Kolumne

Gegentribüne: Weshalb Silvan Hefti und Betim Fazliji richtig entschieden haben

Der FC St.Gallen hat in jüngerer Vergangenheit viele gute Fussballer hervorgebracht. Dennoch wäre es verfehlt zu behaupten, sie wären andernorts sehr begehrt gewesen. Das gilt sowohl für den Klubfussball wie für das Nationalteam.

Fredi Kurth
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Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Urs Bucher

Die Gründe sind vielfältig. Die meisten von ihnen trafen schon vor dem Corona-Zeitalter zu. Wer zum Beispiel von einer grossen Liga träumt – und es muss nicht einmal Bayern München oder Real Madrid sein – ist dort einer weltweiten Konkurrenz ausgesetzt und kann sich kaum Chancen auf regelmässige Einsätze ausrechnen. Es sei denn, es handle sich um ein Supertalent wie vor einigen Jahren Granit Xhaka oder Xherdan Shaqiri. Doch ein solches ist im Moment im Schweizer Fussball nicht in Sicht, auch nicht im aktuellen Kader der U-21-Nationalmannschaft, die sich soeben bravourös für die EM-Endrunde qualifiziert hat. Obwohl mancher Spieler bereits das Alter von 22 Jahren erreicht hat, sind die meisten noch in Schweizer Ligen engagiert. Ihr Transferwert liegt im tiefen einstellen Millionenbereich. Einzig Noah Okafor kommt auf sieben Millionen Euro und kämpft bei RB Salzburg um Einsatzminuten.

Hefti who?

Auch für Silvan Hefti waren die Angebote aus dem Ausland nicht interessant genug, um jenes der Young Boys auszuschlagen. Es war aus seiner Sicht ein vernünftiger Schritt, obwohl die Enttäuschung bei den Anhängern des FC St.Gallen immens war: Wenn schon ein Abgang dann bitte hinüber auf eine grosse Bühne des internationalen Fussballs! Bundesliga, Premier League, vielleicht noch Serie A – das wäre einmal leer schluckend akzeptiert worden.

Das St.Galler Eigengewächs Silvan Hefti verteidigt seit dieser Saison für die Berner Young Boys.

Das St.Galler Eigengewächs Silvan Hefti verteidigt seit dieser Saison für die Berner Young Boys.

Bild: Freshfocus

Doch auch hier gilt es umzudenken: Schweizer Nachwuchsleute sind nicht mehr so umworben wie jene Generation, die U-17-Weltmeister geworden ist. Hefti hat in fünf Jahren beim FC St.Gallen seine Sporen mehr als abverdient. Bei YB bestand von Anfang an eine gegenseitige Vertrauensbasis für eine sportlich befriedigende Lösung, sprich regelmässige Einsätze. Und wer für den 23-Jährigen eine dreifache Einkommensverbesserung vermutet, dürfte kaum weit daneben liegen. Irgendwo im Ausland wäre Hefti zuerst einmal in einem riesigen Kader untergetaucht, und die Anhänger hätten gefragt: Hefti who?

Verständnis für Ermedin Demirovic

Derlei erlebt nun Ermedin Demirovic beim SC Freiburg, mit dessen Transfer der FC St.Gallen allerdings nichts zu tun hatte, weil er ausgeliehen war. Als Demirovic kürzlich über ein soziales Neuwerk stolz sein neues Luxusauto, einen Mercedes AMG GT R in der Preisklasse 160'000 Euro, präsentierte, brauchte er auch für den Spott nicht zu sorgen. Trainer Christian Streich nahm ihn indessen in Schutz:

«Jeder darf sein Geld so ausgeben, wie er will.»

Und die naive Veröffentlichung sei einem jungen Menschen noch zugestanden. Auch beim FC St.Gallen hatte Demirovic seine Vorstellungen: Ob er die Nummer 10 tragen dürfe, fragte er bei seiner Ankunft. Oder die Captainbinde, er habe gewisse Führungsqualitäten. Schliesslich erkundigte er sich ebenfalls nach einem geeigneten Garagisten für eine tolle Automarke – und wurde höflich auf die clubeigene bescheidenere Flotte verwiesen. Auch St.Gallens Klubführung hatte richtig reagiert: Es war nicht Anmassung, sondern jugendlicher Übermut, der Demirovic dafür auf dem Spielfeld umso weitertrug.

Leihspieler Ermedin Demirovic spielt seit dieser Saison wieder für den SC Freiburg.

Leihspieler Ermedin Demirovic spielt seit dieser Saison wieder für den SC Freiburg.

Bild: Michel Canonica

Geduld mit Cedric Itten

Bei Cedric Itten stimmte für den FC St.Gallen zumindest die kolportierte Ablösesumme von drei Millionen Euro, auch wenn die Homepage von «Transfermarkt» seinen Wert eine Million höher einschätzt. Für Itten schien ebenfalls manches zu stimmen: Glasgow Rangers, ein Verein mit grosser Vergangenheit buhlte um ihn. Europacup-Einsätze winkten. Und die Liga entsprach ungefähr den Anforderungen der Super League. Die Glasgow Rangers sind sozusagen die Young Boys der schottischen Premiership.

Beim FCSG hatte Cedric Itten oftmals Grund zum Jubeln – bei den Rangers muss er sich erst beweisen.

Beim FCSG hatte Cedric Itten oftmals Grund zum Jubeln – bei den Rangers muss er sich erst beweisen.

Bild: Keystone

Die Gegner stehen allerdings sehr tief, und Ittens Entfaltungsmöglichkeiten bleiben vorerst eingeschränkt. In neun Meisterschafts- und drei europäischen Einsätzen musste er sich mit zwei Partien über die volle Distanz begnügen. Zwei Tore und kein Assist lautet die bisher mässige Bilanz. Aber noch bleibt Zeit, um Trainer Steven Gerrard zu überzeugen.

Vernunft bei Betim Fazliji

Betim Fazliji spielt nun für Kosovo in der A-Nationalmannschaft.

Betim Fazliji spielt nun für Kosovo in der A-Nationalmannschaft.

Bild: Freshfocus

Ein weiterer St.Galler hat sich abgemeldet, allerdings nicht beim Klub, sondern beim Schweizer Fussballverband: Der Junioreninternationale Betim Fazliji spielt inskünftig für Kosovo – im A-Team. Vladimir Petkovic wird es zur Kenntnis genommen haben. Auch hier liegt ein realistischer Entscheid zugrunde. Einsätze im Schweizer Nationalteam sind für den Innenverteidiger in absehbarer Zeit unwahrscheinlich. Zumal Petkovic von der Super League nicht sehr viel zu halten scheint. Aktuell ist kein einziger Spieler von Meister Young Boys im 24-Mann-Aufgebot zu finden. Auch die fulminante Saison des FC St.Gallen hat keinen weiteren Schweizer Internationalen hervorgebracht, nachdem vor einem Jahr Cedric Itten sofort eingeschlagen hatte und jetzt auf Abruf bereitsteht.

Das Beispiel Jasper van der Werff

Ausland ja oder nein? Manch ein Spieler hierzulande wird inskünftig vorsichtig abwägen. Im Zweifel, denke ich, sollte aber ein junger Mensch einer solchen Verlockung nachgeben und bei allen Risiken seine Chance suchen. Der Weg zurück wäre ja nicht verbaut, wie viele Beispiele schon gezeigt haben. So hatte Jasper van der Werff vor erst zwei Jahren, vielleicht ein bisschen zu früh, St.Gallen in Richtung Salzburg verlassen und ist, auch nach Verletzungspech, inzwischen beim FC Basel sanft gelandet.

Jasper van der Werff spielt nach einem Abstecher nach Salzburg inzwischen beim FC Basel.

Jasper van der Werff spielt nach einem Abstecher nach Salzburg inzwischen beim FC Basel.

Bild: Freshfocus

Bei St.Gallen zeigte er eine aussergewöhnliche Fähigkeit: Wie sich ein Verteidiger mit Ball am Fuss aus der Abwehr lösen und die Mannschaft sofort in Umschaltschwung bringen kann. Leider hat ihm in Salzburg der damalige Trainer Marco Rose derlei verboten. Dabei ist dies bei van der Werff mit weniger Risiko verbunden als das sonst übliche Ballgeschiebe hinten herum mit manchmal haarsträubenden Zuspielen.

Aufgefallen

Der abenteuerlustige FC St.Gallen hat in der Super League bisher kaum Nachfolger gefunden. Doch einen gibt es: Es ist kein Geringerer als Meister Young Boys, der seine Abwehrlinie nun ebenfalls weit vorne installiert und mit Pressing arbeitet. Zwar vorne etwas weniger stark als der FC St.Gallen, wie Silvan Hefti festgestellt hat, aber ebenso konsequent im Mittelfeld. Anscheinend hat Trainer Gerardo Seoane der Hafer gestochen. Offensichtlich wollte er den Vorwurf, seine Mannschaft lege sich einen Gegner erst einmal langsam zurecht, um irgendwann, spätestens in der YB-Viertelstunde zuzuschlagen, nicht länger auf sich sitzen lassen. «Der Meister der Herzen» hingegen, das war der grosse Konkurrent der vergangenen Saison. Ein Begriff, den übrigens auch die NZZ übernommen hatte und somit nicht nur dem grün-weissen Medienlager zuzuordnen war. So trafen am Sonntag zwei Mannschaften mit derselben Spielidee aufeinander, und wenn zwei taktisch dasselbe tun, dann erlangt die individuell bessere Einheit die Oberhand. Jene, die genauer passt und mit den engen Spielräumen besser zurande kommt. Bei einem Chancenverhältnis von 11:6 hätte der Meister gewinnen müssen. Aber Lukas Görtler sagte es richtig: Es war der Teamgeist, der Wille zur Geschlossenheit, der die St.Galler Mannschaft nicht auseinanderfallen liess. Und natürlich war es das Ergebnis, die von Torhüter Lawrence Ati Zigi mehrfach gehaltene Null. Mit etwas Glück holte St.Gallen damit jenen Punkt, der schon in Lugano und daheim gegen Basel möglich und aufgrund des Spielverlaufs auch verdient gewesen wäre.

Seoane dürfte so rasch aber nicht zu den Wurzeln der bisherigen Erfolge zurückkehren. Chancen hat YB zuhauf. Nur Tore bleiben Mangelware, auch weil Sieggarant Jean-Pierre Nsamé mit erst zwei Treffern in sechs Spielen Ladehemmung hat und der Mangel an weiteren sicheren Schützen nun ins Gewicht fällt.

Lugano ist somit erstmals seit Einführung der Super League Tabellenführer. Es erinnert mit seiner Kontertaktik eher an Leicester City, den ebenfalls neuen Leader der Premier League, als an den FC Liverpool. Die Tessiner wandeln aber als Überraschungsmannschaft auf den Spuren des FC St.Gallen der vergangenen Saison und twittern den dazu aktuellen Tweet: «Stop the count!» (th)

St. Gallens Basil Stillhart, unten, und YBs Silvan Hefti in Aktion.
10 Bilder
Nicolas Moumi Ngamaleu (YB) gegen Alessandro Kräuchi.
St. Gallens Betim Fazliji, links, und St. Gallens Jordi Quintilla, rechts, gegen YBs Meschak Elia.
St. Gallens Lukas Görtler, links, und YBs Ulisses Garcia im Duel.
Lukas Görtler gegen Ulisses Garcia (YB) .
Christian Fassnacht vor St.Gallens Torhüter Lawrence Ati Zigi
Meschack Elia (YB) gegen Alessandro Kräuchi
08.11.2020; Bern; Fussball Super League - BSC Young Boys - FC St. Gallen;Nicolas Moumi Ngamaleu (YB) gegen Jordi Quintilla (St.Gallen) (Urs Lindt/freshfocus)
Vor leeren Rängen: Jordi Quintilla, links, und Alessandro Kräuchi, rechts, gegen YBs Ulisses Garcia.
FCSG-Trainer Peter Zeidler stoppt den Ball.

St. Gallens Basil Stillhart, unten, und YBs Silvan Hefti in Aktion.

Peter Klaunzer / KEYSTONE