FCSG-Spieler Dereck Kutesa: «Basel bleibt Basel, das kann mir niemand nehmen»

Mit Dereck Kutesa und anderen Profis vom Südkontinent ist beim FC St. Gallen das afrikanische Element eingezogen. Die Art des 20-Jährigen belebt die Ostschweizer. Am Samstag ab 19 Uhr trifft der Stürmer auf Basel, den früheren Arbeitgeber.

Christian Brägger
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Dereck Kutesa: «Es ist traurig, wenn ein Club wie Basel dir sagt, man genüge nicht.» (Bild: Ralph Ribi)

Dereck Kutesa: «Es ist traurig, wenn ein Club wie Basel dir sagt, man genüge nicht.» (Bild: Ralph Ribi)

«Mein älterer Bruder? Ich kann nicht genau sagen, wie alt er ist.» Dereck Kutesa wirkt ein wenig nervös und verlegen. Er schüttelt den Kopf, zieht mit der rechten Hand die grüne Mütze tief ins Gesicht und macht sich noch kleiner, als er trotz der 177 Zentimeter Körpergrösse wirkt. «Mein Bruder ist sicher über dreissig Jahre alt.» Nun lächelt er verschmitzt.

Fünf Minuten sind vorüber und bereits bestätigt sich, was über Kutesa erzählt wird. Er sei ein Lausbub, heisst es. Einer, wie er im Buche steht.

Im Sommer kehrte Dereck Kutesa («ist doch ein schöner Name») dem FC Basel den Rücken; Servette, Aarau und Sion bekundeten Interesse am Talent. Doch es unterschrieb einen Vertrag mit dem FC St. Gallen, der mit Majeed Ashimeru oder Kekuta Manneh heute afrikanischer daherkommt als noch in der Vorsaison. Die Young Boys entsprechen dieser Prägung schon länger, sie trifft auch auf die Schweizer Nationalmannschaft zu und dürfte sich verstärken. Der FC St. Gallen geht sozusagen mit der Zeit, und es verwundert kaum, dass Kutesa, der Angolaner mit Schweizer Pass, ein belebender Charakter ist, vor allem für die Spieler mit Migrationshintergrund. Davon zeugen die Sequenzen, die er auf Instagram mit der Welt teilt; sie handeln von Musik, Gesang, Tanz, von Lebensfreude pur.

Aber es gibt auch den anderen Teil. Dann weicht der 20-Jährige Fragen aus und sagt: «Ich habe keine Ahnung.» Manchmal kommt diese Antwort spontan und man ist geneigt, ihm zu glauben. Wenn er aber dazu lächelt, wird’s schwieriger. Und es gibt Momente, in denen Kutesa seine Gedanken für sich beansprucht und wohl bewusst sagt, er verstehe die Frage nicht; dabei ist sein Deutsch passabel, er muss jedenfalls nicht wie andere ausländische Spieler des FC St. Gallen in den Sprachunterricht, der gleichzeitig und zahlreich besetzt an diesem Mittwoch über Mittag läuft. Kutesa sagt: «Ich kann es viel besser als diese.»

FC St. Gallen ist die perfekte Wahl

Der FC St. Gallen sei perfekt für ihn. Ein Club guter Grösse, viele neue Spieler, viele junge Spieler, viele frankofone Spieler, sagt Kutesa jetzt. Hier werde im Gegensatz zu Basel auf ihn gesetzt, er könne sich beweisen. Den FC Basel verliess der Rechtsfuss mit einer gewissen Nachdenklichkeit. Dort gehörte er zur «Angola-Connection», gemeinsam mit Neftali Manzambi, nach dem St. Gallen unter Präsident Stefan Hernandez auch einmal die Fühler ausstreckte. Und mit Afimico Pululu. Das Trio wohnte im gleichen Haus, jeder auf einem anderen Stock, aber immer steckte es die Köpfe zusammen. Manchmal gab es Partys, manchmal trieben sie Schabernack. Kutesa sagt:

«Es ist traurig, wenn ein Club wie Basel dir sagt, es sei fertig, weil man nicht genüge.»

Dabei habe er gedacht, es würde im zweiten Anlauf nach der zwischenzeitlichen, unglücklichen Ausleihe zum FC Luzern besser laufen. Aber es lief nicht besser, er kam sehr wenig zum Einsatz.

«Basel bleibt Basel, das kann mir niemand nehmen. Die Ansprüche sind halt schon andere», sagt Kutesa. Dennoch nimmt er viel mit vom Rheinknie, Begegnungen mit Spielern wie Matias Delgado oder Seydou Doumbia haben ihn geprägt, «und Auto fahren habe ich auch gelernt». In jeder Schweizer Nachwuchsnationalmannschaft lief Kutesa auf, und irgendwann will er auch für das A-Nationalteam spielen. Vielleicht trägt er aus diesem Grund an beiden Handgelenken dasselbe schwarze Armband mit demselben weissen Schriftzug: «Be the better you.» Sei das bessere Ich, für den Fussball, für die Familie, für das Leben. Und für Gott, der ihm wichtig ist.

Kutesa weiss, dass man sich in St. Gallen viel verspricht von ihm. Nicht umsonst sagte Präsident Matthias Hüppi kurz nach der Verpflichtung:

«Ich bin so unglaublich froh, dass wir Kutesa bei uns haben. Er ist einer, der bei uns den Schritt machen kann. Das ist ein guter Transfer.»

Der Spieler entspricht denn auch der Strategie des FC St. Gallen, unmittelbar den sportlichen Mehrwert zu erzielen und irgendwann über einen Weiterverkauf den materiellen. Doch es wäre vermessen zu sagen, die Neuverpflichtung habe eingeschlagen in der Ostschweiz. Immerhin ist er Stammspieler, hat einen Saisontreffer erzielt, der Offensivfussball der St. Galler kommt ihm gelegen. Doch es gibt Luft nach oben. «Ja, ich muss noch mehr machen. Mehr Tore schiessen. Einfach noch mehr von allem», sagt Kutesa, der in der Offensive alles spielen kann. Er gilt als trickreich, technisch versiert und als schnell, «bei St. Gallen bin ich hundertprozentig unter den drei Schnellsten».

Im Winter der erste Besuch in Angola

Kutesas Eltern kamen in die Schweiz, noch bevor die drei älteren Schwestern und er geboren wurden. Der Bürgerkrieg und die schwierige wirtschaftliche Lage hatte sie aus Luanda und dem Südwesten Afrikas vertrieben. Er sagt:

«Wenn du Kinder haben willst, ist Angola nichts. Es ist gefährlich mit dieser Politik.»

Zwar telefoniert er oft mit den Verwandten, doch weil das Land jederzeit explodieren könne, hat Kutesa seine afrikanische Heimat nie besucht. Nun soll der Moment bald kommen, in der Winterpause fliegt ein Teil der Familie für zwei Wochen nach Luanda.

Kutesa wuchs in Genf im Viertel Les Abanchets auf, unsereins sähe die Kindheit im plattenbauähnlichen Quartier mit hohem Ausländeranteil wohl als schwierig – er nicht. «Wir haben den ganzen Tag Seich gemacht. Etwa in den grossen Wohnblocks bei allen Türglocken geklingelt.» Die Mutter arbeitet heute noch als Rezeptionistin im Genfer Spital, der Vater war Informatiker für die Stadt. Kutesa hat die Muttersprache Portugiesisch nahezu verlernt, immerhin ist die Freundin Portugiesin. Er absolvierte die Sekundarschule, begann mit der Handelsschule, von der er später des Fussballs wegen eine verkürzte Form abschloss. Daneben durchlief Kutesa alle Jugendabteilungen von Servette, spielte mit Kevin Mbabu oder Denis Zakaria («ihr Weg ist mein Vorbild»), unterschrieb mit 15 Jahren den ersten Profivertrag mit den Genfern, stieg mit ihnen wegen finanzieller Probleme aus der Challenge League ab – und wechselte in den Nachwuchs des FC Basel.

Und am Samstag, ab 19 Uhr, sind ebendiese Basler im Kybunpark zu Gast. Der Gegner sei zwar speziell, aber es gebe keine grosse gemeinsame Geschichte, sagt Kutesa.

«Ich will einfach gewinnen, so hoch es geht.»

Im Herzen mehr verbunden fühlt er sich mit Servette. Heute träumt er davon, dereinst mit den Genfern in der Super League zu spielen. Eine Familie zu gründen. Ein Vorbild für die Jungen zu sein. Und ein grosser Fussballer zu werden, vielleicht wie es Ronaldinho war, den er verehrt.

Mit Ashimeru zum Coiffeur

Kutesa verschwindet im Lift, will hinunterfahren. Er hat mit dem Ghanaer Ashimeru abgemacht. In der Stadt wohnen sie nebeneinander, nun wollen sie zum Coiffeur. Einmal in der Woche geht Kutesa dahin, er fährt sich durch den Scheitel, «meine kurzen Haare müssen perfekt sein. Oder etwa nicht?». Davor sagt er noch, dass er aus den Tiefschlägen gelernt habe. Indem man weniger Gutes erlebe, schätze man Neues. Manchmal müsse man halt den Schritt zurückmachen, um wieder vorwärtszukommen.