Kolumne

Gegentribüne: Zeidlers Temperament ist das Temperament der Mannschaft – und Teil des St.Galler Erfolgsgeheimnisses

So leidenschaftlich wie Peter Zeidler hat zuvor kaum ein Trainer des FC St.Gallen die Spieler angetrieben. Dass aber nicht allein das Naturell des Teamchefs entscheidend ist, zeigen diverse Beispiele – auch aus der Geschichte des ältesten Schweizer Fussball-Clubs.

Fredi Kurth
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FCSG-Trainer Peter Zeidler fiebert an der Seitenlinie mit. (Bild: Keystone)

FCSG-Trainer Peter Zeidler fiebert an der Seitenlinie mit. (Bild: Keystone)

Manchmal genügen ein paar Sekunden, um eine Kolumne gedeihen zu lassen. Vergangene Woche wollte ich die Mannschaft des FC St.Gallen beim Nachmittagstraining beobachten, doch auf dem Gründenmoos waren primär Nachwuchsfussballer anzutreffen. Auch interessant. Aber nach einer Weile machte ich mich wieder auf den kurzen Weg zurück zum Parkplatz, als mir ein halbes Dutzend St.Galler Fussballer beim Lauftraining begegneten, möglicherweise Leute, die durch Spieleinsätze nicht überbelastet waren. Durch den schnellen Schritt wahrscheinlich jenseits der anaeroben Schwelle waren sie für mich kaum zu erkennen. Doch der Anführer fiel mir auf: Peter Zeidler, der trotz fokussiertem Run noch ein kurzes «Hallo» übrig hatte.

Frühsport mit Christian Gross

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Urs Bucher

Ich konnte mir einen kurzen Lacher nicht verkneifen. Da geht doch tatsächlich der Chef selber mit dem guten Beispiel voran und hat somit keinen seiner Assistenten damit beauftragt. Nach wenigen Metern verschwand die Gruppe wieder im nahen Wald, wahrscheinlich auf die Finnenbahn. Die Szene erinnerte mich an die Vorbereitung im Winter-Trainingslager in Steinbach bei Baden-Baden in den frühen 1980ern. Damals lief jeweils Captain Christian Gross durch die ansonsten schöne Reblandschaft der Mannschaft voran, während Trainer Helmuth Johannsen mit Präsident Paul Schärli beim Frühstück sassen. Das Tempo war so gemächlich, dass ich als FC-Sekretär und Gelegenheitsjogger bei diesem Frühsport mithalten konnte.

Der Vergleich mit Helmuth Johannsen

Zeidler steht der Mannschaft auch im Balltraining sehr nahe, greift selber immer wieder ein. Johannsen hatte nach meiner Beobachtung und Erinnerung mehr Distanz, liess auf dem Platz vor allem Assistent Hanspeter Wirth arbeiten. Was der Norddeutsche aber mit dem Süddeutschen verband, war eine konsequente Haltung. Nimmt man die physischen Anforderungen zum Massstab, war Johannsen, Meistertrainer mit Eintracht Braunschweig und den Grasshoppers, für die damalige Zeit ein harter Hund. Ein angeschlagener Spieler sagte einmal, man müsse mit dem Kopf unter dem Arm daherkommen, damit Johannsen eine Verletzung akzeptiere. Nicht zuletzt im physischen Bereich holte der Trainer entscheidende Vorteile gegenüber andern Mannschaften heraus, während diesbezüglich heutzutage eher gebremst werden muss, um nicht zu überfordern.

Jeff Saibene – das pure Gegenteil

Es geht hier also um Stil und Mentalität eines Fussballdozenten, und auch um einen klaren taktischen Auftrag an die Mannschaft. Auch einer wie Jeff Saibene konnte bei St.Gallen Erfolgstrainer sein: Bei einem normalen Training war kaum zu erkennen, wer hier der Chef ist. Ahnungslose hätten eher auf Co-Trainer Daniel Tarone getippt, vier Jahre Co-Trainer beim FC St.Gallen und Übungsleiter auf dem Trainingsplatz. Saibene konnte aber ebenfalls den Tarif durchgeben, so jeweils schon am ersten Tag der Saisonvorbereitung: Am Gübsensee wurden erst einmal Runden gedreht.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klitzekleine Unsicherheiten zu Beginn bei Flanken. Mit dem Glück des Tüchtigen und Glanztaten bei Vocas und Schürpfs Abschlüssen (34./75.). Stark!
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Silvan Hefti: Note 4,5. Der Captain wirkt robust, agiert stilsicher und lässt auf seiner Seite wenig anbrennen.
Yannis Letard: Note 4. Fällt fast nicht auf. Dirigiert die Hintermannschaft gut, im Passspiel aber ein paar Mal ungenau.
Leonidas Stergiou: Note 4. Nicht immer ganz sattelfest, Ndiaye bereitet in der ersten Halbzeit nicht nur Stergiou Mühe. Aber grundsolider Auftritt.
Miro Muheim: Note 4. Kombiniert gefällig und oft mit Ruiz. Beschädigt eine aktive, gute erste Halbzeit mit dem unglücklichen Penalty, den er durch ein Hands verschuldet.
Victor Ruiz: Note 4,5. Die meisten Angriffe laufen über ihn. Schöner Freistoss (25.). Ruiz baut mit Fortdauer der Partie ab.
Lukas Görtler: Note 4,5. Blutüberströmte Nase, Schreie, Kampf, Power, Provokationen, Fouls. Das ist Görtler, der darob aber etwas seine spielerische Linie vernachlässigt.
Jordi Quintillà: Note 5. Macht per Penalty das 1:0. Der Anhang Luzerns fühlt sich von Quintillàs Jubel provoziert. Das 3:1 erzielt er per Handspenalty – sein achtes Meisterschaftstor. Assist zum 4:1.
Boris Babic: Note 4,5. Nicht so auffällig wie zuletzt, auch wenn er latent Gefahr ausstrahlt. Bringt sein Team mit dem Aussenrist und dem 2:1 auf die Siegerstrasse.
Ermedin Demirovic: Note 5. Holt den Penalty zum 1:0 heraus, auch sonst ein Aktivposten. Krönt seine Leistung mit dem 4:1.
Cedric Itten: Note 4. Findet nicht richtig ins Spiel und zeigt für einmal eine diskretere Leistung. Einen Skorerpunkt darf Itten sich mit dem schönen Pass auf Babic trotzdem notieren.
Betim Fazliji: Note -. Kommt spät (86.) für Ruiz.
Jérémy Guillemenot: Note -. Kommt in der 76. Minute für Babic, das gibt keine Note mehr.
Alain Wiss: Note–. Kommt noch später für Stürmer Demirovic.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klitzekleine Unsicherheiten zu Beginn bei Flanken. Mit dem Glück des Tüchtigen und Glanztaten bei Vocas und Schürpfs Abschlüssen (34./75.). Stark!

Die Wesensart des Trainers wird oft überbewertet. Klassisches Beispiel Lucien Favre. Der Westschweizer wurde bei Borussia Dortmund schon im Sommer vor dem ersten Ankick in Frage gestellt: Ihm fehle möglicherweise das Feuer und die sprachliche Gewandtheit, um in seiner zweiten Saison bei Borussia Dortmund die Mission «Deutscher Meister» zu erfüllen. Handkehrum aber erlebt ein ähnlich ruhiger, eher noch gefassterer Typ ausschliesslich Sympathien: Urs Fischer mit Union Berlin. Bodenständig sei er, ein fleissiger Arbeiter, der mit seiner Art gut zum bescheidenen Aufsteiger passe.

Zinnbauer wollte dasselbe wie Zeidler

Joe Zinnbauer kam in der Art Peter Zeidler wahrscheinlich noch am nächsten. Auch er bevorzugte agile, schnelle Akteure und eine optimistische Spielweise. Warum er schliesslich die Mannschaft nur für ein paar Spiele auf dasselbe Niveau hieven konnte, ist schwierig zu beurteilen. Vielleicht sprach er zu viel mit den Spielern über taktische Finessen, wie ihm vorgeworfen wurde, vielleicht fehlten ihm just die Leute, die er benötigt hätte und die Peter Zeidler zusammen mit Alain Sutter auch erst an Land ziehen musste.

Eine andere interessante Frage ist, ob eine Mannschaft automatisch jenes Engagement annimmt, das auch dem Temperament des Trainers entspricht. So wie sich ein Hund im Äusseren und im Charakter dem Hundehalter anpasst. Dass dies nicht in allen Fällen zutreffen muss, zeigte das Beispiel von Mauricio Pochettino, der fünf Jahre Tottenham Hotspur trainierte und dessen Mannschaft vor einem halben Jahr den Meistercup-Final erreichte. Auf der Trainerbank wirkte der Argentinier oft wie unbeteiligt, während seine Leute die Zuschauer mit ihrem Fussball in Wallung brachten.

Wer wagt, gewinnt eher

Unbestritten ist, dass immer mehr beschwingte Antreiber am Spielfeldrand von ihrer Mannschaft beschwingten Fussball verlangen. Pressing, rasches Umschaltspiel. Dafür stehen Namen wie Jürgen Klopp, Julian Nagelsmann, Adi Hütter, Marco Rose, Gian Piero Gasperini oder Maurizio Sarri. Und eben Peter Zeidler. Umso mehr geraten Trainer in Schwierigkeiten, bei denen primär «die Balance stimmen» muss, das heisst die erst einmal der defensiven Grundordnung das Hauptaugenmerk schenken, Trainer wie Niko Kovac oder José Mourinho. Einer, der damit nach wie vor reüssiert, ist Diego Simeone von Atletico Madrid.

Am Beginn der Saison dachte ich noch, Kovac oder Carlo Ancelotti könnten sich anpassen, doch nun ist der Bayern-Trainer entlassen worden und Ancelotti bei Napoli in arge Schwierigkeiten geraten. Gespannt dürfen wir sein, wie sich Mourinho als neuer Trainer von Tottenham aus der Affäre zu ziehen versucht oder ob bei ihm immer noch «der Mannschaftscar vor dem eigenen Tor geparkt» sein wird.

Favre fehlt Entschlossenheit

Die Situation bei Dortmund ist komplex, weil beim kategorischen Auftrag Meistertitel zu viele negativ Faktoren (Team von den Spielertypen her schlecht durchmischt, Leader Reus nicht in Bestform, Qualität des Kaders insgesamt fragwürdig) eine Rolle spielen. So schwankt Lucien Favre zwischen Mutlosigkeit und Angriffslust, gerät die Mannschaft oft in Rückstand und reagiert dann statt zuvor selber zu agieren. Das Problem von Lucien Favre ist nicht sein Temperament, sondern dass er keinen klaren Plan hat.

So kommt es eben auch auf die Vorgabe an. Urs Fischer verfolgt bei Union Berlin taktisch konsequent das Ziel Ligaerhalt, bei allem resoluten Einsatz und gelegentlich unerbittlichem Forechecking. Der andere Aufsteiger Paderborn, der im Klopp-Stil aufgestiegen ist (Tordifferenz 76:50, Union 54:33), blieb seinem abenteuerlichen Stil unerschrocken treu – und bezahlt nun mit 10 Niederlagen in 13 Spielen die Zeche.

St.Gallens Erfolgsgeheimnis

So kommen wir wieder zur Binsenwahrheit, dass ebenso die Qualität der Spieler über Erfolg und Taktik entscheiden. Das Temperament des Trainers und die Leistung des Teams stehen beim FC St.Gallen in Wechselbeziehung, aber so wie die Spieler im Verbund auftreten, hat jeder auch überdurchschnittliche Super-League-Qualität. Wenn man so will, bildet das alles zusammen das Erfolgsgeheimnis.

Aufgefallen

Wenn es eine Erklärung gibt für zehn Niederlagen in Serie gegen den FC Luzern, dann hat just deren Ende eine solche geliefert. Zumindest in den Spielen gegen St.Gallen versteht es Luzern wie keine andere Mannschaft, das Spiel auf die Ebene Kampf- und in der ersten Halbzeit auch Foulspiel zu heben. Und da war in der Vergangenheit Grün-Weiss nicht in der Lage, Paroli zu bieten. Doch jetzt war der Beweis da: St.Gallen kann auch Kampf. Vier Verwarnungen gegen die Innerschweizer mochten nach der Pause eine Rolle gespielt haben. So mussten sie sich ein wenig zurücknehmen, und nun endlich, viel später als in allen elf Partien seit der Wende gegen Lugano, konnte St.Gallen auch seine spielerischen Qualitäten in die Waagschale werfen. Boris Babic war der Vorkämpfer in der schwierigen Phase und krönte seine Leistung mit technisch perfektem Abschluss. Immer deutlicher wird: Der St.Galler Oberländer umhüllt mit seiner muskulären Kraft auch ungeahntes fussballerisches Vermögen.

So kann man sich irren: Die Super League bestehe aus zwei Spitzenteams und dem ausgeglichenen Rest von acht Teams. Das mochte bis auf das abgeschlagene GC für die vergangene Saison zutreffend gewesen sein. Doch in diesem Herbst zieht sich die Rangliste wie eine Handorgel auseinander. Auch der FC St.Gallen gehört nun der Spitzengruppe an und liegt 23 Punkte vor dem Tabellenletzten Thun. Und der Vierte FC Zürich, das Team der Stunde (St.Gallen ist das Team der Saison), liegt fünf Punkte hinter dem FCSG und vier vor Servette. Ich denke, die meisten Anhänger der Ostschweizer hofften auf eine Niederlage der Young Boys und damit Verringerung des Rückstands um drei Punkte auf Platz eins statt auf eine Niederlage der Basler im Spitzenkampf und damit ein Vorrücken auf Platz zwei. Die Zahlen nehmen denn auch atemberaubendes Ausmass an: In den letzten fünf Partien hat St.Gallen immer mindestens drei Tore erzielt und in den vergangenen elf Super-League-Partie nur noch einmal, beim 0:0 gegen Basel, weniger als zwei Tore geschossen. Schwierig, da nicht der Euphorie zu verfallen. (th)

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