Gegentribüne
Tragödie oder Happy-End? – Die Saison des FC St.Gallen als Drama in vier Akten

Es muss nicht einmal die glanzvolle vorangegangene Saison bemüht werden. Allein in der aktuellen zeigt der FC St.Gallen ganz verschiedene Gesichter. Nun wird er in der Tabelle nach unten gereicht. Ein Rück- und Ausblick in vier Akten.

Fredi Kurth
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Kolumnist Fredi Kurth.

Kolumnist Fredi Kurth.

Bild: Tobias Garcia

1. Akt: Die grosse Überraschung

Der FC St.Gallen bemüht sich auch in der neuen Saison um offensiven Fussball. Doch nach drei Runden verdankt er die drei Siege nicht dem Angriffsschwung, sondern der sehr soliden Defensive. Sie sollte sich auch in den folgenden vier Runden, obwohl kein Sieg mehr gelingt, bewähren. Zwar gibt es Leute, welche die Defensive als zu porös erachten. Sie lasse zu viele Chancen zu, profitiere vom überragenden Torhüter Lawrence Ati Zigi und einer riesigen Portion Glück. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. St.Gallen lässt total in sieben Spielen nur sechs Gegentore zu, davon drei allein gegen Basel und hält hinten in vier Partien die Null. In all diesen Spielen, inklusive Meister Young Boys als Gegner, war die Abwehrreihe stets mit dem gleichen Personal bestückt.

Das Erfolgsgeheiminis hat vier Namen: Kräuchi, Stergiou, Faziliji, Muheim.

Diese Kette harmoniert so gut, dass selbst der Abgang von Silvan Hefti in Bezug auf das Abwehrverhalten verkraftet werden kann. Gleichzeitig aber erreicht der Angriff – das weniger erstaunlich – nicht mehr die Durchschlagskraft der Vizemeister-Mannschaft. Die Neuerwerbungen müssen sich erst finden. Allgemein ist bei den Zuschauern das Verständnis da, dass bei nun weniger Gegentoren, vorne auch weniger läuft und somit kleinere Brötchen gebacken werden müssen. Die Balance stimmt. Selbst bei allem Offensivdrang ist die Abwehr stark genug, um regelmässig Punkte einzufahren.

Der Vorhang fällt. Verhaltener Applaus des Publikums – so weit vorhanden.

2. Akt: Die grosse Täuschung mit neuen Abwehrleuten

Miro Muheim (rechts) ist eine feste Grösse im St.Galler Team geworden.

Miro Muheim (rechts) ist eine feste Grösse im St.Galler Team geworden.

Martin Meienberger

Nun folgt eher ein Entr’acte, wie Peter Zeidler sagen würde, eine kleine Unterbrechung. Denn jetzt muss die Abwehr zweimal umgestellt werden. Gegen Lausanne ersetzt Vincent Rüfli Alessandro Kräuchi auf der rechten Aussenverteidiger-Position, gegen Zürich sind es schon drei Spieler. Die Abwehrreihe lautet: Rüfli, Stergiou, Stillhart, Traorè. Letzterer ein Stürmer.

Alarmzeichen ertönen. St.Gallen gerät gegen Lausanne zu Hause mit zwei Toren in Rückstand, schafft aber noch den Ausgleich zum 2:2. In Zürich gelingt sogar dank zwei Toren von Elie Youan ein 2:1-Sieg, der neue FCZ-Trainer Massimo Rizzo erfährt einen Rückschlag. St.Gallens Publikum, nun längst wieder daheim vor den Fernsehapparaten, klatscht frenetisch. Nun scheint alles möglich zu sein, selbst Ausfälle und Corona könnten St.Gallen nicht stoppen. Der Optimismus sollte sich im späteren Verlauf der Saison als Illusion erweisen.

3. Akt: Zurück zur Normalität

Dem FC St.Gallen steht in der Verteidigung wieder die eingespielte Truppe zur Verfügung: Kräuchi, Stergiou, Fazilij, Muheim, zumindest in drei Auftritten hintereinander. Die Resultate lauten 1:0, 0:0, 0:0. Ein Tor geschossen, keines erhalten. Die Gegner Lausanne, Lugano, Basel. Gegen YB beim 1:2 muss Leonidas Stergiou durch Yannis Letard ersetzt werden, der prompt durch einen Stellungsfehler den Sieg der Berner ermöglicht.

Gegen Vaduz im neuen Jahr fällt der Ausfall von Miro Muheim weniger ins Gewicht. Die Reihe mit Boubacar Traorè als Verteidiger hat es schon einmal gegeben. Beim 2:0 gerät St.Gallens Defensive kaum einmal in Nöte. Doch der anspornende Applaus zielt auf mehr Spektakel auf der Fussballbühne.

4. Akt: Das Drama peitscht sich hoch

Dieses lässt noch auf sich warten. Das missfällt dem gelangweilten Videoassistenten, auch VAR genannt. Er mischt sich ein und entscheidet den Match gegen Lugano mit Penaltyentscheid. Dabei war für ihn gar keine Rolle vorgesehen. Sein Chef rügt den frechen Eindringling nach dem Stück. In den nächsten Partien ist es vorbei mit St.Gallens defensiver Herrlichkeit. Die neuen Leute Traorè und Euclides Cabral als Muheim-Ersatz begehen entscheidende Fehler. Theaterregisseur Peter Zeidler hat aber Verständnis für die jungen Spieler, die müssten eben noch Erfahrung sammeln, erst recht auf einer Bühne der kleineren Häuser wie in St.Gallen.

Das Drama erreicht inzwischen aufregende Höhen, weil gleichzeitig die Stürmer plötzlich zu grosser Form auflaufen. Es wurden ja auch fleissig neue Offensivleute engagiert, und nun vergleichen die Feuilleton-Kritiker das attraktive Schauspiel mit jenem der vorherigen Saison. Mit dem Unterschied, dass der FC St.Gallen jetzt auf der falschen Seite steht. Das verehrte Publikum fragt sich nicht mehr: «Gegen welchen nächsten Gegner gewinnt die Mannschaft, sondern gegen welchen nächsten Gegner reicht es wieder nicht zum Sieg?». 2:3 gegen FC Zürich, 2:3 gegen Sion, 2:2 gegen Servette lauten die Ergebnisse.

Musah Nuhu (links) und Yannis Letard befinden sich noch nicht in alter Verfassung.

Musah Nuhu (links) und Yannis Letard befinden sich noch nicht in alter Verfassung.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Das Problem liegt im hinteren Teil der Mannschaft. Das magische Quartett hat nur noch einen gemeinsamen Auftritt, beim 0:1 daheim gegen Servette. Sonst muss sich einer nach dem andern entschuldigt abmelden. Stergiou wird zum Aussenverteidiger, Musah Nuhu nach langer Pause und Letard befinden sich noch nicht in alter Verfassung. Die Praxis für die Vorstellung fehlt. Nur Proben ist zu wenig. Nun harmoniert das ganze Ensemble nicht mehr ideal. Zuletzt reichen drei Tore nicht zu einem Punktgewinn. Gegen Lausanne am vergangenen Samstag ist wieder eine neue hintere Reihe im Einsatz: Stillhart, Stergiou, Letard und Muheim. St.Gallens Sturmwind ist nicht mehr in der Lage, die ungenügende Vorstellung im Abwehrverhalten auszugleichen.

Das Ende der Vorstellung: Tragödie oder Happyend

Zeidler ist nicht zu beneiden. Wahrscheinlich könnte eine Abwehrlinie mit Stillhart, Stergiou, Fazliji und Muheim die Saison noch retten, auch wenn Verteidigen auf dem Feld weiter vorne beginnt und dort Stillhart wertvollen Widerstand leisten könnte.

Wie das Drama enden wird, ist offen, ob in einer Tragödie oder mit Happyend. Von der Gegentribüne ruft jemand: «Rauch entweicht aus der Logen-Etage!». Von unten widerhallt es:

«Seid unbesorgt, die Feuerwehr ist schon unterwegs.»