Kolumne

Gegentribüne: Was können die Grünschnäbel des FC St.Gallen wirklich?

Die junge Mannschaft ist das grosse Thema des FC St.Gallen am Beginn dieser Saison und dürfte es noch eine Weile bleiben. Vor allem die Frage «Wie viel Jugend erträgt sie oder wie viel Routine hat sie dennoch nötig?» dürfte früher oder später auftauchen.

Fredi Kurth
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Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler setzen auf Jugend – wird diese Strategie aufgehen? (Bild: Keystone)

Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler setzen auf Jugend – wird diese Strategie aufgehen? (Bild: Keystone)

Die Fussballer des FC St.Gallen sind bis zu 51 Jahre jünger als ich. Da liegen etliche Generationen dazwischen eingedenk der Tatsache, dass die Laufbahn eines erwachsenen Fussballers rund 15 Jahre dauert. Und manchmal frage ich mich, ob ich mir bei so viel Distanz noch erlauben darf, den Stab über eine Mannschaft, bestückt mit lauter Grünschnäbeln, zu brechen.

Die Farbe stimmt

Immerhin grün passt zum FC St.Gallen, und der Nachwuchs ist sein Kapital, heisst es manchmal. Nur diese Verbindung zur Klubfarbe hat bis vor kurzem so ausgeprägt nie stattgefunden, obwohl seit der grossen Krise im Jahr 2010 die Talentförderung intensiviert worden ist. Hochbegabte à la Barnetta waren selten zu finden, und just der nun zurückgekehrte Moreno Costanzo kam ihm vielleicht am nächsten. Einige allerdings wurden falsch eingeschätzt oder glaubten nicht an eine echte Chance und schafften es dennoch bis in Topligen – ohne oder kaum einmal in der ersten Mannschaft des FC St.Gallen zu spielen.

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth (Bild: Urs Bucher)

Gegentribüne-Kolumnist Fredi Kurth (Bild: Urs Bucher)

Auch anderswo verkannte Talente

Doch überall, wo junge Fussballer in grossem Stil Ausbildung erhalten, werden sie zuweilen im eigenen Haus abgewiesen, weil falsch eingeschätzt oder der Zeitpunkt ungünstig war oder eine Ablösesumme lockte. Auch der FC Basel liess schon Spieler ziehen, die ihnen als Gegner plötzlich das Leben schwer machten, auf St.Galler Seite ist oder war dies bei Cedric Itten, Dereck Kutesa und Marco Aratore zu beobachten.

Trainer Peter Zeidler hat das Auge für fussballerische Begabung, die er für seine instruierte Spielweise benötigt. Und wenn Sportchef Alain Sutter auch noch junge Leute von Inter Mailand, Chelsea bis hinunter in die 3. Bundesliga engagiert, dann haben wir rasch die Mischung von Grünschnäbeln beisammen, wie sie sich jetzt präsentiert. Wobei der Vergleich ornithologischer Beschreibung nicht ganz standhält: Grünschnäbel gehören der Kategorie Faulvögel an und wirken plump.

Thuner Spürnasen

Mit solchen Eigenschaften wäre der FC St.Gallen nicht schon in der vergangenen Saison die Mannschaft mit den meisten Einsatzminuten von Schweizer U21-Internationalen gewesen. Dafür erhält er jeweils eine spezielle Entschädigung. Am wenigsten Einsatzminuten verzeichneten Lugano (3) und der FC Thun (0). Vor allem die «Bilanz» der allseits gelobten Berner Oberländer erstaunt. Wer sich nicht näher mit ihnen beschäftigt, vermutet hinter den Erfolgen des Aussenseiters ebenfalls eine tiefgreifende Nachwuchsförderung. Doch das trifft nicht zu. Denn von den 18 Spielern im Aufgebot für das zurückliegende Super-League-Spiel gegen Basel waren Stammspieler Stefan Glarner und der nicht eingesetzte Uros Vasic die einzigen aus der eigenen Juniorenabteilung.

Die meisten von ihnen schafften den Sprung ins Profilager über die Nachwuchszentren von Future Champs Ostschweiz, Young Boys, Luzern oder Basel. Einige hatten schon Erfahrung in der Challenge League. Ausländer sind einzig der Japaner Nikki Havenaar, der Slowene Kenan Fatkic und der Liechtensteiner Dennis Salanovic. Die Thuner als die Schmarotzer der Liga zu bezeichnen, wäre allerdings unschicklich. Sportchef Andres Gerber und Trainer Marc Schneider haben eine feine Spürnase für Talente.  Der FC Thun, der überdies den Bau einer neuen Arena verkraftete, bietet somit eine Auffangstation für Schweizer Talente. Aus St.Galler und Wiler Sicht profitieren aktuell Roy Gelmy, Basil Stillhart und Nias Hefti.

Mag sein, dass sich Zeidlers Auge im Falle von Nias Hefti, der ablösefrei ins Berner Oberland gewechselt ist, für einmal getäuscht hat. Doch darüber zu befinden, wäre zu früh. Der Goldacher wurde einst jedenfalls als das noch grössere Talent als sein Bruder Silvan angepriesen.

Schlüsselspiel gegen Lugano

Die Niederlage beim FC Zürich hat offen gelegt, dass die zuvor einige Zeit währende Stabilität nicht in jedem Spiel garantiert ist, besonders bei einer jungen Mannschaft. Es war die schwächste Leistung seit der 0:1-Niederlage am 16. Mai in Lugano. Nun treffen die St.Galler am nächsten Sonntag im letzten Spiel vor der Herbstpause wieder auf die Tessiner. Offen ob Zeidler jetzt schon Anpassungen vornehmen und allenfalls mit Milan Vilotic oder Moreno Costanzo mehr Routine in die Startformation nehmen wird. Bis zum Cupmatch am 14. oder 15. September in Winterthur bliebe sonst genügend Zeit für Überlegungen und Tüftelei.

Aufgefallen

Nach dem Spiel beim FC Zürich gab es wieder einmal gruselige Schlagzeilen, die keinen andern Schluss zulassen: Der Schweizer Fussball hat das Chaoten-Problem nicht im Griff. Inwiefern er ausschliesslich dafür verantwortlich gemacht werden muss oder eine lasche Gesetzgebung, ist ungeklärt. Tatsache ist: Wenn viele Gründe für den Zuschauerschwund sorgen, dann sind solche Vorfälle weit oben – wenn nicht sogar zuoberst – aufzuführen. Ich kenne einen langjährigen Dauerkartenbesitzer des FC St.Gallen, der sich bereits in der vergangenen Winterpause vom Kybunpark verabschiedet hat. Ihm genügte «nur» schon, dass es auch der neuen Klubführung nicht gelungen ist, das Zünden von Pyrotechnik zu verhindern. Im Frühjahr verursachten Anhänger der Grasshoppers zweimal einen Spielabbruch.

Merke: Wer ins Stadion geht, hat nicht einmal Garantie auf einen ordentlichen, kompletten Spielverlauf. Ausserhalb des Stadions randalieren St.Galler Chaoten, wann immer ihnen beliebt. Es war der vierte Vorfall in zwei Jahren auf dem Platz Zürich, wo es aber auch sonst bunt zu und her geht: Im vergangenen Jahr registrierte die Stadtpolizei Zürich insgesamt 84 Vorfälle im Zusammenhang mit Gewalttätern aus der Fussballszene, vornehmlich von FCZ- und GC-Chaoten. 69 Täter konnten identifiziert werden. Ihnen werden Delikte wie Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Beamte oder das Abbrennen von Pyros zur Last gelegt. Soll niemand mehr sagen, es handle sich nur um ein paar Wenige. Und mit Blick in die Gästeblocks treten die Zuschauer dort immer als Einheit auf, schwarz gekleidet, gegebenenfalls vermummt. Die Bestrafungen von Tätern und Vereinen sind milde.

Nur rigorose Massnahmen würden helfen, unter anderem namentliche Sitzplatzregistrierung, zumindest in den Fanblocks. Dann könnten sich jene Blockbesucher abgrenzen, die angeblich mit den Radaubrüdern nichts zu tun haben wollen. Der Schweizer Fussball muss sich entscheiden: Will er wie in England oder Italien die Fussballfreunde im Stadion oder die vermeintlich alleinigen Stimmungsmacher. (th)

Standesgemäss, aber glanzlos: Der FC St.Gallen übersteht die erste Cuprunde – 4:1 beim FC Monthey

Der FC St.Gallen qualifiziert sich mit einem 4:1-Erfolg in Monthey für die zweite Runde im Cup. Die Ostschweizer gehen bei den vier Klassen tiefer spielenden Wallisern früh durch Victor Ruiz in Führung, ehe sie den Ausgleich kassieren. Kurz vor der Pause trifft Dereck Kutesa zum 2:1, in der 63. Minute erhöht Cedric Itten auf 3:1. Das 4:1 erzielt der junge Angelo Campos.
Patricia Loher

Familienvater in Zürich von FCZ-Fan niedergeschlagen

Ein Familienvater ist am Mittwochabend in Zürich vor den Augen seiner Kinder von einem FCZ-Fan niedergeschlagen und schwer verletzt worden. Der Vorfall ereignete sich nach dem Fussballspiel des FC Zürich gegen den FC St. Gallen.