Kolumne

Gegentribüne: Wie die Offensive des FC St.Gallen wieder mehr Schwung aufnehmen könnte

Die Entwicklung des FC St.Gallen hat sich im vierten Ernstkampf nochmals akzentuiert. Die Mannschaft präsentiert sich defensiv gefestigter als früher. Mit Blick auf Spiele in der vergangenen Saison lässt sich feststellen, wie auch mit dem jetzigen Kader die Angriffsleistung verbessert werden könnte.

Fredi Kurth
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Fredi Kurth

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Urs Jaudas

Es war keine Mühe, es war eine Freude, nochmals hineinzuschauen in zwei Spiele gegen die Young Boys, obwohl St.Gallen weder beim 3:4 in Bern noch beim 3:3 zu Hause gewinnen konnte. Jene Partien gehörten zum Besten, was Zeidlers Leute neben den Siegen in Basel zu bieten hatte.

Mich interessierte vor allem: Wie sind St.Gallens Tore entstanden im Vergleich zu dem Versuch gegen Servette, sich immer wieder durch die Mitte hindurch zu schlängeln? Die Antwort hat mich nicht überrascht: Fast jedem Treffer lag ein Angriff nahe der Seitenlinie zugrunde. Das war zweimal auch bei erst daraus entstandenen Eckbällen der Fall. Spiel über die Aussenflanke war auch angesagt, als Boris Babic in Bern unmittelbar nach seinem Führungstreffer den Ball an die Lattenunterkante knallte.

Mehr Bewegungsfreiheit für die Sturmspitzen

Zeidlers Credo ist bekannt: Das Spiel durch die Mitte müsse forciert werden, weil auch das Tor in der Mitte stehe. Und gegen Servette, selbst wenn sich der Querpass auf den freistehenden Aussenläufer geradezu aufdrängte, kam immer wieder der Steilpass mitten ins Gewühl. Im besten Fall schaut einmal ein Freistoss heraus.

Trainer Peter Zeidler beim Spiel gegen Servette.

Trainer Peter Zeidler beim Spiel gegen Servette.

Bild: Freshfocus

Es geht darum, den Stürmern Freiräume zu verschaffen. Das funktioniert, wenn eine vielbeinige Abwehr in die Breite gedehnt wird wie eine Ziehharmonika. Das tun übrigens die meisten Mannschaften, die einen ähnlichen Offensivstil pflegen. Und dann kann tatsächlich einmal in einer zweiten Welle ein Zuspiel durch die Mitte sitzen. Bei St.Gallen jedoch werden die neuen Stürmer Kwadwo Duah und Florian Kamberi kaum mit brauchbaren Bällen gefüttert, verhungern sie meistens umgeben von gefrässigen Abwehrspielern.

Wahrscheinlich wird der FC St.Gallen längere Zeit nicht mehr die Schwingungen erreichen wie in jenen Partien gegen die Young Boys und Basel, und selbstverständlich hatte er, vor allem in der Coronaphase, auch schwächere Partien zu überstehen. Aber es ist schade um die nun sehr sattelfest gewordene Abwehr (die Lattentreffer der Genfer waren nach Eckbällen eher ein Standard- als ein Systemproblem), wenn nach vorne nicht viel geht.

Der FC St.Gallen als Selbstbedienungsladen

Vielleicht geht aber noch auf dem Transfermarkt etwas. Zunächst droht ein Abgang, jener von Jordi Quintillà zum Bundesliga-Absteiger Paderborn. Auf die Angaben von transfermarkt.ch ist ziemlich Verlass, auch weil vermutlich interessierte Spielerberater dort gezielt sogenannte Gerüchte verbreiten. Somit wäre der Damm definitiv gebrochen, der durch die Abgänge von Cedric Itten und Ermedin Demirovic schon leck geworden ist.

Jordi Quintilla

Jordi Quintilla

Bild. Freshfocus

Der FC St. Gallen wird zum Selbstbedienungsladen, verursacht zum Beispiel durch eine lächerliche Transfersumme von 1,5 Millionen Franken für Silvan Hefti. Zu dieser Zahl ist einzig eine grosszügige Beteiligung bei Wiederverkauf bekannt geworden. Vielleicht war diese Summe in Heftis FCSG-Vertrag festgelegt. Hätte Silvan Hefti vergangene Saison die gleichen Leistungen zum Beispiel schon bei den Young Boys erbracht, hätte der Meister fünf Millionen Franken verlangen können – und erhalten. Kevin Mbabu wechselte vor einem Jahr für 9,2 Millionen Euro vom Meister nach Wolfsburg.

Aufgefallen

Wenn der FC St.Gallen in vier Spielen nur ein Tor zugestehen muss und dem keine starke Abwehrleistung zugrunde liegen soll, also wie da und dort angedeutet primär Fortuna zu verdanken wäre, dann können wir uns von diesem Sport verabschieden in Erinnerung an die weit zurückliegende Verlautbarung: «Glücksspiele unter freiem Himmel sind verboten.»

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache, zum Beispiel hier: Der AEK Athen, just jene Mannschaft, gegen die der FC St.Gallen seine bisher beste Halbzeit bezüglich Vorwärtsdrang zeigte, hat am vergangenen Donnerstag auch den Bundesligisten VfL Wolfsburg mit 2:1 besiegt und spielt nun in der Gruppenphase. Paddy Kälin konnte auf SRF zudem St.Gallen und Servette als jene zwei Mannschaften ankündigen, die in den beiden ersten Runden am wenigsten Schüsse aufs eigene Tor zuliessen, St.Gallen drei. Daran dürfte sich am Sonntag nicht viel geändert haben. (th)

Der Vergleich mit dem Linzer ASK

Aber, um solchen Geldsegen zu erlangen, müsste St.Gallen wie YB im internationalen Geschäft dabei sein. Das gelänge vielleicht, wenn der Klub reich wäre oder sein erfolgreiches Team fast unverändert zusammenhalten könnte. Vielleicht erkundigen sich die St.Galler einmal beim Linzer ASK, der am ehesten mit unseren Verhältnissen und unserem Spielstil zu vergleichen ist. Der Marktwert der Österreicher wird ungefähr doppelt so hoch eingeschätzt wie jener der St.Galler, obwohl die Linzer noch nie einen Transfer tätigten, ob Abgang oder Zuzug, der die Ein-Millionengrenze erreicht hätte. Das heisst, der Transferwert der Spieler muss sich im eigenen internationalen Spielbetrieb vermehrt haben.

Die Abgänge der Linzer scheinen auch weniger gravierend zu sein. Es handelt es sich diesmal um den 37-jährigen Internationalen Pogatetz und zwei Leihspieler. Sechs Leute gehörten unlängst zur Startelf, die schon vor zwei Jahren Lilleström aus der Europa-League-Qualifikation geworfen hat. Und diese Saison sprang der LASK souverän in die Gruppenphase mit Siegen gegen den slowakischen Vertreter Streda (7:0 daheim) und Sporting Lissabon (4:1 auswärts).

Quintillà weg, Demirovic zurück?

Bei einem Abgang Quintillàs müssten die St.Galler wahrscheinlich nochmals über die Bücher gehen. Bei allem Bedauern wäre damit ein Problem gelöst: Basil Stillhart, der jetzt schon zur defensiven Stabilität beigetragen hat, könnte den Platz des Spaniers einnehmen. Eine verblüffende Zugangsvariante brachte ein Besucher beim Ehemaligentreff des FC St.Gallen ins Spiel: Ermedin Demirovic könnte nochmals ausgeliehen werden, nun vom SC Freiburg.

FCSG-Neuzugang Basil Stillhart hat schon zur defensiven Stabilität beigetragen.

FCSG-Neuzugang Basil Stillhart hat schon zur defensiven Stabilität beigetragen.

Marc Schumacher / freshfocus

Dort hat er in drei Partien erst fünf Minuten gespielt und stand am Wochenende nicht einmal im Aufgebot. Die Team-Konstellation mit starken, eingespielten Stürmern ist für Ermedin Demirovic ungünstig. Der Vorschlag wurde von Gast Peter Zeidler zwar rasch wieder verworfen: «Ermedin wäre dann immer noch Leihspieler». Aber zusammen mit dem bevorstehenden Comeback von Boris Babic, mit dem sich Demirovic auf und neben dem Feld sehr gut versteht, wäre das eine verlockende Perspektive.

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