Kolumne

Gegentribüne: Wir haben einen Corona-Meister – oder einen verdienten Meister

Über das Eingreifen der U-21-Mannschaft des FC Zürich in die Super-League-Entscheidung freuen sich Basel und die Young Boys sowie Luzern und Servette. Als einziger benachteiligt könnte der FC St.Gallen sein. Bisher hat er im Corona-Abenteuer alle Besorgnis in den Wind geschlagen – nun könnte er der Gelackmeierte sein.

Fredi Kurth
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Wer jubelt am Ende der Coronameisterschaft? Wenn es nach unserem Gegentribünen-Autor Fredi Kurth geht, muss es der FC St.Gallen sein.

Wer jubelt am Ende der Coronameisterschaft? Wenn es nach unserem Gegentribünen-Autor Fredi Kurth geht, muss es der FC St.Gallen sein.

Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 5. Juli 2020)

Wir erleben die spannendste Meisterschaft seit Jahren mit dem aufregendsten Finale – auch dank Covid 19. Viele Partien haben hohe Qualität oder zumindest hohen Unterhaltungswert, und es fallen Tore zuhauf. Weitere Resultatkapriolen dürften folgen.

Fredi Kurth.

Fredi Kurth.

Bild: Urs Jaudas

In der Corona-Endphase ist die Berechenbarkeit verloren gegangen. Das gilt sowohl von Runde zu Runde als auch innerhalb der jeweils rund 95 Spielminuten. Grosser Kräfteverschleiss, stark umkrempelte Verhältnisse durch das Ersatzspieler-Kontingent von fünf Mann: Die Gründe sind bekannt. Und jetzt hat Corona persönlich noch die Hand ausgestreckt. Das kann ja nicht gut gehen, würde man meinen.

Rang eins bis vier unverändert

Bei genauer Betrachtung fällt aber auf, dass sich in den sieben Runden seit der Coronapause das Tabellenbild gar nicht so extrem verändert hat. Auf den ersten vier Plätzen sind immer noch dieselben Teams in derselben Reihenfolge anzutreffen. St.Gallen liegt jetzt sogar um einen Punkt vor den Young Boys (hat aber die einst bessere Tordifferenz von plus fünf eingebüsst, aktuell sind es minus fünf). Und Servette hat statt acht jetzt 14 Punkte Rückstand auf den Überraschungsleader.

Dahinter tauschten Luzern und Zürich wahrscheinlich nur die Plätze, weil die Partie FCZ gegen Sion abgesagt worden ist. Vom Tabellenende löste sich Thun mit drei Siegen – eine Entwicklung, die sich aber schon vor der Zwangspause abgezeichnet hatte.

Wenn die Kräfte nachlassen

Eher typisch für die Coronaphase sind unlogische Resultatabfolgen: Der FC Zürich gewinnt in St.Gallen 4:0, setzt dann aber doch nicht zur Aufholjagd Richtung Tabellenspitze an. Der Letzte Thun besiegt Meister Young Boys ohne Gegentor, liegt dann aber im Spiel darauf gegen St.Gallen zur Pause schon mit drei Toren zurück.

St.Galler Jubel gegen Thun: Jordi Quintillà (2.v.l.) hat soeben zum 3:0 getroffen.

St.Galler Jubel gegen Thun: Jordi Quintillà (2.v.l.) hat soeben zum 3:0 getroffen.

Bild: Marc Schumacher/freshfocus

Dasselbe widerfährt Luzern daheim gegen Lugano, die Innerschweizer kommen aber doch noch zum Ausgleich. Während Lugano nach nur zwei Tagen Spielpause nach dem 3:3 gegen St.Gallen offensichtlich der Schnauf ausging. Auch die Young Boys haben in Basel noch weit in die zweite Halbzeit hinein beim Stande von 0:3 kaum Aussicht auf einen Punktgewinn – und verpassen diesen dann mit nur zehn Akteuren bloss knapp, weil Miralem Sulejmani seinen Penalty in der letzten Spielsekunde abgewehrt sieht.

Miralem Sulejmani (YB) scheitert mit seinem Penalty kläglich an FCB-Goalie Jonas Omlin.

Miralem Sulejmani (YB) scheitert mit seinem Penalty kläglich an FCB-Goalie Jonas Omlin.

Bild: Claudio Thoma/freshfocus

St.Gallen in der Bedrängnis routiniert

Am FC St.Gallen ist der Coronarhythmus nicht spurlos vorbeigegangen. In Neuenburg, Lugano und Genf musste er just jene Qualitäten offenlegen, die früher anderen Spitzenteams zugebilligt worden sind: Punktgewinne trotz starker Bedrängnis – so wie in der Vorcorona-Phase nur selten. Und noch ist die Ungerechtigkeit durch Gegner, die einen Tag mehr Ruhepause haben, nicht ausgestanden. In Thun am 19. Juli und am 25. Juli in Zürich ist das noch einmal der Fall, so wie zuletzt in Genf, ohne dass der FCSG in den verbleibenden Spielen auch nur einmal auf gleiche Art profitieren könnte.

Und nun kommt hinzu, dass die Young Boys ihre Auswärtsschwäche just bei einem angeschlagenen und eventuell stark ersatzgeschwächten FC Zürich beenden könnten.

Hier Lockerheit, dort Zweifel

Doch es sind nicht solche Ungereimtheiten, die uns am Ende allenfalls doch einen verdienten oder eben nur einen Geister- oder Corona-Meister bescheren werden. Es ist vielmehr der Verlauf der gesamten Meisterschaft, den der FC St.Gallen als schillernden Champion prädestinieren würde. Weil er die Fussballschweiz nicht nur mit langen Erfolgsserien verblüffte, sondern auch mit einem Fussball, wie er in dieser Art noch selten zu beobachten war.

Fabian Lustenberger, YB-Spieler.

Fabian Lustenberger, YB-Spieler.

Bild: Keystone

Das ist angemessene Unbescheidenheit, denn selbst YB-Defensivspezialist Fabian Lustenberger sagte vor dem Neubeginn:

«St.Gallen liegt verdient an der Spitze.»

Daran hat sich seither nicht viel geändert. Dazu beigetragen haben nun aber zu einem beträchtlichen Teil die Young Boys selber. Wer in acht Auswärtsspielen hintereinander nicht mehr gewinnen kann, bleibt seinem Ruf als zweifacher Serienmeister einiges schuldig. Doch selbst in den Heimspielen mit fulminanten Resultaten gegen Xamax, Lugano und Thun blieb der bittere Nachgeschmack, von Eigentoren und billigen Elfmetern profitiert zu haben.

Mir kam es schon im Herbst verdächtig vor, wie bei den Young Boys stets auf die lange Verletztenliste verwiesen wurde: Hatte dann jenes YB nicht schon Meisterqualität? Mit der Rückkehr der angeschlagenen Leute blieb eines gleich: Es konnten nur elf Akteure gleichzeitig eingesetzt werden.

Die Hochrechnung aus grünweisser Optik

Ein Abgesang auf YB ist aber verfrüht. Denn die Berner haben nun die bessere Ausgangslage. Doch St.Gallen könnte am Ende der Saison nur dann auf Benachteiligungen verweisen, sofern es in den verbleibenden sechs Runden nicht einbricht, das heisst, wenn die ungebremste positive Lebenshaltung Peter Zeidlers weiterhin ansteckender wirkt als das Virus und am Schluss der Rückstand auf die Young Boys nicht allzu hoch ausfällt.

Beim FC St.Gallen aber jammert zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Wir unsererseits bieten nachstehend die ultimative Hochrechnung aufgrund der Restprogramme – mit St.Gallen als Meister.

Die Prognose im Meisterschafts-Endspurt

FCSG Punkte YB Punkte
Luzern (h) 3 Servette (h) 1
Thun (a) 3 Zürich (a) 3
Basel (h) 3 Xamax (a) 1
Zürich (a) 0 Luzern (h) 3
Xamax (h) 3 Sion (a) 1
YB (a) 0 FCSG (h) 3
TOTAL 71 TOTAL 70

Die Berechnung (trotz aller Corona-Unwägbarkeiten) basiert auf der idealen Vorstellung, dass der FC St.Gallen in der letzten Runde bereits als neuer Titelträger in die Hauptstadt fährt. So unrealistisch ist diese Annahme nicht, immerhin geht sie davon aus, dass die Young Boys kein einziges Spiel mehr verlieren und sich der FC St.Gallen noch zwei Niederlagen leisten kann. Natürlich, mit vier Siegen in den kommenden fünf Partien liegt die Latte hoch, umso mehr als mit Luzern und Zürich die unangenehmsten Aussenseiter St.Gallens noch genüsslich warten und gegen Basel oder dann halt doch gegen die Berner ein Sieg herausschauen muss.

Was bei aller Rechenschieberei schon feststeht: Trainer und Spieler des FC St.Gallen werden sich weder durch ungünstige Spielansetzungen noch durch günstige Hochrechnungen den Kopf verdrehen lassen. Sondern für sie heisst es in Anlehnung an Geier Sturzflug weiterhin: «Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttopunkteprodukt!» – sofern der Meisterschaft aufgrund des neuen Coronafalls bei Neuchâtel Xamax nicht doch noch vorzeitig der Stecker gezogen wird.

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