Kolumne

Gegentribüne: Weshalb der FC St.Gallen schon europatauglich ist

Ungeachtet der Niederlage in Luzern mag sich mancher Anhänger schon die Frage gestellt haben, ob dieser FC St.Gallen auch auf europäischer Ebene einigermassen bestehen könnte. Eine Indizienrecherche lässt die Frage mit Ja beantworten.

Fredi Kurth
Hören
Drucken
Teilen
Da lang geht es: St.Gallen-Coach Peter Zeidler (links) mit Präsident Matthias Hüppi.

Da lang geht es: St.Gallen-Coach Peter Zeidler (links) mit Präsident Matthias Hüppi.

Bild: Freshfocus

Es gibt einige Mannschaften, denen sich der FC St.Gallen in den vergangenen Monaten in punkto Spielweise angenähert hat. Gerne erwähne ich in diesem Zusammenhang jeweils die Teams von Red Bull Salzburg, Linzer ASK, Atalanta Bergamo, Hoffenheim oder Rasenball Leipzig.

St.Gallens nächster Verwandter aus dieser Gruppe ist der Linzer ASK, der sich an diesem Wochenende als Ausgangspunkt geradezu anbietet. Dieser Klub lässt sich aufgrund seiner finanziellen Möglichkeiten, seines langfristigen Aufstiegs und der Liga, in der er engagiert ist, am besten mit dem FC St.Gallen vergleichen. Am Freitag haben die Oberösterreicher dem Serienmeister Salzburg die erste Niederlage zugefügt und die Tabellenführung übernommen.

Fredi Kurth, unser Autor von der Gegentribüne.

Fredi Kurth, unser Autor von der Gegentribüne.

Bild: Urs Jaudas

Linz eine Saison voraus

Die Linzer sind dem FC St.Gallen sozusagen eine Saison voraus. Sie wurden schon vergangene Saison Vizemeister. Sie sind wie Peter Zeidlers Team darauf bedacht, die Räume eng zu machen und Angriffe schnell abzuschliessen. Just gegen den vermeintlichen Aussenseiter aus der Stadt der Linzer Törtchen war Basel in der Qualifikation zur Champions League ausgeschieden. Eigentlich hätte der FC Basel im Hinblick auf das Heimspiel gegen St.Gallen somit vor dieser Spielweise gewarnt sein müssen...

Brügge stoppte dann zwar den LASK. Die Linzer trumpften dann aber in der Gruppenphase der Europa League wieder auf – nun mit Törchen statt Törtchen. Mit nur einer Niederlage wurden die Österreicher Gruppensieger. Dies gegen renommierte Widersacher, alles ehemalige Champions-League-Teilnehmer: PSV Eindhoven, Sporting Lissabon und Rosenborg Trondheim. In dieser Woche reist Linz zum Start der finalen Phase ins holländische Alkmaar.

Teams mit Vorwärtsdrang

Salzburg stand in der Gruppenphase der Champions League nur einen Schritt vor den Achtelfinals, verlor dann aber daheim gegen Liverpool. Atalanta Bergamo, der Tabellenvierte der Serie A, trifft in den Achtelfinals auf Valencia, Leipzig auf Tottenham. Hoffenheim verpasste den Auftritt auf der europäischen Bühne und bezahlte im Jahr davor in der CL-Gruppenphase Lehrgeld.

Von dieser Ausnahme abgesehen, zeigen die erwähnten Beispiele, dass sich Mannschaften mit ausgeprägtem Vorwärtsdrang  im internationalen Konzert nicht zurücknehmen müssen und immer noch allegro aufspielen können.

Natürlich geht es bei solchen Vergleichen ums Prinzip und lassen sich die Darbietungen des FC St.Gallen nicht umdeuten auf ähnliches Abschneiden wie jenes von Leipzig oder Bergamo. Aber ich denke, St.Gallen bewegt sich in der jetzigen Verfassung auf dem gleichen Niveau wie der Linzer ASK.

St.Gallen spielte mit Zeidler schon in Europa

Natürlich, Euro-Tauglichkeit ist ein dehnbarer Begriff. Es kommt auch auf die Konstellationen und die Auslosungen an. So haben die Young Boys zwar in der Europa League attraktive Gegner erwischt, aber auch starke – im Gegensatz zum FC Basel, der nun noch dabei ist und diese Woche gegen Apoel Nikosia spielt.

Typisch ist auch die folgende, vielleicht fast schon vergessene Begebenheit: Der FC St.Gallen hat bereits zu Beginn der Zeidler-Ära im Sommer 2018 ein Europacup-Abenteuer erlebt. Und das, obwohl die Mannschaft im Frühjahr davor von zehn Spielen neun verloren hatte. Immerhin reichte es im Hinspiel gegen Sarpsborg (später für die Gruppenphase qualifiziert) für einen Sieg. St.Gallen befand sich damals aber erst  im Umbruch.

Als sich St.Gallen vergangene Saison wesentlich besser, wenn auch unbeständig in Szene setzte, verpassten die Ostschweizer den verdienten Lohn und den Gang nach Europa.

Luzern – ein schlechtes Beispiel

Mit europatauglich ist auch nicht unbedingt das internationale Abschneiden des FC Luzern gemeint. Dieser hat seit 2010 zwar nicht weniger als sieben Mal die Ausscheidung für die Europa-League erreicht, scheiterte aber immer wieder mehr oder weniger kläglich. Vier Siegen, zwei davon je mit 1:0 gegen Klaksvik von den Färöer Inseln, und zwei Remis stehen 16 Niederlagen gegenüber. Luzern hat damit kaum etwas dazu beigetragen, das Absacken des Schweizer Klub-Fussballs in der Uefa-Wertung abzudämpfen.

Man kann sich fragen, weshalb der FC Luzern mit seinem etwas holprigen Fussball immer relativ weit vorne in der Super League klassiert ist, zu Hause Teams wie Basel und YB besiegt, in Europa aber nie auf Touren kommt. Die Antwort ist einfach: In der Schweiz wollen die Spitzenteams mit beschwingtem Fussball die Luzerner aushebeln; die Innerschweizer stellen sich dann mit ihren Mitteln bestens darauf ein. International aber wissen die Gegner, dass sie anders auftreten müssen, und handeln entsprechend.

Aufgefallen

So, wie sich die Lage der Super League an der Spitze aktuell entwickelt, könnte aus dem Drei- sogar ein Vierkampf werden – beziehungsweise Servette könnte den FC Basel bald einmal in luftiger Höhe ablösen. Nicht nur die Resultate des Aufsteigers sind beeindruckend. Die Mannschaft von Trainer Alain Geiger bewegt sich zurzeit auch im idealen Gleichgewicht von Angriffsgeist und Abwehrverhalten. Ich tippe mal, dass die Genfer noch in den Titelkampf eingreifen werden.

Der FC Luzern beweist jedoch, dass nicht die Art des Fussballs über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Alles ist möglich. Gegen YB (2:0-Sieg) lautete seine Schussbilanz 8:21, davon aufs Tor 2:2. Gegen Xamax (1:0-Sieg) 13:23, aufs Tor 3:13. Gegen St.Gallen (1:0-Sieg) 8:16, aufs Tor 5:5. Entscheidend ist die Effizienz – und im Falle des FC Luzern auch Torhüter Marius Müller. Weitere Zahlen gefällig? Eckballverhältnis 13:1 für St.Gallen. Der Zuschaueraufmarsch auf der Allmend beim Besuch des Spitzenreiters nach vier Siegen der Luzerner: 11'400. Der Kybunpark dürfte am nächsten Sonntag im Spiel gegen die Young Boys mit rund 19'000 Fans ausverkauft sein. (th)

Mehr zum Thema