Kolumne

Gegentribüne: Warum dem FC St.Gallen einiges zugetraut werden darf

Als der FC St.Gallen drei seiner besten Spieler (mit Daniel Lopar waren es sogar vier) Ende Saison abgeben musste, war die Skepsis gross. Doch die hat sich inzwischen in gesunden Optimismus verwandelt. Und der ist nicht unberechtigt.

Fredi Kurth
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Wo geht die Reise für den FCSG in dieser Saison hin? (Bild: freshfocus)

Wo geht die Reise für den FCSG in dieser Saison hin? (Bild: freshfocus)

Basels Trainer Marcel Koller hatte sich vor dem Rückspiel gegen PSV Eindhoven von seiner Mannschaft ein verfrühtes 1. August-Feuerwerk erhofft. Auch im Kybunpark bei St.Gallen gegen Borussia Dortmund waren die Teams gut aufgelegt und erzielten in der ersten Halbzeit – Stand 1:3 – schon so viele Tore wie in der 2. Runde der Super League in allen fünf Spielen zusammen. Was aber sagen uns solche 1. August-Feuerwerke im Fussball?

Die Anhänger des FC St.Gallen lassen sie vielleicht ein wenig die Stirne runzeln. Was in Spielen gegen bekannte Namen noch zu einem Achtungserfolg reichte – vor zwei Jahren 0:0 gegen Southampton, vor einem Jahr 1:1 gegen Brighton & Hove, diesen Sommer 0:0 gegen Celtic, 2:2 gegen Sporting Lissabon, 3:0 gegen Bochum und in der Meisterschaft in Basel 2:1 gewonnen – das genügte gegen Borussia Dortmund nicht mehr.

Dortmunder Prominenz plus Marwin Hitz

Man könnte einwenden, Dortmund sei eben doch eine Nummer grösser als all die genannten Gegner. Und da traten die Deutschen, die mit Titelambitionen in die Bundesliga-Saison starten, doch mit etlichen Titularen an: mit den Weltmeistern Mario Götze und Mats Hummels, mit Marco Reus, eben gerade zu «Deutschlands Fussballer des Jahres» gewählt worden, und mit weiteren Nationalspielern wie Nico Schulz oder Axel Witsel.

(Bild: Ralph Ribi)
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Und zur Freude der St.Galler Anhänger durfte im Tor Marwin Hitz, Dortmunds Nummer 2, den Kasten hüten, der Thurgauer, der so gerne einmal für den FC St.Gallen gespielt hätte und der wie so manch anderes Talent hierzulande nicht richtig eingeschätzt wurde. Der eigentlich überall anderswo in der Bundesliga auch Nummer 1 sein könnte und dieses grosse Format für mich etwas unverständlich freiwillig gegen ein kleineres und für ein paar Euros mehr ausgetauscht hat.

Einer aus der Startformation in Basel

St.Gallens Trainer Peter Zeidler hatte anders als sein Gegenüber Lucien Favre den Begriff Testspiel ganz wörtlich genommen und schickte zu Beginn all jene Spieler, die in dieser Saison nur zweite Wahl waren, auf den Platz. Von den Helden von St.Jakob war von Beginn weg einzig Yannis Letard im Einsatz. Das konnte nicht gut gehen. Dabei fiel weniger die geringere fussballerische Klasse ins Gewicht als die fehlende Praxis dieser zusammengewürfelten Formation. Nach gut zwei Minuten lag der Ball schon im St. Galler Netz.

Ohne VAR und Pyros

Dem Fussballfest, wie es der neue Stadionmoderator Joe Keller angekündigt hatte, tat es keinen Abbruch. Der milde Sommerabend, die vorläufige Saisonrekordkulisse von 13'207 Zuschauern, die vielen gelb-gewandeten Dortmunder Fans, wenn auch weit weniger leidenschaftlich als jene von Sporting Lissabon, munterer Fussball VAR- und pyrofrei und am Ende artiger Applaus. Eigentlich fehlte nur noch eine 1. August-Rede, von Fifa-Präsident Gianni Infantino. Ich mag diese Spiele, die wir Zuschauer ohne Leistungsdruck verfolgen können, ohne Nervenanspannung, völlig losgelöst.

St.Gallens Konstanz über längere Zeit

Doch da flackern vor unserem geistigen Auge auch Fragezeichen auf, weil wir immer gerne früh in die Zukunft blicken wollen. Was haben die bisherigen Spiele zu bedeuten? Nun, ich habe ein gutes Gefühl. Wir erlebten zwar normale Abnormität mit einer weiteren Niederlage gegen Luzern und dem erneuten Sieg in Basel. Doch es waren zwei gute Leistungen, und die oft geforderte Konstanz können wir noch weiter zurückverfolgen.

Zwar haben Zeidlers Leute in diesem Jahr acht Meisterschaftsspiele verloren (davon fünf ausschliesslich gegen Luzern und Lugano). Aber vor allem das Defensivverhalten hat sich gebessert bei weiterhin viel Neigung zu Sturm und Drang. Das spielerische Potenzial konnte trotz den Umstellungen im Mittelfeld gehalten werden. Fähigkeiten, die auch in der Vorbereitung gegen starke Testpartner angedeutet wurden. Kurz: Vieles sieht bereits sehr solide aus. Am Sonntag gilt es in Neuenburg gegen den FC Nuzzolo, gegen eine wahrscheinlich mit vielen Abwehrbeinen ausgestattete Mannschaft, diese Beständigkeit erneut nachzuweisen.

Aufgefallen

Der ewig unterschätzte Marcel Koller. Wer hätte ihm im Sommer 1999 den Titel mit dem FC St. Gallen ein Jahr später zugetraut und noch ein Jahr später das Husarenstück gegen Chelsea. Den VfL Bochum rettete er mehr als einmal in aussichtsloser Position und als sicheren Abstiegskandidaten vor dem Fall in die 2. Bundesliga. In Österreich rümpfte männiglich die Nase, als er zum Nationalcoach berufen wurde, wo er aber das Nationalteamnach diversen Widerständen zum Trotz aus der Talsohle hervorholte.

Noch mehr erstaunt, dass dem Zürcher auch in Basel bis zum heutigen Tag, oder vielleicht doch nur bis gestern vor Spielbeginn gegen Eindhoven, Missbehagen entgegengebracht wurde. Gegen die Holländer war seiner Mannschaft ebenfalls schon von verschiedener Seite das sichere Ausscheiden prophezeit worden. Das alles ist schwer verständlich, weil der FC Basel mit Koller in 21 Super-League-Spielen hintereinander nur ein Spiel verloren hatte (1:3 bei YB), bei 15 Siegen und fünf Unentschieden - bis vergangenen Samstag der FC St. Gallen in Basel aufkreuzte. So ist es aber umgekehrt logisch, dass in sämtlichen mir bekannten Saisonvorschauen, alle Experten die Young Boys zum Dreifachmeister in Serie vorhergesagt haben.

In Basel werden Trainer selten alt. Acht Coaches in zehn Jahren – das ist gemessen an den Erfolgen auf nationaler und internationaler Ebene ein beschämend hoher Verschleiss. Fast entsteht der Eindruck, dass am Rheinknie - wie in Sion - Trainer nicht gross werden dürfen. Es sei denn, er heisst Christian Gross (Trainer von 1999 bis 2009). th