir werden sehen, was alles passiert oder nicht. Man muss aber immer damit rechnen. Ich habe es aber lieber, dass unsere Spieler gefragt sind als umgekehrt. Es ist ein Zeichen, dass es bei uns vernünftig läuft. Und damit ist es eher ein Luxusproblem.

Gibt es eine Anfrage für einen weiteren Spieler?

Nein.

Sie haben einmal gesagt, der Nachwuchs des FC St.Gallen sei ein soziales Projekt. Die Durchlässigkeit hat sich unter Ihnen verbessert. Würden Sie das immer noch so formulieren?

Es kommt immer auf die Interpretation an. Wenn man schaut, wie viele Junge wir ausbilden und wie viele dann auch rauskommen, ist es nach wie vor so. Zu einem grossen Teil geht es darum, neben dem Fussball die Jungen menschlich gut zu betreuen und ihnen in der persönlichen Entwicklung zu helfen. Die Mehrheit wird nicht das grosse Geld mit Fussball verdienen. Im Verein geht es aber letztlich ganz klar darum, die Spitze raufzubringen und so viele eigene Nachwuchsspieler wie möglich in der ersten Mannschaft zu haben. Daran hat sich nie etwas verändert, aber es ist kein Selbstläufer. Es wird nicht jedes Jahr geschehen, dass wir so viele eigene Junge integrieren können wie in dieser Saison.

Mittlerweile ist ja die erste Mannschaft so etwas wie ein soziales Projekt – der FC St.Gallen verleiht Karrieren neuen Schub.

In jedem Projekt, in dem Menschen involviert sind, spielt die soziale Komponente mit. Aber im Profisport geht es primär um Resultate. Wir geben den Spielern nicht die Chance aus absoluter Selbstlosigkeit, sondern mit einem ökonomischen Hintergrund. Wir wollen einen Mehrwert generieren, als Mannschaft besser werden und wenn möglich einen wirtschaftlichen Profit erzielen. Und wenn man unseren finanziellen Rahmen sieht, dann bleibt uns auch nichts anderes übrig. Punkt.

Könnte die Saison nun viel teurer werden als es mit dem Budget von 7,6 Millionen Franken geplant war? Wegen der Punkteprämien?

Wir haben schon einen schönen Punkteschnitt kalkuliert. Wenn dieser übertroffen werden sollte, haben wir tendenziell eine gute Saison gespielt, hatten wohl mehr Zuschauer, waren eher für Sponsoren attraktiv und können vermutlich den einen oder anderen Spieler mehr verkaufen. Das wird sich wirtschaftlich dann eher in einem Plus auswirken. Von daher wünschen wir uns sogar, so viele Punkteprämien wie möglich zu bezahlen.

Mit welchem Punkteschnitt wurde kalkuliert?

Das ist intern.

Viele Verträge laufen im Sommer aus. Costanzo, Stojanovic, Vilotic, Bakayoko, Babic, Quintillà, Strübi, Demirovic, Kchouk, Kräuchi. Das ist ein Drittel der Mannschaft.

Bei Babic, Stojanovic und Quintillà haben wir Optionen. Mit den anderen haben wir noch keine Gespräche geführt.

Der FC St.Gallen ist sehr jung, hat nun mit Alain Wiss einen Routinier verloren. Haben Sie Angst, dass das Team an seiner Juvenilität zerbrechen kann?

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Vor solchen Dingen habe ich aber sowieso keine Angst, denn unser Gebilde ist nicht auf Einzelne abgestellt. Um es nochmals klarzustellen: Alain Wiss hatte ein Angebot von uns bis zum Sommer, wir hätten ihn gerne behalten. Er entschied sich aber für Altach, weil er dort einen längerfristigen Vertrag erhielt und für sich perspektivisch mehr sah. Wir machten ihm unser Angebot nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil wir sahen, wie gut er dem Team getan hat. Und weil er uns geholfen hat. Aber die Möglichkeit mit Altach war für ihn sinnvoller – wir haben seinen Entscheid akzeptiert. Deswegen haben wir aber noch längst keine Angst, dass die Mannschaft nun in sich zusammenfällt.

Demirovic ist in aller Munde. Mit jedem Tor ist es unwahrscheinlicher, dass er in St.Gallen über das Leijahr bleibt.

Das war schon bei Majeed Ashimeru und Vincent Sierro so. Das sind Dinge, an denen ich Freude habe. Nicht, dass sie gehen, sondern weil sie uns kurzfristig helfen, erfolgreich zu sein. «Demi» hat etwas in die Mannschaft gebracht, das uns definitiv in der Vorrunde geholfen hat.

Schmerzt es Sie, wenn Spieler den Verein verlassen?

Selbstverständlich. Ich baue mit den Spielern Beziehungen auf. Als «Ashi» und Sierro uns verliessen, war ich traurig. Die Beiden gaben alles für den Verein, identifizierten sich total. Sie waren tolle Typen – eine solche Trennung schmerzt schon.

Wird das Kader noch ergänzt?

Nein. Aber ich bin vorbereitet, wenn etwas passiert.

Was ist für den FC St.Gallen in der Rückrunde möglich?

Wir wissen es nicht, es hat immer wieder neue Gegner auf dem Platz. Wir werden sehen, ob wir die Dinge der Vorrunde wieder so gut umsetzen können. Zudem brauchen wir das «Schlachtenglück» auf unserer Seite. Ich bin aber sicher, dass wir in der Rückrunde ein Team haben, das alles dafür tut, erfolgreich zu sein.

Jetzt ist St.Gallen Dritter. Mit welchem Platz wäre Alain Sutter zum Saisonende zufrieden?

Der Tabellenplatz interessiert mich herzlich wenig. Es geht von Partie zu Partie. Das Sion-Spiel zu Hause in der Vorrunde ist der Massstab. Wenn wir jedes Spiel so auftreten in der Rückrunde, bin ich zufrieden.

Sie haben gesagt, Fussball sei ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Welche Schlagzeile würden Sie am Ende der Saison lesen wollen?

Ich bin nicht Journalist. Jeder soll seine Meinung haben. Die Leute bezahlen Eintritt, und wenn sie dann zufrieden nach Hause gehen und nächstes Mal wieder kommen, finde ich das super.

Was sagen Sie zur These: Es ist ein Vorteil, dass St.Gallen so jung ist.

Am Schluss ist alles ein theoretisches Geplänkel. Wenn es läuft, ist das gut, was man macht. Umgekehrt ist es dasselbe. Am Schluss muss man sich für etwas entscheiden. Wir gehen unseren Weg konsequent, weil wir überzeugt sind, dass er für den FC St.Gallen der beste ist. Selbstverständlich ist es bei der Bevölkerung und den Medien ein Thema, ob unser Weg richtig ist. Bei uns gibt es diese Diskussion aber nicht: Wir haben die Wahl schon getroffen.

Sie sind nun seit zwei Jahren Sportchef. Haben Sie sich verändert?

Hoffentlich. Es wäre dramatisch, wenn das nicht der Fall wäre. Aber das meine ich ganz unabhängig vom Job. Ich habe in allem viel dazugelernt, mache neue Erfahrungen. Und auch wenn ich die Arbeit als Sportchef 15 Jahre lang gemacht habe, werde ich immer noch Neues dazulernen. So ist das Leben. Aber meine Grundbasis hat sich nicht verändert, sie ist relativ stabil. Ich habe nicht hyperventiliert, als ich angefangen habe. Noch tue ich das jetzt.

Sie wohnen in Abtwil mit Thomas Wyss und einem weiteren Nachwuchstrainer in einer WG. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir drei haben unser Zuhause weiter weg. Es ging mehr darum, eine Übernachtungsmöglichkeit zu haben, wenn es spät wird und ich am nächsten Morgen früh da sein muss. Aber zusammen gekocht haben wir bisher noch nicht.