Handspiel oder nicht - wann muss der Schiedsrichter pfeifen?

Der YB-Verteidiger Kasim Nuhu hat gegen St.Gallen den Ball ins Netz gedroschen, nachdem er ihm zuvor an den Arm gesprungen war. Das Tor zählte. War die Entscheidung richtig? Und kommt auch hierzulande bald der Video-Beweis?

Adrian Lemmenmeier
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Kaum zappelt der Ball im Netz, beschwert sich Daniel Lopar. Dem Torschützen Karim Adams Nuhu sprang der Ball vor dem Schuss an den Arm. Der Treffer zählte dennoch, und die Berner konnten in letzter Minute zum 2:2 Endstand ausgleichen. (Bild: Gonzalo Garcia/EQ Images)

Kaum zappelt der Ball im Netz, beschwert sich Daniel Lopar. Dem Torschützen Karim Adams Nuhu sprang der Ball vor dem Schuss an den Arm. Der Treffer zählte dennoch, und die Berner konnten in letzter Minute zum 2:2 Endstand ausgleichen. (Bild: Gonzalo Garcia/EQ Images)

"Als Schiedsrichter kannst du pfeifen, wenn du willst", sagte YB-Spieler Kasim Adams Nuhu im SRF-Interview über die umstrittene Szene, die den FC St.Gallen am vergangenen Sonntag um den Sieg brachte. Nach einer Eckball-Flanke von Miralem Sülejmani springt der Ball im Getümmel an Nuhus Arm und von dort direkt vor seinen Fuss. Der 22-jährige Ghanaer braucht das Leder nur noch in die Maschen zu hauen. Endstand: 2:2 Unentschieden. Einige Medien sehen die Angelegenheit um das vermeintliche Handspiel klarer als der Torschütze: "Hands-Tor bringt Espen um den Sieg", titelt der Blick. "Nuhus Ausgleich fällt nach einem ungeahndeten Handsvergehen", schreibt die NZZ.



Muss ein Schiedsrichter diese Situation abpfeifen? Muss er laufen lassen? Kann er pfeifen, wenn er will? Der wichtigste Passus zum Handspiel im Regelwerk des International Football Association Boards (IFAB) lautet: "Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt." Zu berücksichtigen sei dabei die Bewegung der Hand zum Ball, die Frage, ob der Ball unerwartet komme, und die Position der Hand an sich. "Bei der Situation im Kybunpark kann ich keine Absicht des Torschützen erkennen", sagt Cyril Zimmermann, Bereichschef Spitzenschiedsrichter bei der Schiedsrichterkommission des Schweizer Fussballverbandes (SFV). Auch fände keine Bewegung des Arms hin zum Ball statt. Und die Haltung des Arms sei natürlich. "Der Unparteiische hat also völlig richtig entschieden."


Nuhus Treffer war nicht der einzige umstrittene Entscheid an diesem Wochenende. Bei Luzern gegen Zürich sorgte ein Elfmeter-Pfiff für Diskussionen: Der FCZ-Spieler Palsson wirft sich im Strafraum in die Flanke von Luzerns Ugrinic. Der Ball springt ihm aus kürzester Distanz an die Hand. Elfmeter. Ist hier Absicht auszumachen? "Ja", sagt Zimmermann. "Der Spieler geht bewusst das Risiko ein, dass ihm der Ball an die Hand springt, indem er den Arm bei der Grätsche nicht an den Körper legt." Es sei ein vertretbarer Entscheid. "Höchstens die kurze Distanz zum Gegner würde gegen ein Handspiel sprechen."

Kommt bald der Video-Beweis?

Handspiel oder nicht? Das sei oft Auslegungssache, sagt Zimmermann. Daran würde auch ein Video-Beweis, wie er derzeit in der Bundesliga und einigen anderen Ligen erprobt wird, nichts ändern, ist der ehemalige Superleague-Schiedsrichter überzeugt. "Grundsätzlich aber würde damit die Schiedsrichter-Arbeit einfacher." Denn: Heikle Entscheide könnten ausgelagert und mehrfach beurteilt werden. "Ich bin überzeugt, dass der Video-Beweis in ein paar Jahren auch bei uns eingeführt wird."

Ein solche Prognose will Philippe Guggisberg, Medienverantwortlicher der Swiss Football League, nicht wagen: "Wir beobachten derzeit die Situation in Deutschland, Italien und anderen Ländern", sagt er. Man sei überall noch in der Testphase. "Solange das International Football Association Board nicht den Richtentscheid fällt, den Video-Beweis einzuführen, werden wir abwarten." Dieser Entscheid werde im Jahr 2018 erwartet.

Derzeit sehe man gerade in Deutschland, dass der Kamera-Beweis noch mit Kinderkrankheiten kämpfe. Auch sei der Aufwand nicht zu unterschätzen, sagt Guggisberg. Ihn zu beziffern sei schwierig, denn ein fertiges Konzept bestehe noch nicht. "Für einen Video-Beweis muss nicht nur die Technik angeschafft werden. Wir müssten auch Leute ausbilden, Techniker und Video-Schiedsrichter."

Ist es eine Frage der Zeit, bis über strittige Handspiele am Bildschirm entschieden wird? "Wenn die grossen Ligen und Meisterschaften auf den Video-Beweis setzen, nimmt auch der Druck auf die Super League zu", sagt Guggisberg. Sicher sei die Einführung von Video-Schiedsrichtern zum heutigen Zeitpunkt noch nicht. Sicher sei nur, dass auch bei Entscheidungen mit Hilfe von Kameras weiterhin Interpretationsspielraum bestünde. Ob die Unparteiischen nun auf dem Feld stehen oder hinter dem Bildschirm sitzen: "Die Diskussionen werden dem Fussball erhalten bleiben."