GEGENTRIBÜNE: Zwei wie Janjatovic und Nater

Falls der FC St.Gallen diese Saison tatsächlich zu neuen Ufern aufbrechen sollte, dann hat er dies in erster Linie der Entwicklung im Mittelfeld zu verdanken. Zu diesem Eindruck tragen neben bisherigen Akteuren die Neuerwerbungen Stjepan Kukuruzovic und Peter Tschernegg bei.

Fredi Kurth
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Peter Tschernegg (rechts) stoppt Sion-Angreifer Marco Schneuwly. Im Hintergrund Stjepan Kukuruzovic. (Bild: Freshfocus)

Peter Tschernegg (rechts) stoppt Sion-Angreifer Marco Schneuwly. Im Hintergrund Stjepan Kukuruzovic. (Bild: Freshfocus)

Kuruzovic. Nein Kuzurovic. - Kukuruzovic! Zugegeben, ich tat mich etwas schwer mit dem neuen Namen, der dem FC St.Gallen im Mittelfeld mehr Qualität verleihen soll. Dabei hatte der Mann bei diversen Super-League-Klubs immerhin bereits total 154 Spiele bestritten. Etwas leichter über die Lippen geht mir der Name von Peter Tschernegg. Von ihm war allerdings überhaupt nichts bekannt. Aber Giorgio Continis Äusserung gab einige Gewissheit, dass der Zugang vom Wolfsberger AC eher als drei Österreicher vor ihm den Sprung schaffen könnten: "Ich hatte ihn schon einige Zeit im Auge", sagte der FCSG-Trainer nach Tscherneggs Verpflichtung.

Aratore und Aleksic
Kukuruzovic und Tschernegg sind in den beiden ersten zählenden Spielen ins Rampenlicht getreten wie einst Dejan Janjatovic und Stéphane Nater. Es sind zwei Sechser, die nicht nur die Defensive festigen, sondern auch gestalterische Fähigkeiten haben. Dass sie sich so gut eingefügt haben, verdanken sie Continis Bestreben, das spielerische Element auch mit dem Einsatz von Danijel Aleksic, nach seiner monumentalen Schaffenskrise unter Joe Zinnbauer im Prinzip ein weiterer Zugang, zu betonen. Zusammen mit der Dynamik von Matchwinner Marco Aratore ergab sich am Sonntag eine Überlegenheit, der sich die Walliser nur mit einigem Glück bis zum Schlusspfiff hätten erwehren können. Dann nämlich, wenn Marco Schneuwly beim Konter Mitte zweite Halbzeit erfolgreich gewesen wäre.

Nicht noch einmal im Rückstand. . .
Wenn Marco Schneuwly getroffen hätte, wären wahrscheinlich all die Bemühungen des FC St.Gallen um den ersten verdienten Sieg vergebens gewesen. Dann wären die Espen tatsächlich im siebten Spiel hintereinander 0:1 in Rückstand geraten. Dann wären alle Zweifel wieder ausgebrochen und die Begegnung mit Luzern zum Krisenspiel hochstilisiert worden.

Spielerische Verbesserungen waren allerdings schon Ende Saison nach dem Trainerwechsel zu beobachten, als auch noch Salihovic seinen Teil dazu beitrug. Nun ermöglichen auch Kukuruzovic und Tschernegg ein Kombinationsspiel aus der Abwehr heraus.

Barnettas wahrer Wert
Engagierte Anhänger machen sich ja schon in der Vorbereitung ihre Gedanken. Für mich die entscheidende Frage war und ist: Findet St.Gallen bei seiner optimistischen Ausrichtung auch defensive Sicherheit? Ging gegen Altach diesbezüglich noch einiges schief, funktionierte die Taktik beim 0:0 gegen Southampton vorzüglich. In jener stürmischen Anfangsphase deutete sich auch an, wie wichtig Tranquillo Barnetta in der Relaisstation im vorderen Mittelfeld werden könnte - ehe er angeschlagen ausfiel. Gegen Sion missriet ihm zunächst einiges, dann steigerte er sich zu einer seiner besten Leistungen im grün-weissen Dress.

Optimismus könnte sich somit alsbald in realistische Betrachtung verwandeln. Wenn da nur nicht die schwachen 45 Minuten der St.Galler in Lugano gewesen wären (ohne Barnetta). Sie unterstrichen vielleicht aber auch nur, dass einzelne Akteure nicht viel ausrichten können, wenn das ganze Gefüge auseinanderbricht. Umgekehrt können alle glänzen, wenn es rund läuft wie am Sonntag.

Gegen Luzern könnte der Auftritt etwas zäher werden, weil sich das Team von Markus Babbel weiter vorne positionieren und die Räume im Mittelfeld schliessen will. Dann sind die neuen Fähigkeiten im Zusammenspiel noch mehr gefragt. Dann gilt es wieder, Angriffsschwung mit Vorsicht und Geduld zu verbinden.

Korrigierte Prognosen
Zurzeit befinden wir uns in einer sehr spannenden Phase der Meisterschaft. Weil sich einige Mannschaften personell stark verändert hatten, waren die Prognosen besonders schwierig. Einige Korrekturen sind bereits angemessen - hier sind sie:

FC Basel:Der Meister scheint trotz der Startniederlage bei den Young Boys und dem Rücktritt von Delgado wenig von seiner Durchschlagskraft eingebüsst zu haben. Van Wolfswinkel hat bereits auf sich aufmerksam gemacht. Zudem kommen Klassefussballer wie Serey Die, Bua und Elyounoussi nun erst richtig zur Geltung.

Young Boys:Die Berner sind in der Lage, dem Meister gefährlich zu werden, weil sich die Mannschaft nun auch physisch und läuferisch verbessert präsentiert.

Zürich: Die Erwartungen sind nach dem fulminanten Start gegen GC trotz sieben Punkten aus drei Spielen vielleicht zu hoch gewesen. Gegen Thun und Lugano fand der Aufsteiger kaum spielerische Lösungen, war zu sehr auf stehende Bälle und weite Out-Einwürfe angewiesen.

Sion:Für den Catenaccio (auf Deutsch Türriegel), den der neue Trainer Paolo Tramezzani predigt, würde der Mann pfeilschnelle Konterspieler, wie sie ihm bei Lugano zur Verfügung standen, benötigen. Die Tordifferenz von 2:2 aus drei Spielen zeigt das Dilemma auf.

St.Gallen:Die Experten haben die Espen am Saisonbeginn auf den Rängen drei bis zehn eingestuft. Ihre Einschätzung hat sich bis jetzt voll bewahrheitet...

Luzern:Neumayr, Marco Schneuwly und Frey sind weg. Trotzdem haben die Innerschweizer schon vier Tore erzielt und vier Punkte auf dem Konto. Gegen GC daheim 0:2 in Rückstand zu geraten, ist aber kein Ruhmesblatt.

Lugano: 0:1 Tore und ein Punkt nach zwei Spielen. Die Tessiner haben ihre Stärken in der Abwehr, können aber auch munter stürmen. Sie hatten Pech mit dem Spielabbruch im Duell mit St.Gallen und gegen Zürich mit einem korrekt erzielten, jedoch aberkannten Treffer. Sie sind eher doch kein Abstiegskandidat.

Lausanne:Daheim seit Oktober 2016 ohne Heimsieg, mit etwas Glück ein Punkt gegen St.Gallen. Bleibt Abstiegstipp Nummer 1.

Grasshoppers: Sie gaben gegen Luzern ein Lebenszeichen, profitierten aber bei beiden Toren von Geschenken des Gegners. Es fragt sich nach wie vor, ob die kleine Weltauswahl zu einer Einheit findet.

Thun: Die Überraschungsmannschaft der vergangenen Jahre leidet unter Abschlussschwäche. Die Thuner waren gegen Sion und beim FC Zürich mindestens ebenbürtig. Nun gilt es, eine Negativspirale zu vermeiden.

Aufgefallen

Manch Neues im Stadion.Zumindest optisch hat sich der früher holprige Rasen im Kybunpark zu einem Teppich entwickelt. Die frische Saat scheint sich auch auf das Kombinationsspiel der St.Galler günstig auszuwirken. Aufgefallen sind weiter zwei neue, etwas kleinere Videowände auf den Längsseiten unter dem Dach. Nun sehen wir die Spieler schon im Eingang warten, bevor sie den Rasen betreten. Mehr TV-Atmosphäre verhindert vielleicht, dass immer mehr Fans die Spiele daheim vor dem Bildschirm verfolgen. Zudem läuft jetzt ein Minuten- und Sekunden-Countdown vor dem Anpfiff, auch zur Pause, auf dem neuen Video-Layout. Mit Gregor Lucchi und Richard Fischbacher meldeten sich alte Bekannte am Mikrofon zurück. Wiederum eher neu jedoch: Die Mannschaft feiert nach einem Sieg nur noch mit dem Espenblock. Der Rest wartete vergebens. Vielleicht ja auch gut so: Man will die komplette Ehrenrunde für einen grossen Triumph aufsparen.

Was ist mit Silvan Hefti los?Der Verteidiger ist offensichtlich wieder fit, denn er wurde mit "nicht im Aufgebot" gemeldet. Gleichzeitig wurde vergangene Woche mit Yronda Musavu-King ein neuer, erfahrener Abwehrspieler engagiert. Das reizt zum Kaffeesatzlesen. Ist Hefti vielleicht auf dem Absprung, der andere umworbene Spieler, von dem einmal die Rede war? Denn sonst wäre das ja eine Gelegenheit gewesen, einen eigenen Nachwuchsspieler näher an die Mannschaft heranzuführen. So oder so: Ein herzliches Willkomm dem neuen Mann!

Mönchengladbach lockt Kinder an.Vergangene Woche waren Nachwuchstrainer von Borussia Mönchengladbach auf dem Tübacher Sportplatz Kellen im Einsatz. Kinder konnten dort das Fussballcamp der Deutschen besuchen – wer weiss, vielleicht gibt es neben dem guten Zweck auch noch dieses oder jenes Talent zu entdecken... Ich habe mich gefragt, wann sich der FC St.Gallen mit einem ähnlichen Angebot in der Nähe von Mönchengladbach revanchieren wird. Doch Spass beiseite: Selbst der älteste Fussball-Club der Schweiz würde in Rhein-Ruhr kaum junge Leute anlocken. Es sind eben diese krassen Gegensätze, die in umgekehrter Richtung nicht funktionieren. Im Appenzellerland finden wir die Bezeichnung "Gäbris, die Rigi der Ostschweiz". Nicht anzunehmen, dass auf der Rigi je die Bezeichnung "die Rigi – der Gäbris der Innerschweiz" anzutreffen ist. Die Deutschen ehren uns mit der "sächsischen" und "fränkischen" Schweiz. Solche Anlehnung soll es beim Nachbarn zu Dutzenden geben, so auch die "hessische" Schweiz. Bis wir aber die Gegend um Gottlieben das "thurgauische Deutschland" nennen, dürfte noch einige Zeit vergehen... (th)