Kolumne

Gegentribüne: Zwischenbilanz beim
FC St.Gallen – die Mannschaft ist der Star

Der Wermutstropfen vor ausverkauftem Haus schmeckte bitter. Die Niederlage gegen den FC Zürich nach insgesamt ansprechender Leistung entsprang indessen jenem Restrisiko, das die angriffige Spielweise der Espen in sich birgt. Aber schon am Sonntag überwogen wieder die positiven Emotionen, befeuert durch die Punktverluste von YB und Basel.

Fredi Kurth
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Ein Miteinander: Der FC St.Gallen verfügt über einen guten Teamzusammenhalt.

Ein Miteinander: Der FC St.Gallen verfügt über einen guten Teamzusammenhalt.

Bild: Urs Bucher

Was beim FC St.Gallen vor zwei Jahren unter schwierigen Verhältnissen begann, ist in dieser Saison zu einem ausserordentlich guten Zwischenergebnis geführt worden. Was Matthias Hüppi, Alain Sutter und Peter Zeidler in einem Wellenbad zwischen Euphorie, grosser Skepsis und wieder Euphorie erreicht haben, hatte auch kaum jemand so erwartet. Es war vor allem hartnäckiges, monatelanges Teamwork, das die Wende fast von einer Woche zur andern ermöglichte.

Beim FC St.Gallen ist die Mannschaft der Star. Der einst von Berti Vogts als Coach des deutschen Nationalteams kreierte Satz lässt zuerst an die Spieler denken. Tatsächlich haben sie sich buchstäblich mit jugendlichem Elan emporgeschwungen und derart beflügelt einen Teamgeist entwickelt, der heute im Spitzensport selten geworden ist. Verbunden mit fussballerischem Talent, hat sich eine Einheit geformt, in welcher leistungsmässig kaum noch Unterschiede festzustellen waren. Wollte man Halbjahresnoten verteilen, müssten alle aus der Stammformation eine 5,5 erhalten.

Die etwas andere Einzelbewertung

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth

Bild: Urs Bucher

Eine Einzelbetrachtung ist dennoch reizvoll, wenn man die so unterschiedlichen Ausgangslagen am Beginn der Saison heranzieht. Da gab es Spieler, die fast mit null Hoffnung auf regelmässige Einsätze in die Meisterschaft gestartet sind, oder als talentierte Nobodys, die irgendwo gestrandet waren. Also machen wir diese Auflistung, bei der Arrivierte wie Jordi Quintillà, Silvan Hefti oder Dejan Stojanovic einen schwereren Stand haben, weil sie nicht mehr so viel «Luft nach oben» hatten. Dieses Handicaprennen garnierte ich noch mit der Wirkung, welche die Einzelnen auf das Mannschaftsgefüge hatten.

Babic ist grosser Gewinner, bei wenigen Verlierern

1. Boris Babic: Alle konnten sich noch steigern, aber den grössten Satz machte jener Spieler, der als 19-jähriger schon im Frühjahr 2017 in der Super League debütiert hatte. Babic führte die lange Anlaufzeit auch auf mangelnde Einstellung zurück. Vielleicht hat er aber auch zu wenig Vertrauen gespürt. Selbst das Comeback in dieser Saison liess noch auf sich warten: Der Sarganserländer war in den ersten Spielen gegen Luzern und Basel nicht einmal im Kader und beim Spiel in Xamax in der U21 engagiert. Babics Beispiel nährt die Hoffnung all jener Grünschnäbel, die jetzt noch warten müssen.

Der grosse Gewinner: Boris Babic.

Der grosse Gewinner: Boris Babic.

Michel Canonica

2. Cedric Itten: Nach seiner Verletzung begann er ganz unten – und fand sich im Nationalteam als Torschütze und Vorbereiter wieder. Acht Tore stehen auch in der Meisterschaft auf seinem Konto. Nach der langen Pause hatte der Basler die Wirkung einer Transferverstärkung.

3. Ermedin Demirovic: Auf die Frage, ob Dereck Kutesa ersetzt werde, antwortete Peter Zeidler: «Man wird ein, zwei Leute engagieren. Aber eher als Nummern 3 und 4 im Angriff.» Doch der Zufallstreffer Demirovic, ausgeliehen vom spanischen Underdog Deportivo Alavés, traf in zwölf Spielen acht Mal und bereitete vier Tore vor. Der gebürtige Hamburger war einer der entscheidenden Faktoren für St.Gallens Offensivpower und jener Stürmer, der am ehesten noch über die Flügel kam.

4. Yannis Letard: Nun also der erste Verteidiger. Auch den Franzosen hatte kaum jemand am Saisonbeginn auf der Rechnung. Wie sollte ein Spieler, der in der 3. Bundesliga beim VfR Aalen in einer Saison lediglich zu acht Einsätzen kam, mehr als eine Ergänzung sein?  Doch es ging sehr rasch, auch weil das ursprünglich vorgesehene Abwehrduo Musah Nuhu und Milan Vilotic ausfiel. Letard beherrscht nicht zuletzt die präzise Spielauslösung.

5. Victor Ruiz: Hatte in der vergangenen Saison bloss fünf Einsätze. Doch der wieselflinke Spanier wurde mit zwei Toren und acht Torvorbereitungen zu einem der besten Punktesammler im Team. Ruiz tilgte bald einmal das spielerische Manko, das durch die Abgänge von Majeed Ashimeru und Vincent Sierro entstanden war.

6. Lukas Görtler: Bei ihm konnte bereits eine gewisse Qualität vermutet werden. In Deutschland, sogar bei Bayern München, war er kein Unbekannter, kam aus der Vorsaison mit 14 Spielen und zwei Toren vom holländischen Ehrendivisionär Utrecht. Der 25-Jährige verlieh St.Gallen Routine und dem Mittelfeld jene physische Präsenz, die zuvor etwas gefehlt hatte. 2 Tore/4 Assists.

7. Jordi Quintillà: Vergangene Saison wäre er in dieser Aufstellung weiter oben erschienen. Aber auch ihm gelang nochmals ein Quantensprung, indem er noch stärker auf die kreative Spielentwicklung und den Abschluss einwirkte. In Zahlen ausgedrückt: Ganze vergangene Saison 2 Tore und 3 Assists. Diese Saison bereits Toptorschütze mit 9 Toren und 2 Assists.

8. Silvan Hefti: Auch er begann weit oben, auch wenn er schon besser dastand als vergangene Saison. Der Captain selbst musste selber erst erkennen, dass die Aussenposition für ihn günstiger ist als die zentrale in der Abwehr. Diese Saison mit enormem Zug nach vorne. 1 Tor/2 Torvorbereitungen.

9. Leonidas Stergiou: St.Gallens Youngster spielte schon vergangene Saison auf hohem Niveau bei elf Einsätzen. Steigerte sich nochmals enorm, vor allem beim Antizipieren und mit seiner Schnelligkeit. Hatte wesentlichen Anteil, dass die Defensive bei St. Gallens Sturm und Drang stabiler wurde, wenn der Gegner Konter fuhr.

10. Miro Muheim: Nach dem in punkto Kommunikation harzigen Abgang von Andreas Wittwer ersetzte der Nachwuchsmann seinen Vorgänger nahtlos. Muheim kam vor zwei Jahren als Wintertransfer vom FC Chelsea, ehe ein Kreuzbandriss seine Laufbahn unterbrach. Startete mit erst 9 Super-League-Minuten in die Saison. Er ist ein Vorbild für die Langzeitverletzten Nicolas Lüchinger und Musah Nuhu. 0 Tore/4 Vorbereitungen.

11. Dejan Stojanovic: Natürlich, der unterschätzte Torhüter weit hinten. Aber auch er startete mit dem «Handicap» einer hervorragenden Saison 2018/19. Strahlte erneut Sicherheit und Ruhe aus, erfüllte ebenso mit dem Fuss die Ansprüche an einen modernen Torhüter und ist der beste im Hinauslaufen seit Jörg Stiel.

12. Jérémy Guillemenot: Mit zwei Toren und drei Torvorlagen der ideale Joker im Team. Er muss wegen des grossen Angebots an treffsicheren Stürmern in der Startformation einstweilen hinten anstehen. Er überzeugte zudem beim EM-Qualisieg der Schweizer U21 gegen Frankreich mit einem Tor und einer Vorbereitung.

13. Betim Fazliji: Wann immer er spielte, hat St.Gallen gewonnen – und das war zehn Mal der Fall. Auch er stieg als Unbekannter aus dem Nachwuchs in den Super-League-Kader auf. Und war ein sicherer Wert, wenn in der Abwehr oder im Mittelfeld, auch wegen Ausfällen, ein defensiver Abräumer gefragt war.

14. Alain Wiss: Acht Einsätze sind bei seiner Verletzungsgeschichte ein extrem hoher Wert – für einen Spieler, dessen Vertrag im Hinblick auf drohende Arbeitslosigkeit verlängert worden ist.

Die Verlierer, die aber auch ihren Beitrag leisteten:

15. Axel Bakayoko: Anfangs Saison war der Leihspieler von Inter Mailand zusammen Dereck Kutesa noch als Teil der St.Galler Flügelzange vorgesehen gewesen. Vier Tore und drei Assists in der vergangenen Saison standen diesmal eine starke Konkurrenz und Unbefindlichkeiten im Wege.

16. Moreno Costanzo: 7 Einsätze, 1 Torvorbereitung. Er sollte als Ex-St.Galler mit Meriten bei den Young Boys und im Nationalteam Tranquillo Barnetta ersetzen. Quillo benötigte eine Anlaufzeit, doch bei Costanzo ist noch keine Wende in Sicht.

Er kommt zu wenig Einsätzen: Moreno Costanzo.

Er kommt zu wenig Einsätzen: Moreno Costanzo.

Benjamin Manser

17. Milan Vilotic: Er steht für alle Routiniers, also auch für Vincent Rüfli und Fabiano Alves, die wie Ersatztorhüter Jonathan Klinsmann im unglücklich verlaufenen Cupmatch in Winterthur spielten. Vilotic hätte im Sommer zu den Grasshoppers wechseln können. Trainer Uli Forte wollte ihn unbedingt verpflichten, St.Gallen hatte ihn aber fest als Stammspieler geplant. Danach war Vilotic im entscheidenden Moment verletzt, soll aber seine Rolle im Hintergrund bestens interpretieren.

Für eine Laudatio gilt es das Frühjahr abzuwarten. Aber der Vergleich mit dem Team gilt auch für das Führungstrio. Hüppi, Sutter und Zeidler sind lebender Beweis für ein erfolgreiches Gelingen, wenn alle harmonieren und sich einig sind über den konzeptionellen und sportlichen Auftritt. Das Lob gilt aber für die ganze Führungsequipe in den Räten und wie auch den Staff rund um die Mannschaft. Auch was die Belegschaft der Event AG im Jahr des 140-jährigen Bestehens auf die Beine stellte, war beeindruckend, dass die beiden dafür vorgesehenen Spiele verloren gingen Künstlerpech.

Das St.Galler Dreigestirn: (v.l.) Präsident Matthias Hüppi, Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler.

Das St.Galler Dreigestirn: (v.l.) Präsident Matthias Hüppi, Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler.

Urs Bucher

Aufgefallen

Die Niederlage gegen den FC Zürich dämpfte die Stimmung, wenn auch nicht bis «zu Tode betrübt». Wie gross wäre die Ernüchterung erst gewesen, wenn der FC St.Gallen sang- und klanglos untergegangen wäre, wenn der FC Zürich so dominierte hätte, wie es die Überraschungsmannschaft der Herbstsaison tat.

Doch Zeidlers Team zeigte lange den Schwung, den es in jedem Heimspiel und vielen Auswärtspartien auf den Rasen gelegt hatte. Aber es war kein Zufall, dass der FC Zürich den FC St.Gallen nach dessen drei Siegen im Nachgang zur Niederlage bei YB wieder gebremst hat. Die Zürcher verzeichneten eine ähnliche Formkurve wie St.Gallen, mit schlampigem Saisonbeginn und nun einer Serie von sechs Siegen und bloss einer Niederlage in sieben Partien.

Auch Herr und Frau Canepa zeigen, dass eine Wende ohne Trainerwechsel möglich ist. Sonst prallten am Samstag zwei unterschiedliche Welten aufeinander, wobei Zürich eigentümliche Verhaltensweisen und Zahlenkombinationen an den Tag legt. Daheim ist offensichtlich beste Unterhaltung angesagt. Der FCZ verlor daheim gegen Lugano und YB je 0:4 und gegen Servette 0:5, gewann aber unter anderem gegen Basel 3:2, und auch sonst fielen Tore zuhauf.

Auswärts dagegen hatte Zürich in acht Partien total erst vier Tore zustande gebracht, bevor es im Kybunpark dreimal traf. Zürichs Befestigungsfussball ist nicht einfach zu bespielen, aber St.Gallen bot dem Gegner wahrscheinlich auch keine Alternative. Im Frühjahr wird man sehen, wie es weitergeht. Auch Servette hat sich inzwischen als Verfolger ins Spiel gebracht. Ob St.Gallen einbrechen wird wie so oft? Vielleicht hat die Mannschaft die Krise schon Anfang Saison bezogen (drei Niederlagen in fünf Spielen). Interessant ist, dass niemand eine nochmalige Verbesserung in Betracht zieht. Doch, einer hat diese Möglichkeit angedeutet: Peter Zeidler.

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