GEGENTRIBÜNE: Welcher Verein darf es denn sein?

Haben Sie sich auch schon überlegt, wem die Anhänger des FC St. Gallen in Zukunft die Daumen drücken werden, wenn der älteste Fussballclub der Schweiz nicht mehr existieren sollte?

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Lokalderbys im «neuen» Espenmoos: Schon bald mehr als nur ein Traum? (Archivbild: Reto Martin)

Lokalderbys im «neuen» Espenmoos: Schon bald mehr als nur ein Traum? (Archivbild: Reto Martin)

Man könne sich seinen Lieblingsklub nicht auswählen, er werde ihm gleichsam in die Wiege gelegt, schreibt Nick Hornby in seinem viel gelesen Buch «Fever Pitch» (Rasenfieber). Und damit beginne das Leiden mit diesem Verein auf Lebzeiten.

Ausgerechnet auf die Anhänger des FC St. Gallen, einer besonders leidgeprüften Spezies unter den Fussballfreunden, werden diese Behauptungen möglicherweise nicht mehr zutreffen. Das Arena-Rasenfieber wäre im Falle eines Konkurses ausgestanden. Und die Anhänger des FC könnten sich dann sehr wohl einen neuen Verein ihrer Passion auswählen.

Brühl und Wil in der Auswahl
Also auf geht’s zum grossen Casting. Welcher Klub bezirzt die nicht so kleine FC-Fanschar und versucht deren Mitglieder auf ihre Seite zu ziehen? Zugegeben, in der Ostschweiz und im fussballerisch angegliederten Liechtenstein wäre die Aussicht, dass irgendein Verein erfolgreich um meine Gunst buhlen könnte, eher gering.

Natürlich drängte sich in der Stadt der SC Brühl auf, der im Paul-Grüninger-Stadion eine neue Blüte erlebt, erst noch mit «Zelli» als erfolgreichem Torjäger und entsprechend wachsender Publikumsgunst. Aber einfach schnöde überlaufen, sich einfach einer aktuellen Strömung ergeben? Das könnte ich mir nicht leisten.

Der FC Wil? Ja, natürlich. Gut geführter Challenge League Verein. Er könnte das Vakuum füllen. Warum nicht? Die Antwort ist einfach: Weil die 3:11-Niederlage vom 3.11.02 eine solche Verbindung ausschliesst. Eine Schande, die nicht mehr zu tilgen ist, auch nicht durch das Auslöschen des FC St. Gallen 1879 von der Fussball-Landkarte.

Was wäre sonst aber die Verlockung irgendeines Unterliga-Vereins? Bei den Heimspielen würde einen der Klubpräsident per Handschlag begrüssen. Und garantiert würden keine Hooligans unseren Weg kreuzen. Oder sind Ihnen irgendwo auf einem ländlichen Fussballplatz schon Fäuste schwingende, vermummte und johlende Chaoten begegnet? Das ist ein Gerücht der Medien.

Blick über die Grenzen
Oder doch nicht auf Spitzenfussball verzichten? Gar nicht abwegig wäre zum Beispiel eine devote Annäherung an den Grasshopper-Club. Immerhin übernähme dieser die Ehre, ältester Fussballverein des Landes zu sein. Und seine jetzige Tabellenlage macht ihn sogar sympathisch.

Oder sich vielleicht im Ausland umsehen. Warum nicht in Stuttgart oder in München? Dann eher 1860 als Bayern. Denn die «Löwen» haben genug Platz in der Allianz-Arena. Und dass die 60-er die Stadionmiete nicht mehr bezahlen können, ist kein Problem: Just die Bayern greifen nun dem Lokalrivalen mit einem namhaften Betrag unter die Arme.

Wer wäre in St. Gallen so kulant? Bayern würde als Alternative auch deshalb nicht funktionieren, weil die eine lange Warteliste für Dauerkarten-Interessenten haben. Oder wie wäre es mit einer kühnen Mitgliedschaft bei einem englischen Premier League Club? Leider ist die versprochene Fluglinie von Altenrhein nach London immer noch nicht eingeführt, wahrscheinlich von der Krise verweht.

Clubtreue vergilbt nicht
«Cool down, Fredi», werden jetzt einige einwenden, oder «du hast nicht alle». Und allmählich dämmert es mir: Tatsächlich könnte der FC St. Gallen ja selbst in einer untern Liga weiter existieren, im befreiten Espenmoos, das sich nicht mehr als Hochsicherheitstrakt präsentiert, mit Stadtderbys, für die wegen des grossen Zuschauerinteresses in die leere Arena-«Ruine» ausgewichen würde.

Nick Hornby hat wohl doch Recht. Den ersten Fussball-Verein kann man nicht einfach abschütteln wie ein Laubblatt auf dem Regenmantel. Da gilt: «The first cut is the deepest.» Das geht tiefer als die erste Romanze, der erste Kuss. «Liebe ist nur ein Wort», behauptet Johannes Mario Simmel in seinem Roman. Clubtreue ist mehr.

Fredi Kurth